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Redebeitrag der fantifa auf der Demo am 24.10.2020

Zur Notwendigkeit antisexistischer Arbeit

Montag, 07:00 Uhr

Der Wecker klingelt, Blick aufs Handy. In der Freundinnen-Chat-Gruppe hat eine nachts Links gepostet und schreibt dazu:

he schaut mal, schon wieder ein Übergriff, dieses Mal in dem Hausprojekt in Erfurt.

Ich öffne Instagram, 5 Nachrichten im Postfach:

schau mal, dieser Typ aus Thüringen, wohnt der nicht jetzt in Leipzig? Du hast doch Freunde, die da wohnen, kannst du mal nachfragen?

Schau mal, der Outcall… ich pack das nicht mehr.

Hey, ich muss ne Social Media Pause machen, ich geh kaputt.

Du, mir ist am Wochenende was Schlimmes passiert.

Hallo, sag mal du hast doch schon mal U-Gruppen-Arbeit gemacht, wir versuchen gerade, Lisa zu unterstützen, kannst du dir vorstellen, dazu zu kommen?

Ich lasse die Nachrichten erstmal unbeantwortet, gehe auf den Balkon und atme.

Auf dem Weg zu Arbeit radle ich in Connewitz am Pivo vorbei, am Willsons. Wütende Genoss*innen haben dort nachts ihre Meinung zu sexualisierter Gewalt an die Wände gepappt. Ich höre innerlich schon die Gespräche in den Kneipen “Ja also das ist schon auch nicht okay, was da passiert ist, aber er hat sich ja entschuldigt” “Ey der ist damit Selbstständig und verliert seine Existenz” “Militanz bringt uns auch nicht weiter”.

Sofort wird mein Magen flau.

Ich packs nicht mehr, Leute.

Auf Arbeit erzählt mir meine Kollegin von einem brutalen Überfall in ihrer Heimatstadt in Sachsen-Anhalt bei dem Faschos eine schwangere Frau aus Eritrea verprügelt haben.

In meiner Facebook-timeline steht antisemitischer Scheiß vom großen Austausch und wie Frauen, Feminist*innen und Juden Schuld daran seien.

An diesem Tag werde ich noch 2 mal auf der Straße gecatcalled und im Fitti blöd angeglotzt. Beim Plenum fällt mir ein Genosse wiederholt ins Wort, denkt, sein anschließendes knappes “Sorry, dass ich dich unterbreche, aber…” würde das entschuldigen.

Zuhause berichtet mir meine Mitbewohnerin von einem ersten Date mit einem Mann, der links organisiert ist und irgendwann nicht mehr aufhören konnte, mit seinen Heldentaten als linker Antifakrieger zu prahlen. Er schwafelte von ersten Kämpfen als Jungantifa aufm Dorf, schwärmte dann vom “krassen” G8 Gipfel “damals in Heiligendamm” (“da gabs noch geile Sportgruppen”) und erzählt schließlich von der letzten Auseinandersetzung, bei der man es dem besoffenen Sexisten vom Nachbartisch so richtig gegeben hätte.

Und mit einem Funkeln in den Augen erklärte er ihr wie wichtig er es fände, dass Männer doch auch endlich mal über ihre Gefühle und Ängste reden würden. Wie sie das als Frau finde, fragte er meine Freundin. Ihre Antwort musste er natürlich nicht abwarten – es tue so gut, einfach mal mit jemandem reden zu können.

Abends lese ich einen Text dazu, warum die kritische Männlichkeitsgruppe in Leipzig gescheitert ist. Spoiler: es lag an den Männern :o)

Ich kenne keine weiblich gelesene oder queere Person in meinem Freundeskreis, die nicht schon einmal gegen ihren Willen angefasst, krass beleidigt wurde oder der schlimmeres passiert ist.

Ich packs nicht mehr, Leute.

Als wir gelesen haben, dass die Genoss*innen von Rassismus tötet eine große Gedenkdemonstration zu Opfern von rechter Gewalt organisieren, war klar: wir wollen teilhaben. Wir wollen teilhaben, weil wir als feministische Antifagruppe darauf angewiesen sind, dass engagierte Genoss*innen seit so vielen Jahren schon aktive Politik gegen Faschos machen, und unermüdlich und aufopfernd arbeiten. An dieser Stelle möchten wir der Orga ganz herzlich danken. Wir sehen, was ihr wuppt. Umso mehr hat es uns gefreut, dass heute hier so viele verschiedene Stimmen vereint werden können, im Kampf gegen rechte Gewalt und Diskriminierung.

Als feministische Antifagruppe kommen wir allerdings nicht umhin, auch etwas zum Thema Antifeminismus zu sagen.

Wie eingehend beschrieben sind Flint* täglich mit Sexismus und Übergriffen konfrontiert.

Doch auch die Statistiken sprechen für sich: Von den gezählten 276 Menschen, die 2019 von der Opferberatung RAA in Sachsen nach einem Angriff beraten wurden, waren fast die Hälfte Frauen und Menschen, die sich nicht binär verorten. So treffen rassistische, antisemitische, homofeindliche und rechte Übergriffe auch Frauen, Lesben, Trans, Inter, Non-Binary und queere Menschen. Die Zahlen zeigen einmal mehr, wie sehr Körper, Sexualität und Geschlechterrollen oder die Ablehnung pluraler Familien- und Lebensformen vereinende Themen für patriarchale Dominanz, gesellschaftliche Normierung und wieder mehr denn je rechter und völkischer Ideologien und religiöser Fundamentalismen sind.

Was haben die Täter alle gemeinsam? Wo treffen sich Maskulinisten, Rassisten, Faschos jeder Coleur und egal ob im Parlament oder in der Kameradschaft organisiert, Abtreibungsgegner, antisemitische Incels, eifersüchtige mordende Expartner? In kollektivierter und organisierter Misogynie und Gewalt.

Wir alle, die heute hier sind, kennen diese Fälle. Wir kennen sie, wir kennen die Zahlen. Wir beobachten besorgt und kämpferisch den rechten Backlash unserer Gesellschaft. Wir erleben die sexistischen Übergriffe und die patriarchalische Zurichtung an unseren eigenen Körpern und Identitäten. Wir erleben Einschränkungen in unserer Autonomie: vom Recht auf Abtreibung bis zum Recht darauf, uns selbstbestimmt und friedlich zu trennen, oder nachts alleine und unbeschadet joggen gehen zu können!

Wir haben uns heute dem Block gegen Femizide angeschlossen, um die in Deutschland noch recht neue Debatte um geschlechtsbasierte Morde zu unterstützen. Denn eine von vielen Ursache für Morde an Frauen und Queers sind männliche Dominanz und Besitzdenken von Männern und der Gesellschaft.

Warum erzählen wir von unserem Montag, vom Alltagssexismus, von Opferberatungszahlen und von Femiziden? All diese Dinge haben etwas gemeinsam: sie haben Männlichkeit als Ursache. Dass Kapitalismus, das Patriarchat, Rassismus, die AfD und… naja die Liste ist lang- beschissen sind, abgeschafft und konsequent bekämpft gehört und warum das so ist, das wissen die meisten.

Als feministische Antifagruppe kommen wir aber einfach auch nicht umhin, die Chance hier zu nutzen, einen Appell an die männlichen Genossen hier zu richten.

Du bist gefordert!

aktivistisch, profeministisch und unerschrocken sollst du sein.nnicht nur individuell, sondern auch kollektiv: fordere dich selbst, und auch deine männlichen Freunde.
Es geht uns nicht nur um einen Privilegien-Check oder um Reflektion.
Du musst begreifen:

Für manche Flint* geht es ums nackte Überleben im tödlichen Patriarchat.

Versteck dich nicht hinter Floskeln wie “Ich respektiere Frauen” “Fußballfans gegen Homophobie” oder “Sexisten aufs Maul”. Angesichts der Häufung der öffentlich thematisierten Vorfälle in innerlinken Strukturen, aber auch allen Fällen, die in der Gesellschaft passieren sagen wir dir heute: Antisexismus ist keine Option mehr, kein Thema, was du optional bearbeiten kannst.

Eine Auseinandersetzung mit Männlichkeit erfordert kontinuierliche Arbeit und Selbstkritik, die sich an konkreten Widersprüchen abarbeitet und sie annimmt.

Wir wissen, wie hart die Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten und dem Denken sein kann. Das wissen wir, weil wir sie in unseren feministischen Gruppen jeden Tag, in unserem Alltag jeden Tag verhandeln müssen.

Wir packen das nicht alleine.

Wir wollen aber auch nicht darum bitten, wir wollen euch Feminismus nicht schmackhaft machen oder alles erklären. Die Ressourcen habt ihr selbst, Generationen an Profeministischen Männer-Antifagruppen haben vor euch schon zu dem Thema gearbeitet,das Internet ist voller Texte und Dokumente. Alle Gruppen, in denen Männer aktiv sind, müssen zu Antisexismus und Männlichkeitskritik arbeiten. Antisexismus muss von dort aus in die Gesellschaft hineingetragen und eingefordert werden. Solange die Auseinandersetzung mit Männlichkeit isoliert von feministischen Kämpfen und der Frage nach der konkreten Rolle von Männern darin stattfindet, bleibt sie etwas, das Männer mit zweifelhaften Motiven tun und lassen können, wie es ihnen beliebt.

Auseinandersetzung mit Sexismus, in eigenen Strukturen und in der Gesellschaft ist ein Mindestmaß an Anforderung, was wir an euch, an die männlichen Genossen, die hier zuhören, stellen. Nur wenn ihr selbst aktiv werdet, einschreitet, diskutiert, euch selbst als profeministisch bezeichnet und auf dieses Ideal hinarbeitet, können wir auf unsere gemeinsame Vorstellung von Gesellschaft, auf unsere Utopie, auf unser herrschaftsfreies Zusammenleben hinarbeiten, Seite an Seite.

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Pressemitteilungen im Oktober

25.10.2020: In der Woche vom 19. bis 24. Oktober fanden in Leipzig eine Reihe von Veranstaltungen zu den Themen rechte Morde seit 1990 und rechtsradikale Netzwerke statt.

Die Gruppe “Rassismus tötet!” – Leipzig organisiert seit 2011 eine jährliche Gedenkdemonstration für alle Opfer rechter Gewalt in Leipzig. 2010 wurde Kamal K. in Leipzig von zwei Neonazis ermordet. Mit einer Demonstration sollte an die mindestens zehn Menschen in Leipzig und weiteren Todesopfern im Bundesgebiet erinnert werden, die seit 1990 aus rechten Motiven ermordet wurden. Am 24. Oktober 2020 jährte sich der rassistische Mord an Kamal K. in Leipzig bereits zum zehnten Mal.

In den vergangenen zehn Jahren ist viel dafür getan worden, dass die rechte Ideologie der Mörder von Kamal nicht mehr geleugnet wird und dass der Mord nicht in Vergessenheit gerät.

Am Montag fand im Rahmen der “kritischen Einführungswochen” an der Universität Leipzig ein Rundgang in der Innenstadt statt, um an drei rechte Morde in der Stadt zu erinnern. Am Dienstag veranstaltete das “Ladenschlussbündnis gegen Neonazis“ eine Demonstration zum Thema rechtsradikale Netzwerke im Leipziger Zentrum. An dieser nahmen 250-300 Menschen teil. Unter der Woche wurden Flyer in der Nähe des Gedenkstein für die Todesopfer rechter Gewalt in Leipzig seit 1990 verteilt. Unbekannte Personen brachten eine Gedenktafel für den ermordeten Achmed B. in der Nähe des Tatortes an einem Gebäude an um an den rassistisch motivierten Mord zu erinnern.

Am Samstag veranstaltete die Gruppe „Rassismus tötet!“ – Leipzig eine Demonstration unter dem Motto „Niemand ist vergessen, Nichts ist vergeben!“. An der Demonstration nahmen mehr als 1000 Menschen teil. An drei Tatorten wurden Blumen und Kerzen abgelegt. Eine hinter der Oper von unbekannten angebrachten Gedenktafel an einer Parkbank für den ermordeten Wohnungslosen Karl-Heinz T. wurde dabei beschädigt vor gefunden.

Der Sprecher der Gruppe “Rassismus tötet!“ – Leipzig, Hannes Heinze, äußert sich dazu wie folgt:

“Wir wollen weiterhin dazu beitragen, das Schweigen, Wegschauen, Leugnen und Verharmlosen des Rassismus und der rechten Gewalt in diesem Land und der Stadt zu beenden. Menschen wie Kamal dürfen nicht vergessen werden. Und so liegt es auch in diesem Jahr nicht beim Staat, sondern bei aktiven Antifaschist*innen und Antirassist*innen, das Gedenken an Kamal K. und allen weiteren Todesopfern rechter Gewalt in Leipzig und Deutschland lebendig zu halten. Wir haben heute auf der Demonstration sowohl auf den rechten Terror in dieser Gesellschaft und der Stadt Leipzig aufmerksam gemacht, als auch auf die rechtsradikalen Netzwerke bis in staatliche Stellen. Rassismus und rechte Gewalt sind Alltag hier, auch wenn das gerne seit Jahrzehnten versucht wird zu verdrängen, auch vom Leipziger Oberbürgermeister.”

Klaus R., Bernd G., Horst K., Achmed B., Nuno L., Thomas K., Karl-Heinz T., Kamal K. sowie vermutlich zwei weitere Menschen sind in Leipzig seit 1990 durch rechte Täter ermordet worden. In keinem anderen Ort in Sachsen sind mehr Menschen Todesopfer rechter Gewalt geworden.

Für Bilder von der Demonstration kann sich an folgende Menschen gewendet werden:

https://www.flickr.com/photos/lionelcbendtner/albums/72157716608468287

https://www.flickr.com/photos/pm_cheung/albums/72157716600229338

https://www.flickr.com/photos/backstreetnoise/sets/72157716601420636/

Es gab einen bundesweiten Aufruf sich an Aktionswochen zu beteiligen. Dazu sind bereits zwei Bilder entstanden:

Rostock: https://twitter.com/alphak55/status/1317523727194771460
Leipzig: https://twitter.com/RASSISMUSTOETET/status/1315360955866415105

Aufruf zur Demonstration am 24. Oktober: https://www.rassismus-toetet-leipzig.org/index.php/niemand-ist-vergessen-nichts-ist-vergeben


19.10.2020: Pressemitteilung “Aktionswoche zu Todesopfern rechter Gewalt in Leipzig”

In der Woche vom 19. bis 24. Oktober finden in Leipzig eine Reihe von Veranstaltungen zu den Themen rechte Morde seit 1990 und rechtsradikale Netzwerke statt.

Die Gruppe “Rassismus tötet!” – Leipzig organisiert seit 2011 eine jährliche Gedenkdemonstration für alle Opfer rechter Gewalt in Leipzig. 2010 wurde Kamal K. in Leipzig von zwei Neonazis ermordet. Mit der Demonstration soll an die mindestens zehn Menschen in Leipzig und weiteren Todesopfern im Bundesgebiet erinnert werden, die seit 1990 aus rechten Motiven ermordet wurden. Am 24. Oktober 2020 jährt sich der rassistische Mord an Kamal K. in Leipzig bereits zum zehnten Mal.

In den vergangenen zehn Jahren ist viel dafür getan worden, dass die rechte Ideologie der Mörder von Kamal nicht mehr geleugnet wird und dass der Mord nicht in Vergessenheit gerät.

Am Montag wird es im Rahmen der “kritischen Einführungswochen” an der Universität Leipzig einen kleinen Rundgang in der Innenstadt geben, um an drei rechte Morde in der Stadt zu erinnern. Am Dienstag findet ab 15 Uhr, von der Moritzbastei aus, eine Demonstration vom “Ladenschlussbündnis” gegen Neonazis zu rechtsradikalen Netzwerken im Leipziger Zentrum statt. Am Samstag zieht eine größere Demonstration unter dem Titel „Niemand ist vergessen, Nichts ist vergeben!“ ab 16:30 Uhr vom Südplatz aus durch die Stadt. Weitere Veranstaltungen unter der Woche sind noch in Planung.

Der Sprecher der Gruppe “Rassismus tötet!“ – Leipzig, Hannes Heinze, äußert sich dazu wie folgt:

“Wir wollen weiterhin dazu beitragen, Schweigen, Wegschauen, Leugnen und Verharmlosen des Rassismus und der rechten Gewalt in diesem Land und der Stadt zu beenden. Menschen wie Kamal dürfen nicht vergessen werden. Und so liegt es auch in diesem Jahr nicht beim Staat, sondern bei aktiven Antifaschist*innen und Antirassist*innen, das Gedenken an Kamal K. und allen weiteren Todesopfern rechter Gewalt in Leipzig und Deutschland lebendig zu halten.”

Es gibt einen bundesweiten Aufruf sich an der Aktionswoche zu beteiligen. Dazu sind bereits zwei Bilder entstanden:

Rostock: https://twitter.com/alphak55/status/1317523727194771460

Leipzig: https://twitter.com/RASSISMUSTOETET/status/1315360955866415105

Aufruf zur Demonstration am 24. Oktober: https://www.rassismus-toetet-leipzig.org/index.php/niemand-ist-vergessen-nichts-ist-vergeben

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Niemand ist vergessen, Nichts ist vergeben!

Klaus R., Bernd G., Horst K., Achmed B., Nuno L., Thomas K., Karl-Heinz T., Kamal K. sowie vermutlich zwei weitere Menschen sind in Leipzig seit 1990 durch rechte Täter ermordet worden.

Sie wurden aus rassistischen, homosexuellenfeindlichen oder sozialdarwinistischen Motiven ermordet. Doch selten werden die Betroffenen rechter Gewalt auch als solche anerkannt. Das weiße Mehrheitsdeutschland findet bei weit über 200 solcher Morde und jährlich hunderten Gewalttaten noch immer den Einzelfall, Verständnis für TäterInnen und (Mit-)Schuld bei den Betroffenen.

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Aktuelles Allgemein

Kundgebung 14.5.: Keine Einzeltäter – Netzwerk vor Gericht

Nach vier Jahren soll am 14. Mai 2020 der Geschäftsführer Tobias B. von der Leipziger Sicherheitsfirma »Pro GSL GmbH« wegen des Neonazi-Angriffes in Connewitz vor dem Amtsgericht erscheinen. Es muss damit gerechnet werden, dass auch dieses Mal, die rechten Netzwerke, die den Neonazi-Angriff geplant und organisiert haben, verharmlost und nicht thematisiert werden.

“Sicherheit” und Neonazis

Bereits im November 2016 richtete sich eine antifaschistische Demonstration gegen die Sicherheitsfirma »Pro GSL GmbH«. Bis zu 20 gewaltbereite Neonazis warteten damals auf einem Dach der als Firmensitz angegebenen Adresse in der Großen Fleischergasse 4 und riefen „NSU, NSU“.

Von Zwickau bis Connewitz

Die beiden Geschäftsführer der “Sicherheitsfirma” sind keine Unbekannten. Im NSU-Untersuchungsausschuss im Jahr 2016 hatte ein Zeuge ausgesagt, einer von ihnen habe einen Schlüssel zum Büro des Zwickauer Unternehmers Ralf „Manole“ Marschner gehabt, der Teil des NSU-Unterstützer*innennetzwerks war. Geschäftsführer von »Pro GSL GmbH«, Oliver R., soll laut einem Geschäftspartner Marschners mit Nachdruck die Herausgabe von dessen Computer gefordert haben. Auf diesem fanden die Ermittler später die Titelmelodie von „Paulchen Panther“ – die Hintergrundmusik des NSU-Bekennervideos.

Und das Geschäftsführer-Duo von »Pro GSL« hat noch deutlich mehr auf dem Kerbholz. Geschäftsführer Tobias B. steht jetzt für den Neonazi-Angriff am 11. Januar 2016 im Stadtteil Connewitz vor dem Amtsgericht. Er wurde gemeinsam u.a. mit Neonazis von der »Weiße Wölfe Terrorcrew«, Hooligans vom Hallenschen FC und vom 1. FC Lokomotive Leipzig und Protagonist*innen der »Imperium Fighting Championship« am Tat-Abend fest gesetzt.

Bereits am 20. April 2015 ist Tobias B. zusammen mit weiteren Neonazis bei einem »Legida«-Aufmarsch auf Bildern zu sehen. Immer wieder kam es am Rande der Aufmärsche zu Angriffen auf Gegendemonstrant*innen. Die Übergriffe ereigneten sich oft in der Nähe der »Haifischbar« in der Großen Fleischergasse 4, später am Cafe Hundertwasser.

Auf den Bildern vom April 2015 taucht Tobias B. zusammen mit Kevin D., Neo­nazi-­Hooligan Riccardo Sturm, Daniel W. (der Projektleiter der MDR-Tochter »Media Mobil GmbH« ist und bereits für den Angriff in Connewitz verurteilt wurde) oder Tim Z. (MMA-Kämpfer der »Imperium Fighting Championship« und bei den gewalttätigen Protesten gegen die Erstaufnahmeeinrichtung syrischer Flüchtlinge in Dresden 2015 vor Ort) auf.

Oliver R. von »Pro GSL« war an diesem Tag Ordner beim »Legida«-Aufmarsch. Die völkisch-rassistische Bewegung »Legida«, die ab 2015 kontinuierlich Aufmärsche in Leipzig durchführte, steht auch im Zusammenhang mit dem Neonazi-Angriff vom 11. Januar 2016 auf der Wolfgang-Heinze-Straße. Es war zeitgleich zur Legida-»Geburtstags«-Demo, als der rechte Mob in Connewitz wütete.

Die Sicherheitsfirma »Pro GSL GmbH« findet sich in Leipzig bei vielen Baustellen als Objektschutz, stellt aber auch regelmäßig Security für unterschiedliche Geschäfte oder Veranstaltungen, wie beispielsweise 2017 beim Lindenauer Hafenfest.

Keine Netzwerke nur “Einzeltäter“

Ebenso wie bei den Morden des NSU, beim Mord an Lübcke und den Morden in Hanau, interessieren sich Polizei und Staatsanwaltschaften nicht für die rechtsradikalen Netzwerke und Hintergründe. Ähnlich ist es auch bei einem der größten und organisiertesten Angriffe der letzten Jahre in Sachsen: bis heute gibt es keine Ermittlungen und Verfahren gegen die Strukturen des Neonazi-Angriffs in Connewitz. Immer wieder behaupten die Täter vor Gericht alleine dort gewesen zu sein und irgendwo hinten oder in der letzten Reihe gelaufen zu sein und sonst nichts zu wissen oder gesehen zu haben.

Immer wieder werden rechtsradikale Taten entpolitisiert und organisierte, sowie geplante Angriffe zu „Einzelfällen“ erklärt. Noch am Tatabend versuchte der Sprecher der Polizei Leipzig aus dem Angriff in Connewitz eine Auseinandersetzung unter Fußballfans zu machen.

Die langjährigen Strukturen und Akteure werden immer wieder verharmlost. Für die Täter heißt dies, dass sie keine ernsthaften Konsequenzen zu befürchten haben und weiter machen.

Wir nehmen das nicht hin und rufen dazu auf, die Prozesse zu begleiten.

Rechte Netzwerke bekämpfen und offenlegen!


14. Mai 2020 um 12 Uhr vor dem Amtsgericht Leipzig

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Netzwerk voller Einzeltäter – Vier Jahre nach dem Neo-Nazi-Angriff auf Connewitz

09. Januar Kundgebung um 9:30 Uhr vor dem Amtsgericht Leipzig.

Am 09. 01 wird es eine Kundgebung von uns vor dem Amtsgericht geben, denn um 10 Uhr wird
dort gegen Kersten H. und Daniel W. wegen dem Neonaziangriff in Connewitz verhandelt. W. sollte schon vor einem Jahr seinen Prozess haben. Daniel W. arbeitet(e) als Projektleiter bei Media Mobil GmbH „Ihr Partner, wenn es um die professionelle Aufzeichnung und Übertragung von Sportevents, Konzerten oder Unterhaltungsformaten geht“, wie es auf der Seite des Unternehmen heißt. Die Media Mobil GmbH ist einer der führenden Anbieter mobiler Außenproduktionen in Mitteldeutschland und arbeitet größtenteils für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten wie den MDR.

Der Justizbeamte Kersten H. bewachte nach seiner Beteiligung an dem rechten Angriff in Connewitz gleich mehrere weitere Beteiligte des „Sturms auf Connewitz“. In den Justizvollzugsanstalten Leipzig und Bautzen waren Personen in seinem direkten Arbeitsbereich inhaftiert, die für dieselbe Tat angeklagt sind wie er.


Veranstaltung am 11. Januar um 16 Uhr Frauenkultur Leipzig (Windscheidstraße 51)

Am 11. Januar vor vier Jahren verwüsteten über 300 Neonazis Connewitz, verletzten min. 3 Personen und verursachten einen Sachschaden von über 110.000 €. Über zweieinhalb Jahre nach ihrer Tat beginnt die juristische Abarbeitung, die immer noch äußerst schleppend voran kommt und de facto keine Aufklärung über die Hintergründe verspricht. Falschaussagen und Widersprüche werden ignoriert, vorbestrafte Neonazis erhalten „günstige Kriminalprognosen“ und Bewährungsstrafen. Weniger als ein Drittel der Täter ist bisher rechtskräftig verurteilt.

Dieser Stand des juristischen Umgangs mit Neonaziverbrechen ist aber keine „Leipziger Besonderheit“. Mit rechtsterroristischen Gruppen wie der „Freien Kameradschaft Dresden“ (FKD) oder der „Gruppe Freital“ stehen in Sachsen immer wieder Neonazis im öffentlichen Fokus, mit zum Teil jahrelangen andauernden juristischen Aufarbeitungen. Gegen die „Freie Kameradschaft Dresden“ wird aktuell, auch wegen des „Sturms auf Connewitz“, noch verhandelt.

Wir nehmen den Jahrestag zum Anlass und möchten mit dem Viertel und allen Interessierten folgenden Fragen nachgehen:
– Was ist der Stand der Prozesse gegen die (mutmaßlichen) Täter des 11.01.?
– Was sind die größten Probleme dabei?

Nach einem Überblick der Prozessbeobachtungsgruppe wird der Journalist Aiko Kempen ausgewählte Schlaglichter auf besonders nennenswerte Zusammenhänge setzen.

Die Prozessbeobachtungsgruppe begleitet seit Beginn die Verhandlungen um #le1101 und dokumentiert seit über 1 ½ Jahren das Geschehen im Gerichtssaal unter prozess1101.org.
Aiko Kempen ist Journalist und schreibt für den Kreuzer.

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Name it, face it – Rechten Terror bekämpfen

Seit Beginn des Jahres 2019 beschäftigen wir uns als Bündnis intensiv mit dem Themenkomplex „Rechter Terror“. Hier dokumentieren wir unser Diskussionspapier:
„Name it, face it – Rechten Terror bekämpfen“.

Veranstaltungen & Aktionen

Bisher sind in Erlangen, Hamburg und Rostock Veranstaltungen geplant.  Zudem wird es eine Plakat- und Aufkleberkampagne geben. Alle bisher bekannten Veranstaltungen wurden hier gesammelt.

Name it, face it – Rechten Terror bekämpfen (Aufruf & Thesenpapier)

Download der für den Druck gestalteten Broschüre

Mit Blick auf den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), sagte Zschäpe-Anwältin Anja Sturm 2017 in ihrem Plädoyer, dieser könne nicht als terroristische Vereinigung eingestuft werden, da seine Taten nicht zur Einschüchterung der (Gesamt-)Bevölkerung dienten. In dieser Wahrnehmung gilt Gewalt nur dann als Terror, wenn sie auf die Dominanzgesellschaft [1] abzielt. Bei aller linken Abwehr dieser Argumentation, spricht Rechtsanwältin Sturm damit lediglich aus, was sich am NSU als gesamtdeutscher Konsens entlarvt hat. Weil die Anschlags- und Mordserie nicht auf weiße Deutsche [2] verübt wurde, sondern rassistisch Markierte [3] in Angst versetzen sollte, wollte niemand den Terror erkennen: nicht die Polizei- und Verfassungsschutzbehörden, nicht die Medien, nicht die Zivilgesellschaft und auch nicht die radikale Linke. Statt gezielte Attentate eines neonazistischen Netzwerkes zu sehen, suchte die deutsche Öffentlichkeit deren Hintergründe akribisch bei den Betroffenen. Die rassistische Wahrnehmung machte den rechten Terror unsichtbar. Der Unwillen, die Bedrohung durch rechten Terror wahr- und ernst zu nehmen, zementiert den gesellschaftlichen Ausschluss der Betroffenen. Ob rassistisch Markierte, Jüdinnen* Juden, Wohnungslose oder andere, die im Visier rechter Gewalt stehen – ihnen wird gesagt „ihr gehört nicht dazu“ und „euer Leben ist nicht so viel wert wie unseres“ – die Dominanzgesellschaft macht sie damit vogelfrei, anstatt sie zu schützen. Mit den folgenden Thesen wollen wir dazu beitragen, die Strukturen neonazistischer Gewalt sichtbar zu machen, ihre Verstrickung in die sich autoritär formierende Gesellschaft [4] offen zu legen und rechten Terror als solchen zu benennen.

„Terror oder Terrorismus?“

In verschiedenen Zusammenhängen, gerade in der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte, gibt es zwei unterschiedliche Sammelbegriffe: Terror und Terrorismus. Beide haben den Anspruch bestimmte Phänomene zu beschreiben. Sie sind von ihrem Gebrauch her nicht immer klar in ihrer Bedeutung, werden oftmals synonym, in manchen Fällen unzutreffend oder falsch verwendet. Terror (lat. Furcht, Schrecken) als historisch-moderner Konzeptbegriff zur Beschreibung von systematischer und willkürlicher Gewaltanwendung zur Verbreitung von Angst und Schrecken, existiert seit der Aufklärung. Terror wird hierbei als legitimer Akt eines Staates angesehen, Menschen gefügig zu machen. Der Begriff Terrorismus dagegen ist jünger und beschreibt das Ausüben von Terror zur Erreichung bestimmter politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Ziele. Es gibt aber keine allgemein akzeptierte wissenschaftliche Definition von Terrorismus. Schwierigkeiten bereiten insbesondere Abgrenzungen zu politischem Widerstand oder Aktivismus. Historisch lässt sich feststellen, dass eine Verschiebung hinsichtlich der Akteur*innen und der Bewertung stattgefunden hat: weg von einer legitimen Form von Staatsgewalt, hin zu gegen den Staat gerichteten Aktionen von Personen und Gruppen. Darüber hinaus findet der Begriff heutzutage umgangssprachlich in zahlreichen Wortzusammensetzungen Gebrauch, wo er oftmals für aggressive Umgangsformen oder extreme Belästigung steht (Psychoterror, Telefonterror u.a.).

1. RAF und 9/11 statt NSU – Rechter Terror bleibt in Deutschland unsichtbar.

Terror ist im medialen und politischen Diskurs allgegenwärtig. Seit den Anschlägen am 11.September 2001 nimmt die Bedrohung durch islamistischen Terror eine bedeutsame Stellung in innen- und außenpolitischen Debatten ein und ist darüber hinaus ins politische Alltagsbewusstsein eingesickert. Hier bedient der Begriff Terror häufig antimuslimische Ressentiments und rassistische Bilder von der „Bedrohung des Abendlandes“. Einige Jahrzehnte zuvor wurden in Europa unter dem Schlagwort Terror bewaffnete antiimperialistische Gruppen verfolgt. In Westdeutschland schrieb sich der sogenannte Deutsche Herbst als Terror ins öffentliche Bewusstsein ein, erhielt eine Berücksichtigung im Strafgesetzbuch (§129) und diente als Vorwand für eine weitere Kampagne gegen die gesamte radikale Linke.
Beiden Verwendungen des Begriffs Terror ist gemein, dass er keine neutrale Beschreibung darstellt, sondern immer auch als politischer Kampfbegriff verwendet wird. Der Diskurs diente in beiden historischen Situationen dazu, Bürger*innenrechte zu beschneiden, neue Überwachungstechnologien einzuführen und repressive Politik durchzusetzen. Das Reden vom Terror befeuerte ein Klima der Angst, in dem Spielräume für die autoritäre Umformung des Staates geschaffen wurden. Die Erweiterung staatlicher Befugnisse im Namen der Sicherheit wird dabei von der Bevölkerung legitimiert, bürgerliche Freiheiten in vorauseilendem Gehorsam über Bord geworfen. Maßnahmen, die einmal als ultima ratio der „Terrorabwehr“ eingeführt wurden, finden sich wenige Jahre später schon in der polizeilichen Standardpalette.
Obwohl die Rede vom Terror politisch allgegenwärtig scheint und vordergründig zahlreiche Reformen und Debatten antreibt, ist auffällig, dass rechte Gewalt dabei systematisch ausgeblendet wird. Wenn Neonazis Übergriffe, Anschläge oder Morde planen und ausführen, die gezielt Menschen treffen, welche nicht zu der von ihnen imaginierten Volksgemeinschaft gehören und damit Angst schüren wollen, dann wird dies nicht als Terror wahrgenommen. Vielmehr wird von verwirrten Einzeltäter*innen, psychisch Erkrankten oder vernachlässigten Jugendlichen gesprochen. Der Zusammenhang zwischen den Taten wird dabei ausgeblendet, die Bedrohung verharmlost und jegliche Verantwortung weggeschoben, weil die Betroffenen nicht zur Dominanzgesellschaft zählen. Rechter Terror bleibt so unsichtbar. Beispielhaft dafür ist der Anschlag am und im Olympia Einkaufszentrum in München 2016, bei dem neun Personen getötet und fünf weitere verletzt wurden. Bis heute wird das rassistische Tatmotiv in weiten Teilen der Gesellschaft, allen voran den Sicherheitsbehörden, relativiert.

2. Werwolf und Tag X – Rechter Terror hat in Deutschland eine lange Tradition.

Auch wenn sich rechtsextremer Straßenterror bereits in der Weimarer Republik etabliert hat, so setzen wir zum Zwecke unserer Analyse den Startpunkt, von dem bis heute eine Kontinuität ausgeht, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Angesicht der deutschen Niederlage skizzierte SS-Offizier Arthur Ehrhardt in „Werwolf – Winke für Jagdeinheiten“ ein militärisches Vorgehen für Einzeltäter*innen und Kleingruppen, die aus dem Verborgenen heraus für einen faschistischen Gesellschaftsumsturz kämpfen sollten. Durch zielgerichtete Gewalt sollte ein Bürgerkrieg entfacht werden, den es dann zu gewinnen gälte. Der darin enthaltene rechte Mythos, der einzelnen, mutigen Kämpfer*innen, die zu extremen Gewalttaten bereit sind, befeuert bis heute rechte Heldenerzählungen in Musik, Magazinen und im Internet. Gleichgesinnte sind aufgerufen als einsame Wölfe oder als Kleingruppen im führerlosen Widerstand solche Gewalttaten zu planen und auszuführen. Durch wachsame Beobachtung ähnlicher Taten sollten sie darüber hinaus erkennen, wann der Tag X gekommen sei, um gemeinsam loszuschlagen. Das meint im Grunde eine faschistische Revolution. In der Phantasie rechter Terrorist*innen ist der Tag X lediglich der Auftakt zu einem Bürgerkrieg, der in eine faschistische Gesellschaft mit all ihren verheerenden Konsequenzen münden soll. Eine aktuelle Ausformulierung dieser Strategie findet sich in den „Turner Diaries“ des US-Amerikaners William Pierce, die in den rechten Szenen der USA und Europas breit rezipiert wurden.
Nach Kriegsende richtete sich der Terror zunächst vorrangig gegen Linke und Antifaschist*innen. So legte in den 1950er Jahren der „Bund Deutscher Jugend“ Listen von politischen Gegner*innen an und rüstete sich mit Waffen aus. Dabei wurde er von ehemaligen SS- und Wehrmachtsangehörigen unterstützt, die mit antikommunistischen Attentaten die Niederlage des Nationalsozialismus rächen wollten. Auch die oberflächliche Entnazifizierung Deutschlands wurde zur Zielscheibe rechten Terrors. Es gab mehrere Bomben- und Mordanschläge gegen Spruchkammern, die versuchten NS-Täter*innen zur Rechenschaft zu ziehen.
Ab den 1960ern gerieten vermehrt alliierte Soldat*innen ins Visier rechter Attentäter*innen. Ein Beispiel ist Ekkehard Weil, der zunächst 1970 einen sowjetischen Wachsoldaten mit einer Schusswaffe schwer verletzte und sich später nach Österreich absetzte, wo er noch mehrere antisemitische Anschläge verübte.
Rechter Terror trifft bis heute auch immer wieder Jüdinnen*Juden sowie ihre Einrichtungen. Erwähnt sei hier der Mord am jüdischen Verleger Shlomo Lewin und seiner Lebensgefährtin Frida Poeschke 1980 in Erlangen durch ein Mitglied der „Wehrsportgruppe Hoffmann“.[5]
Mitte der 1970er plante eine Gruppe von Neonazis um Manfred Börm und Michael Kühnen das Ehepaar Beate und Serge Klarsfeld zu entführen, Grenzanlagen der DDR anzugreifen, die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen zu zerstören und den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß aus dem Gefängnis zu befreien. Außerdem hatte die Gruppe Banken und Sparkassen überfallen um ihre Strukturen und weitere Anschläge zu finanzieren. Sie schreckten auch nicht davor zurück Soldat*innen anzugreifen um deren Waffen zu erbeuten.
Zwischen 1977 und 1984 attackierte die katholisch-fundamentalistische „Gruppe Ludwig“ Homosexuelle, Sexarbeiter*innen, Drogenkonsument*innen, Sinti*ezza und Priester, denen sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen wurde. Mit Molotow-Cocktails, Messern und anderen Waffen töteten sie im Raum von Süddeutschland bis Norditalien insgesamt fünfzehn Menschen. In ihren Bekenner*innenschreiben verwendeten sie neben religiösen Symbolen auch Hakenkreuze.
Neben dem bis heute unaufgeklärten Oktoberfestattentat kam es in den 1980ern vermehrt zu rassistischen Brandanschlägen und Angriffen auf Geflüchtete und deren Unterkünfte. 1980 ermordeten die „Deutschen Aktionsgruppen“ in der Hamburger Halskestraße Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân – ein Anschlag, der erst seit wenigen Jahren ins politische Gedächtnis zurückgetragen wird.[6] Der Anführer der „Deutschen Aktionsgruppen“, Manfred Roeder, galt in den 1990er Jahren als Heldenfigur unter Neonazis und auch der NSU solidarisierte sich mit ihm.
Um die Jahrtausendwende wurden Verstrickungen deutscher Neonazis in „Combat 18“-Strukturen bekannt. Dabei handelt es sich um den bewaffneten Arm des rechten Musiknetzwerks „Blood and Honour“ und hat sich ebenfalls dem führerlosen Widerstand verschrieben. Antifa-Recherchen ergaben 2018, dass diese sich aktuell neu formiert haben.[7]
Aktuell sind diverse Verfahren gegen Rechte Gruppen unter Terrorverdacht anhängig oder abgeschlossen. („Gruppe Freital“, „Revolution Chemnitz“, „Aryans“, „Oldschool Society“, etc.). Es gibt Medienrecherchen über „Preppergruppen“ von teils aktiven, teils ehemaligen Polizei- und Bundeswehr-Mitgliedern, die sich für den Fall der gesellschaftlichen Ordnung wappnen, Todeslisten anlegen, Waffen und Munition horten. (siehe „Nordkreuz“, „Uniter“[8]) Viele dieser Zusammenhänge sind noch lange nicht aufgeklärt.

3. Nicht für alle unsichtbar – Rechte Taten sind Botschaftstaten.

Trotz dieser jahrzehntelangen Kontinuität wird rechter Terror von der Öffentlichkeit anlässlich jedes rechten Anschlags oder Attentats immer wieder neu entdeckt. Das liegt auch daran, dass er sich den gesellschaftlichen und institutionalisierten Rassismus zu Hilfe nimmt: Er spricht vor allem zu denen, an die er adressiert ist.
Die Angriffe zielen dabei nicht nur auf die körperliche Unversehrtheit der direkt Betroffenen ab, sondern sollen alle potentiell Betroffenen in Angst versetzen, sie einschüchtern, sie in ihrem Alltag einschränken, ihre politische Partizipation ersticken, und sie damit letztendlich gesellschaftlich weiter ausgrenzen. Die Botschaften rechten Terrors werden von den Betroffenen meistens vor der Dominanzgesellschaft als solche erkannt. Beispielhaft hierfür ist, dass bereits 2006 – fünf Jahre vor der Selbstenttarnung des NSU – Angehörige unter dem Motto „Kein 10. Opfer“ auf den rassistischen Hintergrund der Taten aufmerksam machten. Die Neonaziszene erkannte die Taten ebenfalls als das, was sie waren und feierte diese unter anderem in rechten Publikationen und Songtexten.
Rechter Terror funktioniert also als doppelte Botschaftstat, bei der jeder Anschlag eine Nachricht übermittelt – an die Betroffenengruppe und an die rechte Szene. Um die implizierten Botschaften zu übermitteln, bedarf es oft keiner Bekenner*innenschreiben, getreu dem Motto „Taten statt Worte“, wie es auch in dem Bekennervideo des NSU und in Schriften von „Combat 18“ propagiert wird.
Neben der Tat an sich, ist das Ziel rechten Terrors einen vermeintlichen Tag X herbeizuführen. Ebenso kursiert dieser Begriff in den rechten Netzwerken von „Uniter“ und „Nordkreuz“, deren Mitglieder zu großen Teilen aus Polizei und Bundeswehr stammen.

4. Immer wieder Einzelfall – Rechter Terror wird öffentlich nicht als solcher wahrgenommen.

Die Geschichte rechten Terrors in Deutschland seit 1945 ist eng verwoben mit Abwehrstrategien und Mustern der Verharmlosung, die sich in der Öffentlichkeit nach jeder Tat wiederholen. Die Angriffe werden „isolierten Einzeltäter*innen“ zugeschrieben, die angeblich ohne Netzwerk gehandelt hätten[9]. Dabei wird die Vernetzung rechter Gewalttäter*innen beispielsweise durch Szene-Events, Fanzines und in Internet-Foren ignoriert[10]. Des Weiteren werden die Täter*innen häufig als gescheiterte Existenzen, psychisch Erkrankte oder frustrierte Verlierer*innen portraitiert und ihr rechtes Gedankengut heruntergespielt. Ebenso werden die Taten als „Amokläufe“ entpolitisiert und gehen als tragische Einzelfälle ins öffentliche Bewusstsein ein.[11]
Kommt es nach einem Anschlag mit unbekannten Täter*innen zu polizeilichen Ermittlungen, wird rechter Terror entweder gar nicht in Betracht gezogen, ignoriert oder nur unzureichend verfolgt. Stattdessen gibt es häufig Ermittlungen und Verdächtigungen gegen die Betroffenen, denen in rassistischer Manier eine Mitschuld am Erlittenen unterstellt wird. Weisen sie selbst auf die Möglichkeit eines rechten Hintergrunds hin, so werden sie ignoriert oder sogar mundtot gemacht.
Wenn rechter Terror überhaupt als solcher anerkannt wird, findet eine gesellschaftliche Abspaltung statt, die diesen als „das ganz andere“ brandmarkt. Es wird ausgeblendet, dass er in einer Gesellschaft entsteht, die strukturell rassistisch eingerichtet ist und in der Neonazis Rückhalt genießen. Rechtes Gedankengut, wie Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Antiziganismus, findet sich überall in der Gesellschaft und bereitet den Nährboden für rechte Gewalt. In einigen deutschen Dorf- und Stadtgemeinschaften ist der rechte Konsens so stark, dass sich selbst Rechtsterrorist*innen nicht verstecken brauchen, sondern sich fühlen können wie die „Fische im Wasser“[12]. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass der Umgang mit Rechtsterrorismus altgedienten Abwehrmechanismen folgt.

5. Mythos Einzeltäter*in – Die Organisierung findet auch im digitalen Raum statt

In der öffentlichen Deutung rechter Terrorakte werden die Biographien der Täter*innen stets nach Anzeichen für psychische Erkrankungen durchleuchtet oder mindestens deren zu bemitleidendes Leben in den Vordergrund gerückt. Durch den Verweis auf diese Faktoren wird das politische Motiv der Tat negiert. Anstatt die rechte Ideologie zu erkennen, werden die Täter*innen pathologisiert und als Einzeltäter*innen dargestellt.
Dabei machen die Täter*innen in Bekenner*innenschreiben, -videos und Forenposts keinen Hehl aus ihren politischen Motiven und zitieren durch die Ausführung der Taten vorherige rechte Attentate.
Sie filmen diese und übertragen sie ins Internet, damit ihre Botschaften live gesehen werden und Nachahmer*innen finden. Die Mordanschläge in Halle, Christchurch, El Paso, Pittsburgh sind weitere Beispiele für die weltweite digitale Vernetzung der Täter*innen. Auch der Attentäter vom Anschlag am Münchener Olympia-Einkaufszentrum war in Kontakt mit einem weiteren späteren Attentäter.
Wenngleich sie ihre Tat faktisch alleine planen und ausführen, agieren sie nicht isoliert. Rechte Communities im Internet ermöglichen die Taten durch gemeinsame Hetze und gegenseitige Bestätigung im menschenfeindlichen Weltbild, bis sich Einzelne legitimiert sehen ein Attentat zu verüben. Bei der Beschaffung von Geld, Waffen und Informationen wird auf die digitale Vernetzung zurückgegriffen. Sie muss als eine alternative Organisierungsform zur klandestin operierenden Terrorzelle begriffen werden.

6 Fortführung mit anderen Mitteln – Rechte Straßengewalt und rechter Terror

Rechter Terror ist eine Form rechter Gewalt, die ein Element der Planung und Zielgerichtetheit voraussetzt. Gemein ist beiden, dass sie ihre Opfer nicht aus individuellen Gründen wählen, sondern als Vertreter*innen einer ideologisch verhassten Gruppe. Beide dienen dazu, die Gruppe der Betroffenen insgesamt anzugreifen und durch eben diese wahllose Bedrohung einzuschüchtern.
Pogrome können als spontanere Praxis rechter Gewalt verstanden werden, die im Erfahrungswissen der Bevölkerung verankert ist. Für die Geschichte rechter Gewalt in BRD und DDR spielt diese Praxis eine tragende Rolle. Was Anfang der 1990er Jahre im sogenannten wiedervereinigten Deutschland, sei es in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Mannheim-Schönau oder anderswo, geschah, knüpfte an eine deutsche Tradition an.
Pogromstimmung und ihre Folgen beruhen zumeist nicht auf der situativen Planung einzelner Akteur*innen. Vielmehr bereitet eine vorangegangene Hetze den Boden für die Bereitschaft vieler Normalbürger*innen, sich an den Gewalttaten spontan zu beteiligen. Diese Form der Gewalt entfaltet auf die Betroffenengruppen jedoch eine ähnliche Wirkung wie rechter Terror. Sie verbreitet die Angst, dass man jederzeit attackiert werden könnte, weil man mit gemeint ist. Verständnis der Lokalpolitik für die Gewalttäter*innen und das Wegsehen der Behörden vermitteln darüber hinaus, dass weder Schutz noch Hilfe von der Dominanzgesellschft zu erwarten ist.
Rassistische Mobilisierungen, pogromartige Ausschreitungen und rechter Terror stehen in Wechselwirkung zu einander, wie sich 2016 in Bautzen und 2018 in Chemnitz gezeigt hat. Stimmungsmache gegen Marginalisierte und staatlich tolerierte Straßengewalt bestärken Neonazis darin, einen Schritt weiter zu gehen und sich damit als Speerspitze eines gemeinsamen Kampfes zu inszenieren. Gleichzeitig weisen Terroranschläge denjenigen den Weg in eine radikale Erweiterung rechter Praxis, denen Bürgerinitiativen und Fackelmärsche nicht weit genug gehen. Dabei verschwimmen im rechten Mobilisierungserfolg die Milieus: Aus der Bürgerinitiative werden Neonaziterrorist*innen. So etwa die „Gruppe Freital“, deren Mitglieder Sprengstoffanschläge auf Unterkünfte und Übergriffe auf Unterstützer*innen von Geflüchteten begingen und 2018 als terroristische Vereinigung verurteilt wurden. Oder „Revolution Chemnitz“, die radikalisiert durch die Ereignisse im August 2018 einen Anschlag am 3. Oktober 2018 geplant haben soll und deren Mitglieder derzeit wegen Verdachts auf Gründung einer terroristischen Vereinigung in Untersuchungshaft sind.
Rechte Parteien, rechte Initiativen, rechte Mobilmachungen auf der Straße, rechte Gewalt und rechter Terror müssen zwar unterschiedlich benannt werden, aber sie ziehen alle am selben Strang. Sie kämpfen mit verschiedenen Mitteln, sind jedoch im Ziel vereint: einen faschistischen Gesellschaftsumsturz herbei zu führen, in dem bürgerliche Freiheiten abgeschafft und ungestraft Marginalisierte verfolgt werden können. So entsteht eine Arbeitsteilung, die sich von den Parlamenten, über rechte Medien und die Straße, bis in den Untergrund erstreckt. Die Politik der AfD wäre für den NSU ein vorläufiges Zwischenideal gewesen und die Taten des NSU können Inspiration für einzelne AfD-Mitglieder sein, denen Wahlerfolge doch nicht weit genug gehen.

7. Rassistische Mobilmachung – Gesellschaftliche Dynamiken stützen den Rechten Terror

Die rechte Arbeitsteilung findet nicht losgelöst von gesellschaftlichen Verhältnissen statt, sondern baut auf die Mithilfe der Dominanzgesellschaft. Seit 2013 ist eine rassistisch motivierte Anschlags- und Angriffsserie in Deutschland zu beobachten, die sich zunächst gegen bewohnte wie unbewohnte Geflüchtetenunterkünfte richtete, bevor Geflüchtete zunehmend selbst zum Ziel der Angriffe wurden. Auch wenn die Angriffszahlen im Jahr 2016 ihren Höhepunkt erreichten, ist die Serie bei weitem nicht unterbrochen. So wurden noch 2018 täglich mehr als drei Angriffe auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte gezählt. Die Täter*innen sind bestärkt durch regelmäßige Übergriffe oder Aufmärsche von Pegida und propagierte Endzeitszenarien. Analog dazu trägt die AfD seit Jahren dazu bei, die Grenzen des Sagbaren immer weiter zu verschieben, findet Raum dazu unter anderem in öffentlich-rechtlichen Talkshows und treibt damit die anderen Parteien diskursiv vor sich her. Außerdem ist die AfD selber lokal und überregional in rechter Strukturarbeit vernetzt. So gibt es auch diverse persönliche Überschneidungen von Mitarbeiter*innen von AfD-Abgeordneten und rechtsterroristischen Kreisen.
Weitreichende Konsequenzen hatte das Auffliegen rechter Terrorzellen wie in Freital und Chemnitz bislang allein im Ausbau der Exekutive. Polizei und Sicherheitsbehörden gewinnen kontinuierlich mehr Kompetenzen und Befugnisse, während ihre eigenen Reihen nicht nur strukturell rassistisch agieren, sondern auch rechte Strukturen wie „Nordkreuz“, „Uniter“ oder „NSU 2.0“ in diesen bekannt werden. Als öffentliche Reaktion folgt auf kurze Wellen der Empörung die Normalisierung. Politische Verschiebungen sind dabei im Sinne der Extremismustheorie und eines kontinuierlichen, autoritären Umbaus des Staatsapparats zu beobachten. Dazu zählen die regelmäßigen Verschärfungen in der Asylgesetzgebung, sowie die Etablierung sogenannter „Ankerzentren“.
Eine weitere Form rassistischer Gewalt zeigt der Staat. Brutale Polizeieinsätze, wie in einer Geflüchtetenunterkunft in Ellwangen im Mai 2018, nachdem Geflüchtete eine Abschiebung verhindert hatten, ist nur das extremste Beispiel der staatlichen Schikane gegen Geflüchtete. Obwohl dieser Einsatz später für rechtswidrig erklärt wurde, blieben auch hier weitere Konsequenzen aus.
Neben diesen offensichtlich zielgerichteten Handlungen politischer Akteur*innen gibt es ebenfalls ein unbewusstes gesellschaftliches Wirken, welches rechten Terror erst so erfolgreich werden lässt. Das Unsichtbarmachen durch die Abwertung der Opfer, die Verharmlosung als entpolitisierte Einzeltäter*innen und die Ermächtigung der Täter*innen durch rechte Diskurse und menschenverachtende Politik bilden einen Rahmen, in welchem die Bedrohung durch rechten Terror ungebrochen fortbesteht. Dazu trägt die Polizei bei, die eher rassistische Ermittlungen gegen die Betroffenen aufnimmt, als ein rechtes Motiv in Betracht zu ziehen. Dazu trägt die Justiz bei, indem sie in den Urteilen rassistische Motive unter den Tisch fallen lässt. Dazu tragen die bürgerlichen Medien bei, mit tendenziöser Berichterstattung und dem Schüren rassistischer Befindlichkeiten. Dazu trägt die Öffentlichkeit bei, die Anschläge auf rassistisch Markierte und andere Marginalisierte nicht als Terror erkennen will. Dazu tragen diejenigen Teile der Linken bei, die lieber für eine rassistische Abschottungspolitik „aufstehen“, als sich konsequent an die Seite der Betroffenen rechter Gewalt und staatlicher Ausgrenzung zu stellen.

8. „Ich will, dass meine Sorgen & Ängste vor der Faschisierung ernst genommen werden!“ anstatt eines „Was tun?!“

Eine der Grundlagen für die Arbeit gegen rechten Terror ist diesen zu erkennen. Das bedeutet für uns einen andauernden Prozess, in dem der eigene Rassismus und die eigene gesellschaftliche Rolle konstant hinterfragt werden müssen. Das ist nicht leicht, aber notwendig, um nicht auf die dauernde Abwehr- und Verschleierungsleistung der Dominanzgesellschaft herein zu fallen, sondern rechten Terror benennen zu können.
Daraus ergibt sich eine der wichtigsten Strategien, die mittlerweile auch weit verbreitet Anwendung findet: Bei jedem gewaltsamen Todesfall einer rassistisch markierten Person gehen wir so lange von einem rassistischen Motiv aus, bis das Gegenteil bewiesen wird. Daran anschließend gilt es mit Demonstrationen, Kleinen Anfragen, oder social media-Aktionen den öffentlichen Druck möglichst hochzuhalten.
Ein nächster Schritt muss sein, die Angehörigen, Überlebenden und Betroffenen nicht mehr allein kämpfen zu lassen, sondern sich an ihre Seite zu stellen. Selbst wenn es keine unmittelbaren Ermittlungen gegen sie gibt, wie es bei den Angehörigen der NSU-Mordopfer der Fall war, lassen es sich Medien und Polizei häufig nicht nehmen, dennoch diskreditierende Gerüchte zu streuen.[13] Dagegen können wir etwas tun, indem wir ihnen eine Bühne bieten, ihre Geschichten und ihre Forderungen hören und weiterverbreiten. Es können Statements geschrieben, Demos und Veranstaltungen organisiert, Öffentlichkeit geschaffen werden.
Dazu gehört auch selber aktiv werden, sich von dem gesellschaftlichen Status Quo, sich von der Macht der anderen und der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen zu lassen. Je stärker der Rechtsruck, je geringer die Gegenwehr, je weiter sich Sag- und Machbarkeitsfelder verschieben, desto aktiver müssen wir werden.
Während sich Neonazis bewaffnen, baut der Verfassungsschutz weiter am System der V-Personen, der Quellenschutz steht bei ihm weiterhin an erster Stelle. Wie im NSU-Komplex, ist vom Inlandsgeheimdienst vor allem Verschleierung und Strukturaufbau der Neonazi-Szene zu erwarten. Daher unsere Forderung: Verfassungsschutz auflösen, NSU-Akten veröffentlichen!
Es gilt den rassistischen Normalzustand anzugreifen! Macht politischen Druck, engagiert Euch, organisiert Euch! Gegen rechte Bürgerinitiativen, Polizei- und Asylgesetzgebung und Naziterrorgruppen!


Name it, face it! Rechten Terror bekämpfen!
Bündnis „Irgendwo in Deutschland”
November 2019

[1] Wir sprechen hier von einer Dominanzgesellschaft, um die Machtverhältnisse sichtbar zu machen, die sich entlang von Kategorien wie Migration, race, Geschlecht etc. manifestieren, aber im Begriff der Mehrheitsgesellschaft nicht deutlich werden.
[2] Der Mord an Michèle Kiesewetter wurde erst mit dem Selbstbekenntnis des NSU als rechter Mord eingeordnet und war vorher nicht als Teil der Serie des NSU sichtbar, da andere Waffen verwendet wurden.
[3] Wir sprechen hier von rassistisch Markierten, um deutlich zu machen, dass der rassistische Ausschluss durch die Rassist*innen vollzogen wird und nicht aufgrund gegebener Merkmale automatisch geschieht.
[4] Mit dem Begriff der Autoritären Formierung meinen wir hier sowohl einen Staat, der immer striktere Gesetze gegen Asylsuchende und immer repressivere Maßnahmen gegen Linke durchsetzt, als auch eine Gesellschaft, deren diskursives und politisches Koordinatensystem seit Jahren nach rechts rückt. Die antiliberalen, rassistischen, antisemitischen Tendenzen, die laut Sozialforscher*innen schon immer in der vermeintlichen bürgerlichen Mitte angelegt sind, kommen immer deutlicher zum Vorschein.
[5] Siehe https://kritischesgedenken.de/
[6] Siehe: https://inihalskestrasse.blackblogs.org/
[7] Siehe: https://exif-recherche.org/?p=4399
[8] Siehe: https://taz.de/Schwerpunkt-Hannibals-Schattenarmee/!t5549502/
[9] Auch ein sogenannter lone wolf, also ein*e Rechtsterrorist*in, welche*r nach einer bekannten Anleitung die Tat alleine ausübt, handelt nicht im luftleeren Raum. Das bedeutet auch in solchen Fällen muss nachgeforscht werden: welcher Szene standen sie nahe, woher kamen die Ideologien und die Radikalisierung? In welchen Kreisen bewegten sie sich, welche Internetforen, Fanzines, etc. wurden regelmäßig gelesen.
[10] Bestes Beispiel hierfür ist das Neonazi-Fanzine „Weißer Wolf“, in dem bereits im Jahre 2002, also während der Mordserie, ein Gruß an den NSU zu finden war.
[11] Wissenschaftlich wird hier vom Vigilantismus gesprochen, der sich in drei Formen ausdrückt: Anschläge oder Attentate gegen „Minderheiten-Gruppen“, gegen politische Gegner*innen, oder gegen Vertreter*innen des Staates. In seinem Kern ist der Vigilantismus jedoch systemstabilisierend und damit ideologisch anders begründet als zB. Attentate, die den Tag-X eines rassistischen Bürgerkriegs herbeiführen sollen. Beispiel: Brandstiftung von Escheburg, bei Hamburg, durch einen Finanzbeamten ohne politische Verknüpfung zu rechtsextremen Organisationen oder Parteien. Auch der Mord an Walter Lübcke dürfte in diese Kategorie fallen. Siehe auch: Mathias Quent, Selbstjustiz im Namen des Volkes: Vigilantistischer Terrorismus, https://www.bpb.de/apuz/228868/vigilantistischer-terrorismus
[12] „Die Nazi-Morde sind die Fortsetzung der Pogrome der 90er Jahre mit anderen Mitteln“ cafe morgenland, Redebeitrag auf der Antifa-Demo am 28.01.2012 in Hamburg “Der Tod ist ein Meister aus Deutschland”
[13] So wie im Fall der Ermordung von Burak Bektaş erst im April 2019 geschehen. Siehe: http://burak.blogsport.de/2019/04/18/stellungnahme-von-initiativen-ueberlebenden-und-angehoerigen-zum-artikel-im-berliner-kurier-vom-8-4-2019/
 

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Lesung am 30. November: „Die schönste Jugend ist gefangen“

Sebastian Lotzer heisst im wirklichen Leben ganz anders, hält sich mit Lohnarbeit über Wasser und berichtet ab und zu unter diversen Pseudonymen im Netz (twitter.com/sebastianlotzer) und an anderer Stelle über die Welt der Revolten und Aufstände.

Drei Bücher hat er bisher veröffentlicht und das Neuste „Die schönste Jugend ist gefangen“, widmet sich den Bemühungen um einen bewaffneten, antagonistischen Ansatz von Gegenmacht. Lotzer gelingt es, diese verschwundene militante Bewegung auch solchen Leserinnen und Lesern anschaulich zu schildern, die zu jener Zeit noch gar nicht geboren waren. Euch erwartet eine spannende Lesung und einiges zu diskutieren.

30. November um 19 Uhr in der Stö (Leipzig Connewitz)

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24.10.: Gedenken an Kamal

Seit 1990 wurden in Leipzig mindestens 10 Menschen aus rechten Motiven ermordet. Einer von ihnen ist Kamal K.

Der 19-jährige Kamal K. wurde in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober 2010 im Park am Willy-Brandt-Platz von den Neonazis Marcus E. und Daniel K. durch mehrere Messerstiche ermordet. Das aktive Erinnern ist zentral für eine antifaschistische Praxis und unerlässlich. Das Anklagen rechter Übergriffe und das vehemente Erinnern daran muss politische Selbstverständlichkeit sein. Die Tat an sich verdeutlicht die gesellschaftlichen Zustände. Es sollte nicht zuletzt all denen, die als Mitglieder*innen der Mehrheitsgesellschaft frei von diskriminierenden Alltagserfahrungen sind und über allgegenwärtige Privilegien verfügen, vergegenwärtigen, welche tödlichen Konsequenzen menschenverachtende Einstellungen mit sich bringen.

Gedenkorte sollen ein dauerhafter Platz der Erinnerung für die Betroffenen und Hinterbliebenen sein. Im Jahr 2013 wurde eine Gedenktafel für Kamal K. in der C.W. Müller – Anlage am Hauptbahnhof angebracht. Ein Gedenkort bedeutet jedoch nicht gleichzeitig ein aktives Gedenken. Dieses gilt es immer wieder zu erneuern und mit der Gefahr rechter Gewalt im Hier und Jetzt in Verbindung zu bringen. Nach der Schaffung eines Gedenkortes darf der Diskurs um die Hintergründe der Taten nicht aufhören.

Unsere Solidarität gilt den Opfern rassistischer Angriffe, unser gemeinsamer Kampf den tagtäglichen menschenfeindlichen Zumutungen dieser Gesellschaft.

Aus diesen Gründen gedenken wir erneut Kamal K. am 24.10.2019 ab 18 Uhr am Gedenkstein in der C.W. Müller – Anlage am Hauptbahnhof.

Bringt gerne bitte Kerzen und/oder Blumen mit.

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Rechte Gewalt konsequent bekämpfen + Bezahlbares Wohnen ermöglichen +

Der Oberbürgermeister Leipzigs Burkhard Jung äußerte sich jüngst kritisch zu den vergangenen Baggerbränden. Offenbar hat er seine Unterstützer aus der Immobilienbranche, die ihm mit Spenden im Wahlkampf unterstützten, nicht vergessen.

„‚Schauen Sie nicht weg!‘ So lautet ein Appell von Burkhard Jung an den sächsischen Innenminister sowie die Bürger_innen Leipzigs. Diesen Worten“, so Miriam Schleicher, Sprecherin der Gruppe „Rassismus tötet!“- Leipzig, „können wir uns nur anschließen: Schauen Sie nicht weg, auch Sie nicht Herr Oberbürgermeister, wenn Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Sexualität, ihres sozialen Status, ihrer zugeschriebenen Herkunft oder ihrer Markierung als Jüdinnen und Juden ausgegrenzt, diskriminiert, angegriffen oder gar ermordet werden.“
Schleicher weiter:

„Und doch schaut der OBM weg. Anstatt tatsächlichen Terror zu verurteilen und Analysen für dessen ideologischen und gesellschaftlichen Ursprung durchzuführen, wird sich über kaputte Baumaschinen echauffiert und die Zerstörung als ‚Terroranschläge‘ bezeichnet.“

„Die Äußerungen des Leipziger Oberbürgermeisters und von der CG-Gruppe zu ‚Terroranschlägen‘ in Leipzig können daher nur als eine Verhöhnung von Opfern rechter Gewalt angesehen werden“, so Miriam Schleicher.

„In Leipzig wurden von 2013 bis 2018 mehr als 340 rechts-motivierte Anschläge und Angriffe auf Menschen von der Opferberatung Sachsen verzeichnet, darunter fallen auch Brandanschläge auf Wohnhäuser oder Unterkünfte von Asylsuchenden. Seit 1990 sind in Leipzig mindestens acht Menschen durch rechte Gewalt ums Leben gekommen. In Halle ermordete Stephan B. am 10. Oktober zwei Menschen, die keine Zufallsopfer waren. Sein ursprüngliches Ziel war es allerdings, mehr als 50 sich in einer Synagoge befindlichen Menschen zu töten. All dies wurde von Burkhard Jung bis heute nicht als Terror bezeichnet.“

Allein die Aufarbeitung der durch Neonazis verübten Morde in Leipzig steht ganz hinten an: Die Stadt sieht keine Notwendigkeit, auf die Dimension der Neonazigewalt nach der Wende bis heute hinzuweisen, geschweige denn, deren Opfern zu gedenken. Auch beim Mord an Kamal K. 2010 begnügte sich der OBM Burkhard Jung mit Betroffenheits-Schreiben an den Flüchtlingsrat und den Zentralrat der Muslime (obwohl Kamal Christ war).

Kein persönliches Wort in Richtung der unmittelbar Betroffenen, der Familie, erst recht keine Äußerung zu einem möglichen politischen Hintergrund. Von „Terror“ und Mord in der Stadt Leipzig war nie die Rede, obwohl rechtsradikale Gewalt in Leipzig seit Jahrzehnten Alltag ist.

Sogesehen ist die Sachbeschädigung an Baggern oder Kränen eher eine Ausnahme. Der OBM stellt sich hier auf die Seite der Wirtschaft und nicht auf die Seite der Ausgegrenzten innerhalb unserer Gesellschaft. Wenn Menschen in dieser Stadt aus ihren Wohnungen zwangsgeräumt werden und dann auf der Straße stehen oder den Großteil ihres Lohnes für Miete zahlen müssen, hat das mehr mit „Terror“ gegen Menschen zu tun als brennende Bagger.

Schleicher abschließend: „Anstatt also, Herr Oberbaggermeister, etliche Facebook-Einträge zu ´Baggerterrorismus´ zu verfassen, wäre es ratsam, tatsächlich etwas gegen steigende Mieten, zu wenig Wohnraum und damit gegen Verdrängung zu unternehmen. Damit könnten Sie endlich mal etwas für alle Menschen in Leipzig machen. Zugleich sollten Sie sich vergegenwärtigen, wer eben nicht nur von Verdrängung auf dem Wohnungsmarkt, sondern auch von Gewalt und Ausgrenzung betroffen ist: Es sind nicht Bagger, sondern Menschen, die von Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder auch Homosexuellenfeindlichkeit betroffen sind. Ihnen, den Verdrängten und Ausgegrenzten, sollte Ihre Aufmerksamkeit gelten. Also: Schauen Sie hin!“

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Vortrag „Der antisemitische Doppelmord an Lewin und Poeschke“

Vortrag „Der antisemitische Doppelmord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke“ der Initiative kritisches Gedenken Erlangen

Shlomo Lewin und Frida Poeschke wurden am 19.12.1980 von dem Rechtsextremisten und Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann Uwe Behrendt ermordet. Um das antisemitische Attentat aufzuarbeiten und kritisch zu erinnern, hat sich im Januar diesen Jahres die ‚initiative kritisches gedenken erlangen‘ gegründet. In dem Vortrag der Initiative soll ein Überblick über die antisemitische Tat, sowie gesellschaftliche und politische Verhältnisse gegeben werden, die diese zuerst möglich und im Anschluss vergessen gemacht haben.

Zudem soll mit dem Vortrag sowohl der aktuelle Stand der Recherchen dokumentiert werden, als auch eine Vorstellung des zugrunde liegenden Selbstverständnisses der Gruppe geboten und zur Diskussion gestellt werden. Dabei besteht der Wunsch nach Vernetzung und dem Austausch von Perspektiven mit lokalen Aktivist*innen und Interessierten.

Für weitere Informationen siehe: kritischesgedenken.de

Am 4. Oktober um 19 Uhr in der Pracht

Zutritt für Vereinsmitglieder