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Hafenstraße’96 – Gedenken & Anklagen

Wir unterstützen die Aktionen der Initiative „Hafenstraße’96 – Gedenken & Anklagen“ in Lübeck und zeigen am 31. Januar ab 19 Uhr in der Meuterei (Zollschuppenstraße 1) den Film:

»Tot in Lübeck«

Ein Film von Lottie Marsau und Katharina Geinitz. Der Film dokumentiert die seltsamen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nach dem bis heute nicht aufgeklärten Brandanschlag in der Hafenstraße, bei dem zehn Menschen verbrannten. Spuren in das Neonazi-Milieu wurden nicht verfolgt. Stattdessen konzentrierten sich die Ermittlungen auf den Asylbewerber Safwan Eid. Marsau und Geinitz lassen in ihrer Dokumentation ausführlich den Staatsanwalt und Safwan Eids Verteidigerin zu Wort kommen. Kommentiert wird dies alles von dem Kabarettisten Dietrich Kittner.


Hier der Aufruf der Initiative für eine Demonstration am 20. Januar in Lübeck:

Hafenstraße’96 – Gedenken & Anklagen

In der Nacht zum 18. Januar 1996 starben zehn Menschen. 38 wurden teils schwer verletzt und überlebten nur durch Glück. Es war kein Zufall, dass es diese Menschen traf. Sie kamen aus Zaire, Togo, Angola und dem Libanon und es waren Neonazis, die in jenem Haus ein Feuer entfachten, das Geflüchteten eine Unterkunft bot.

Heute, 22 Jahre später, sind die Täter noch immer nicht verurteilt. Dieser Brandanschlag, eingebettet in ein Klima, in dem die Angst vor „zu vielen“ Geflüchteten geschürt wurde, gilt heute bundesweit als Symbol für rassistische Gewalt. Doch der Brand in der Hafenstraße reiht sich ein in eine lange Liste von Gewalttaten: Seit den frühen 90er Jahren brannten in Stuttgart, Hoyerswerder, Schwerin, Rostock, Greifswald, Cottbus, Wismar, Boizenburg, Anklam, Hamburg, Aschaffenburg, Garbsen, Zielitz, Immenhausen, Duisburg, München, Mölln, Grimmen und Ludwigshafen Asylunterkünfte. Diese Liste lässt sich fortführen und sie endet nicht mit dem Jahr 2000. So wurden vor knapp einem Jahr Lübecker Neonazis verurteilt, weil sie hier eine Geflüchtetenunterkunft angegriffen haben.

Noch immer schüren und nutzen politische Kräfte diese Angst und ziehen daraus ihren Erfolg. Die AfD, eine offen rassistische, antisemitische und sexistische Partei sitzt in den Parlamenten, die sog. „Identitäre Bewegung“ zeigt sich öffentlich völkisch und gewalttätig. Stammtischparolen, die sie vor wenigen Jahren nur im engsten Kreis geäußert haben, sind salonfähig geworden. International sieht es nicht anders aus: Trump hat seine Anhänger*innen im Ku-Klux-Klan wie in der „Mitte“ der amerikanischen Gesellschaft. Erdogan macht in der Türkei Jagd auf Kurd*innen. Nationalistische Organisationen gewinnen an Aufschwung.

Der Hass, den sie verbreiten, tötet auch heute Menschen. Vergangenes Jahr dokumentierte die „Chronik flüchtlingsfeindlicher Anschläge“ 3.729 rassistische Gewalttaten. Rassismus ist seit langem Alltag in Deutschland. Doch auch nach 22 Jahren nehmen wir das nicht hin! Gemeinsam gehen wir gegen Rassismus auf die Straße, kämpfen laut und bunt für einen politischen Richtungswechsel und gedenken den Betroffenen des Brandanschlags in der Hafenstraße, sowie allen Betroffenen rechter Gewalt!

Mit dieser Demonstration zeigen wir:

In Lübeck gibt es keinen Platz für Rassismus und rechte Hetze!
Wir bleiben solidarisch mit allen Geflüchteten und heißen sie willkommen!
Wir fordern das bedingungslose Recht auf Asyl, sichere Fluchtwege und menschenwürdige Unterbringung von Geflüchteten!
Es ist der Rassismus, der getötet hat und heute noch tötet!
Am 20. Januar 2018 machen wir uns stark für eine antirassistische und weltoffene Gesellschaft!

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Weiterer Beitrag der Leipziger Rede 2017

Wir dokumentieren hier einen weiteren Beitrag der „Leipziger Rede 2017„:

Mein Name ist … und das Problem heißt Rassismus.

Ich befinde mich im Regionalzug auf dem Weg zurück von der Arbeit. An der nächsten Haltestelle steigen zwei halbstarke, weiße junge Männer ein. Bierfalsche in der Hand, „Ausländer hängen“ Spruch auf dem T-Shirt. Sie schauen sich um und setzen sich ganz gezielt neben mich. Sie hören mich eine halbe Stunde lang im muttersprachlichem Deutsch telefonieren. Ich setze mich nicht weg. Niemals. Ich kenne diese Situation, ich weiß was kommt. Schon bald beginnt einer der beiden mich zu provozieren. Immer wieder ruft er „Old Shatterhand“. Ich habe Karl May nie gelesen. Dann folgen vermeintliche ‚Indianerlaute’ und weiteres. Das geht 30 Minuten. Der Zug ist voll, alle bekommen das mit. Und dann stehe ich auf… bevor ich einen Konflikt eingehe den an dieser Stelle nicht gewinnen kann stehe ich auf und gehe.

Wisst ihr, dass diese Situation ein absoluter Klassiker im Alltag von den meisten schwarzen Menschen in Leipzig ist? So oft und so alltäglich.

Jedes Mal frage ich mich: Wann hört das endlich auf?
Falsch. Das ist die falsche Frage. Ich finde: Die richtige oder wichtigere Frage für all jene die grundlegend etwas am Rassismus in Leipzig verändern möchten lautet: Wie hat Rassismus angefangen? Wo kommt Rassismus her?
Für mich sind physische und psychische Übergriffe absolut anstrengend aber nur ein Endprodukt von gesellschaftlichen Strukturen.
Deswegen erzähle ich die Geschichte jetzt nochmal von vorne.

Mein Name ist … und das Problem heißt Rassismus.
Ich bin in ca. 4000 Metern Höhe geboren, in den bolivianischen Anden. Ich bin adoptiert. Man sieht es. Meine Eltern sind weiß, mein Bruder und ich sind braun.
Meine Eltern mussten sich zwischen einem Kind aus Indien und Bolivien entscheiden. Damals. Weil die Adoptionsagentur begründete, dass Kinder aus verschiedenen Ländern sich nicht gut vertragen. Sie entschieden sich für Bolivien, weil ihnen die Spanische Sprache vertrauter war. „Das passt einfach besser zu uns.“

Der Moment kam. Sie weinten vor Glück als sie mich im Arm hielten. Ich weinte wahrscheinlich aus Trauer und Angst. Seit einiger Zeit weiß ich, dass der europäische Kolonialismus die indigenen Inka in Bolivien ausgebeutet und nahezu ausgelöscht hat. Meine leibliche Mutter, sowie alle indigenen Menschen in Südamerika, tragen noch heute die Konsequenzen dafür. Sie leben in bitterer Armut und einer instabilen Gesellschaft. Der bolivianische Anwalt riet damals meinen Eltern sich als weiße Menschen nicht ohne bolivianische Begleitung mit uns zu zeigen. Wenn Europäer nach Bolivien kommen um Kinder mitzunehmen stößt das auf Unmut. Meine leibliche Mutter hatte, anders als meine deutschen Eltern, eigentlich keine Wahl. Sie musste meinen weißen Eltern vertrauen, dass es mir in Deutschland bessergehen wird. Irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass das nicht okay war. War das Rassismus?

In dem Gymnasium in dem ich zu Schule ging wurden mehrmals im Jahr für Bolivien Spenden gesammelt. Ich hatte dabei immer ein ganz komisches Gefühl. Ist das eine Reparationszahlung? Oder ist das die Fortsetzung einer uraltbegründeten Abhängigkeitsbeziehung? Ich frage mich was die vielen weißen Abiturientinnen die ich in Bolivien kennengelernt habe denken, wenn sie für sechs Monate drogenabhängigen, verwaisten Kindern betreuen. Fühlen sie sich wie Old Shatterhand?

Das Problem heißt Rassismus.

Rassismus war für meine Eltern nie ein Thema aber sie fürchteten sich vor dem anders sein. Sie fürchteten sich davor, was passiert, wenn rauskommt, dass mein Bruder und ich anders aussehen, anders sind. Deswegen haben sie, wie so viele andere Eltern, die Erziehungsstrategie gewählt die mich definitiv und für immer vor dieser Realität schützen sollte: Nicht-auffallen. Sie haben mich damit zum „schweigen“ und zum unsichtbar sein erzogen. Das konnte ich wirklich gut.
Das ging so weit, dass fremde Menschen meine langen glatten schwarzen Haare und meine braune Haut schon als Kind anfassten obwohl es mich störte.

Das ging so weit, dass ich mich eines Tages als Pocahontas verkleiden wollte. Zum Karneval. Alle nannten mich so, also wieso sollte ich nicht einfach mal ein Karnevalskostüm anziehen, dass mir wirklich gutsteht, anstatt immer nur Prinzessin. Mit den Worten „Dann verarschst du dich doch selber“, wurde es mir von meinen Eltern verboten. Ich hab es nicht verstanden, denn ich war 10 Jahre alt. Erst später im Gymnasium habe ich dann verstanden, dass es total daneben ist, wenn mich Mitschülerinnen permanent mit einer verklärten Zeichentrickrolle vergleichen.

Das ging so weit, dass mein Bruder und ich, 23-jährig, schwiegen als ein Freund unserer Eltern meinte, dass in der Nationalelf keine erkennbaren Deutschen mehr mitspielen und auf Boateng verwies.
Das ging so weit, dass meine Mutter noch heute immer wieder daran zweifelt ob ich europäisch genug bin.
Erzogen und sozialisiert wurde ich dazu zu denken, dass ich weiß bin.
Erzogen und sozialisiert wurde ich jedoch dazu zu wissen, dass ich nicht weiß bin.

Das Problem heißt Rassismus.

Rassismus ist nicht dasselbe wie Ausländerfeindlichkeit. Ich bin nicht ausländisch und trotzdem werde ich anders behandelt. Rassismus hat eben oft und vor allen Dingen mit äußerlichen Merkmalen zu tun. Meine Eltern haben versucht mich und meinen Bruder so gut es geht europäisch zu kleiden und zu stylen. Je weniger wir aufgefallen sind, desto beruhigter waren sie, desto stolzer. Desto mehr wollte ich diesem Ideal entsprechen. Die Pointe ist, dass ich und mein Bruder immer aufgefallen sind. Mal gerade weil wir so herrlich europäisch auftraten oder gerade weil wir dies nie sein konnten. Schon oft hörten wir den Satz „Also für eine Bolivianerin bist du wirklich hübsch“ oder „SO einen hübschen Jungen aus Bolivien haben wir ja noch nie gesehen.“ Was sollen diese Sätze bedeuten? Diese Sätze bedeuten, dass obwohl ich nicht weiß bin, bin ich überraschend gut. Das ist Rassismus.

Wiederum in anderen Situationen finden Menschen es ganz toll, dass ich anders aussehe und wahrscheinlich anders bin. Das fängt bei weißen Männern an die eine „Schwäche für Latinas“ haben und hört bei Südamerika Touristen im Fairtrade Shop auf, die mir wortwörtlich auflauern um mir zu sagen wie toll es ist, dass ich aus Bolivien komme und wann ich wieder zurückgehe. Auch die Frage „woher kommst du?“ finden viele weiße Menschen total spannend und deswegen total legitim. Für mich macht diese Frage absolut keinen Sinn. Niemanden geht etwas an, dass ich adoptiert bin.

An alle weißen Menschen die es betrifft: Ich bin niemals eure Dekoration und niemals jemand an dem man seine paternalistischen Fantasien ausleben kann. Ich bin nicht Winnetou oder Pocahontas und ich brauche keinen Old Shatterhand. Niemals. Das Problem heißt Rassismus.

Also, woher kommt Rassismus? Rassismus ist der fortgeführte Machtmissbrauch und die gefühlte sowie tatsächliche Überlegenheit über mich, nur weil ich anders aussehe. Als die Spanier Südamerika eroberten, fühlten sie sich kulturell überlegen. Sie waren diejenigen, die die Macht hatten indigene Menschen zu unterdrücken. Wenn mich heute ein Nazi in den öffentlichen Verkehrsmitteln rassistisch beleidigt oder zuweilen körperlich bedroht dann verspürt er ebenfalls Macht. Er weiß, dass ihm nichts passiert. Die Macht ist aber auch auf Seiten weißer Menschen die nicht eingreifen und zuschauen. Sie wissen auch, dass ihnen nichts passiert. Sie sind nicht das Ziel. Das ist Rassismus.

In der Situation die ich zu Beginn geschildert habe, telefonierte ich mit meiner Mutter. Als die rassistischen Provokationen nach einer halben Stunde zu viel wurden, habe ich unter einem Vorwand das Gespräch mit ihr beendet. Als ich am Leipziger Hauptbahnhof ankam erzählte ich ihr warum ich so schnell aufgelegt hatte. Sie war traurig und ratlos, helfen konnte sie mir nicht. Wie schlimm muss das sein, wenn man seine Kinder selber nicht vor Rassismus schützen kann und ihnen auch nie beigebracht hat sich davor zu schützen?

Meine Eltern sind nur ein ganz kleiner Teil von einer Gesellschaft die schweigend mitmacht und sich rassistischen und post-kolonialistischen Denkweisen fügt. Und ich finde, keine weiße Person hat das Recht meine Eltern dafür zu verurteilen bevor er oder sie sich nicht selber in Frage gestellt hat. Ich würde mir wünschen, dass jeder seine eigenen Möglichkeiten prüft Rassismus entgegen zu treten. Der erste Schritt dahin wäre offen zu sagen: Das Rassismus ein Problem ist.

 

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Veranstaltungen im Rahmen der Kampagne “Kampf der inneren Sicherheit – Gegen die Innenministerkonferenz 2017 in Leipzig”

Wir beteiligen uns an der Kampagne „Kampf der inneren Sicherheit – Gegen die Innenministerkonferenz 2017 in Leipzig“ mit folgenden Veranstaltungen:

27.10.2017 um 19 Uhr im Interim (Demmeringstraße 32):

Zu den Gesetzesverschärfungen und Erlassen im Jahre 2017

Im Jahre 2017 wurden diverse Gesetze verschärft und erlassen. Sei es nun der sog. “Staatstrojaner”, die Verschärfung des § 113 StGB (Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte) oder die Asyl- und Aufenthaltsgesetzgebung. Bei dieser Veranstaltung wird es einen Überblick über die Gesetzesverschärfungen und Erlasse geben und wie diese die alltägliche Geschehen beeinflussen werden.


 

30.11.2017 um 19 Uhr im IfZ (An den Tierkliniken 38-40):

Hey there! I am using…

Vortrag und Diskussion zum richtigen Umgang mit Messenger-Diensten

WhatsApp, Telegram, Threema und andere Messenger gehören seit Jahren zum Alltag in unserer Kommunikation. Text- und Sprachnachrichten, Bilder, Videos und Links werden tagtäglich via mehr oder weniger gut verschlüsselter Kommunikation durchs Netz geschickt. Spätestens durch die Strukturermittlungen und Telefonüberwachungsmaßnahmen im Rahmen eines §129-Verfahrens in Leipzig ist die Sicherheit von Telekommunikation eine relative. Im Sommer beschloß der Bundestag außerdem die sogenannte »Quellen-TKÜ«, um analog zum Abhören von klassischen Telefongesprächen auch codierte Nachrichten und Gespräche im Rahmen einer »Online-Durchsuchung« mitzulesen.

Die rechtliche Grundlage für das Auslesen unserer Telefon-Daten ist also gegeben, doch wie funktioniert das Ganze technisch? Gibt es so etwas wie »sicheres kommunizieren« überhaupt? Wie greifen Behörden auf unsere Daten zu? Welche Gefahren gibt es für User von Messenger-Diensten? Die Veranstaltung soll über die Fallstricke der Messenger-Kommunikation aufklären, ohne in Panik zu verfallen. Eure Fragen zum Thema könnt ihr gerne loswerden.

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Aktiv Gedenken statt schweigend Vergessen! – Rassismus tötet! — In Gedenken an Achmed B. und Kamal K.

23.Oktober: Kundgebung in Gedenken an Achmed B. um 18 Uhr Karl-Liebknecht-Straße / Schletterstraße

24. Oktober: Demonstration in Gedenken an Kamal K. um 17 Uhr im Park vor dem Leipziger Hauptbahnhof

Die Demonstration am 24.10. führt zur „Leipziger Rede“ vom Initiativkreis Antirassismus. Die Kundgebung und Demonstration findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Aktiv Gedenken statt schweigend Vergessen!” statt.

Der aus Syrien kommende Asylsuchende Achmed B., 30 Jahre alt, wird am 23. Oktober 1996 von zwei jungen Nazis, Daniel Z. (20) und Norman E. (18), erstochen. Nachdem die Täter stundenlang faschistische und rassistische Parolen grölend durch die Stadt gezogen sind, betreten sie am Abend ein Gemüsegeschäft in der Leipziger Südvorstadt. Zunächst beschimpfen sie die Verkäuferinnen als „Türkenfotzen“ und „Türkenschlampen“ und drängen sie an eine Wand. Als Achmed B. seinen Kolleginnen zur Hilfe kommen will, wird er angegriffen. Nachdem es ihm gelingt, die beiden Angreifer aus dem Geschäft herauszubewegen, sticht einer der beiden auf Achmed B. ein.

Der Mord mit rassistischem Hintergrund wird von Vertreter_innen der Stadt zum Teil verharmlost. So behauptet der damalige Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube: „ein rechtsextremes Potenzial ist mir hier nie begegnet“ und Leipzigs „Ausländerbeauftragter“ Stojan Gugutschkow pflichtet ihm bei: „Es hätte auch irgendeinen Deutschen treffen können“. Z. und E. werden wegen „Mordes aus niedrigen Beweggründen“ angeklagt. Etwa ein Jahr später fällen die Richter des Landgerichts Leipzig das Urteil: Daniel Z.wird zu neuneinhalb Jahren Jugendhaft verurteilt, sein Mittäter Norman E. erhält wegen Beihilfe viereinhalb Jahre Gefängnis. Laut Staatsanwaltschaft gebe es „keine Anhaltspunkte für einen fremdenfeindlichen Hintergrund“, stattdessen handle es sich um eine „spontane Tat“.

Erst 15 Jahre nach der Ermordung von Achmed B., wurde die Tat als rassistisch motiviert anerkannt.

24. Oktober 2010: zwei Neonazis ermorden Kamal

Am Dienstag dem 24. Oktober 2017 jährt sich der Mord an Kamal K. zum siebten Mal. Er wurde von den verurteilen Neonazis Daniel K. und Marcus E. im C.-W.-Müller-Park gegenüber des Hauptbahnhofes angegriffen und verstarb kurz darauf im Krankenhaus an seinen Verletzungen.

Daniel K., der während der Tatnacht sowie bei seiner Verhaftung einen Pullover mit dem Schriftzug „Kick off Antifascism“ trug, hatte Kamal mit einem Pfefferspray die Möglichkeit zur Verteidigung genommen, als dieser einem Freund zu Hilfe kommen wollte. Marcus E., der erst kurz zuvor aus der Haft entlassen worden war, nutzte die Situation aus und stach Kamal nieder. Marcus E. wurde wegen Mordes zu 13 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung, Daniel K. wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren Haftstrafe, verurteilt. Mittlerweile befindet sich Daniel K., der Sohn eines Leipziger Kriminalbeamten, wieder auf freiem Fuß.

An einem aktiven Gedenken, an diesen rassistisch motivierten Mord, hat sich die Stadt Leipzig lediglich bei der Einweihung des Gedenksteins an Kamal beteiligt. Die Errichtung dessen wurde behördlich eher behindert als aktiv gefördert. Der Initiative von Kamals Familie, Gruppen und Einzelpersonen ist es zu verdanken, dass dieser Gedenkstein initiiert werden konnte.

Solch ein Mord aus “niederen Beweggründen”, wie der zuständige Richter diesen in der Urteilsverkündung klassifizierte, geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern in einem gesellschaftlichen Klima, das sich durch rassistische Mobilisierungen immer weiter verschärft.
In Leipzig wurden seit 1990 mindestens acht Menschen Todesopfer rechts-motivierter Gewalt; hinzu kommen zwei Verdachtsfälle – bundesweit gab es seitdem 188 weitere Morde.

Wir wollen, dass Menschen wie Achmed B. und Kamal K. nicht vergessen werden, Menschen, die nicht ins Weltbild von deutschen TäterInnen passten und deshalb ihr Leben lassen mussten.

Niemand wird vergessen, nichts ist vergeben.

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Veranstaltungen in den kritischen Einführungswochen

Wir beteiligen uns in diesem Jahr wieder an den kritischen Einführungswochen in der Uni Leipzig:

10.10.2017, 19 – 21 Uhr: Antifaschistische Aktion – Für die konsequente Intervention

 Vortrag & Diskussion / HS 8

Nach Erfahrung mit rassistischen Mobilisierungen in Leipzig und Sachsen wollen wir anhand eines Beitrags im Antifaschistischen Infoblatt über Interventionsmöglichkeiten diskutieren: „Während fast täglich der rassistische Mob wütet […] und zahlreiche Politiker_innen immer wieder Verschärfungen des Asylrechts fordern […] sucht die nur schwach vertretene antirassistische und antifaschistische Linke nach Möglichkeiten effektiver Interventionen.“


20.10.2017, 17 – 19 Uhr: Das Pogrom in Rostock – Politische und geistige Brandstiftung

 Vortrag / HS 8

In der Veranstaltung sollen die Hintergründe des Pogroms von Rostock Lichtenhagen 1992 beleuchtet und das Pogrom in den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen kontextualisiert werden. Wer waren die Scharfmacher*Innen, wer die Akteur*innen, welche Folgen hatte das Pogrom für die bundesrepublikanische Wirklichkeit damals und heute? Der Vortrag wird anhand von Videomaterial verschiedene Perspektiven auf das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen offenlegen und zur Diskussion stellen.

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Letzte Informationen zu Wurzen

Nachdem in einem Mobi-Video auf unsere Seite verwiesen wurde, hier nochmal alle Informationen zur Demonstration in Wurzen:

Anreise nach Wurzen

  • Leipzig

Gemeinsame Anreise mit der Bahn. Treffpunkt um 13:35 Uhr am Hbf. beim Infopoint der DB

  • Hamburg

Anreise per Bus. Tickets: Buchhandlung Schanzenviertel, Black Ferry (Wilhelmsburg)

  • Berlin

Anreise per Bus. Tickets: Buchhandlung Schwarze Risse (Gneisenaustr. 2a), k-fetisch (Wildenbruchstr. 86)

Alle weiteren Informationen finden sich beim Bündnis „Irgendwo in Deutschland„.

 

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Info-Veranstaltung – Antifa Demo #Wurzen0209

Wir fahren mal wieder nach Wurzen – ein Landstrich, der nicht nur durch Gewaltandrohnung und kaum geahndete rassistische Übergriffe und einer sowohl zustimmenden als auch schweigenden Bevölkerung ein sicheres Hinterland für Neonazistrukturen und deren Aktivitäten ist.

Während sich Sachsen am 02. & 03. September beim ‘Tag der Sachsen’ selbst feiert, wollen wir mit einer antifaschistischen Demonstration nach Wurzen fahren, das exemplarisch für die rassistische Normalität in Sachsen und Deutschland steht.

Nazis und Rassist*innen stören – in Wurzen und überall – 02. September 15 Uhr in Wurzen


Info-Veranstaltung am 22.08.2017 um 19 Uhr im Fischladen (Wolfgang-Heinze-Straße 22)
Ihr bekommt Infos über die sächsischen Zustände und über die geplante Demo.

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Kundgebung: Aktiv Gedenken statt schweigend Vergessen!

Aufruf zur Kundgebung am 23.08.2017 im Rahmen der diesjährigen Kampagne in Erinnerung an alle Opfer rechter Gewalt in Leipzig.
Mit unserer diesjährigen Kampagne „Aktiv Gedenken statt schweigend Vergessen!“ wollen wir zum wiederholten Male an alle Opfer rechter Gewalt in Leipzig erinnern. Unsere Kundgebung findet anlässlich des Jahrestages der Ermordung des Wohnungslosen Karl-Heinz T. statt. Unser Blick bleibt an diesem Tag nicht auf Leipzig beschränkt, denn vom 22.-26. August jährt sich gleichsam das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen bereits zum 25. Mal.

Wohnungslose als Todesopfer rechter Gewalt

In den vergangenen Jahren fand unsere Gedenkdemonstration stets mit einem zeitlichen Bezug zur Ermordung von Kamal K. am 24.10.2010 statt. Das Tatmotiv bei diesem Mord: Rassismus. In Leipzig wurden Menschen aber auch aus homosexuellenfeindlichen und sozialdarwinistischen Motiven ermordet, seit 1990 mindestens zehn Menschen. Wie in der Vergangenheit wollen wir mit der gesamten Veranstaltungsreihe all diesen Menschen gedenken. Wir möchten in diesem Jahr besonders darauf eingehen, dass rechte Gewalt nicht alleine auf Rassismus beschränkt werden kann.

Bei keiner Opfergruppe rechter Gewalt wird so selten das politische Tatmotiv festgestellt wie bei Wohnungslosen. Journalist*innen der “Zeit” ermittelten 28 Obdachlose, die zwischen 1989 und 2010 aus kollektivem Hass gegen „Asoziale“ ermordet wurden. Nur sieben wurden offiziell als Opfer rechter Gewalt anerkannt, Karl-Heinz T. nicht. Gleich mehrfach wird er in der Nacht zum 23. August 2008 von dem Neonazi Michael H. in der Leipziger Innenstadt verprügelt. Zwei Wochen später stirbt Karl-Heinz T. an seinen schweren Verletzungen.

In der Tatnacht liegt Karl-Heinz T. schlafend auf einer Parkbank am Schwanenteich hinter der Oper. Der 18-jährige Michael H. und ein Begleiter durchkreuzen den Park. Sie befinden sich auf dem Rückweg von einem Neonaziaufmarsch. Unter dem Motto “Todesstrafe für Kinderschänder” waren im Leipziger Osten hunderte Neonazis aufmarschiert. Michael H. erblickt den schlafenden T. und schreit ihn an, dass er „hier nicht schlafen“ solle. Dann versetzt er ihm einen Faustschlag und springt ihm ins Gesicht. Zusammen mit seinem Begleiter verlässt er den Ort des Geschehens, um eine halbe Stunde später zurückzukehren und abermals auf Karl-Heinz T. einzuprügeln.

In den Morgenstunden entdeckt eine Passantin den schwerverletzten Karl-Heinz T.. Im nahe gelegenen Polizeirevier will sie die Beamt*innen informieren. Auf ihre an der Gegensprechanlage geäußerte Meldung gibt es erstmal keine Reaktion. Sie wird nicht hereingebeten und muss auch ihre Personalien nicht angeben. Erst anderthalb Stunden später sucht die Polizei Karl-Heinz T. am nur 200 Meter entfernten Tatort auf.

Im Krankenhaus werden massive Kopfverletzungen, Prellungen am ganzen Körper, Brüche im Gesicht, eine Halswirbelfraktur und Hirnblutungen festgestellt. Mit mindestens sieben Tritten gegen den Oberkörper und etwa zwanzig Schlägen malträtierte Michael H. sein Opfer, so ein medizinisches Gutachten.

Vor dem Landgericht Leipzig erklärt der Staatsanwalt, Karl-Heinz T. habe nichts getan „außer nachts im Park zu schlafen“. Sein Mörder habe ihn „zum bloßen Objekt degradiert“. Der Vorsitzende Richter Norbert Göbel hält es jedoch nicht für nötig, dem sozialdarwinistischen Tatmotiv nachzugehen, obwohl selbst der Verteidiger des Täters von einem rechten Motiv seines Mandanten ausgeht. Am 27. März 2009 verurteilt das Leipziger Landgericht Michael H. wegen „heimtückischen Mordes“ zu einer Jugendhaftstrafe von acht Jahren und drei Monaten. Sein Begleiter wird nicht strafrechtlich belangt. Die Polizei stuft den Mord nur als „normale Straftat unter Alkoholeinfluss“ ein.

Sozialdarwinismus ist, beruhend auf der Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft, ein Denken, das Menschen nach ökonomischen Nützlichkeitskriterien bewertet. Es teilt in Gewinner*innen und Verlierer*innen ein, schreibt ihnen somit einen gesellschaftlichen Marktwert zu, womit die Abwertung von Menschen einhergeht. Menschen, denen keine Nützlichkeit zugeschrieben wird, werden als unnütz angesehen, gar als unwert. Dieser Mechanismus richtet sich gegen die vermeintlichen Verlierer*innen dieser Verwertungslogik, denen ihre eigene soziale Situation vorgeworfen wird: sie seien im Grunde selber Schuld an ihrer Lage. So wird aus einer realen sozialen Ungleichheit eine Ungleichwertigkeit gemacht.

Mehr als die Hälfte der Besserverdienenden hält Langzeitarbeitslose für „willensschwach, an ihrer Lage selbst schuld und für die Gesellschaft nutzlos“. Das wird dann schnell in politische Forderungen übersetzt. Franz Müntefering, damaliger SPD-Bundesvorsitzender, Vizekanzler und Bundesminister für Arbeit und Soziales sagte im Mai 2006: „Nur wer arbeitet, soll auch essen.“ Durch solche Statements werden sozial Benachteiligte entmenschlicht und abgewertet.

Menschen mit Arbeit und die ökonomische Mittelschicht grenzen sich nach unten ab, sie befürchten einen sozialen Abstieg, der nur durch Arbeit und Leistung abzuwenden scheint. Es ist selbst festzustellen, dass mit niedriger Soziallage das Bedürfnis wächst, sich von Personen am untersten Rand der Sozialhierarchie abzugrenzen, indem ihnen eine negativere Arbeitshaltung zugeschrieben wird als sich selbst.

Dieser verbalen Gewalt folgt dann die körperliche Gewalt. TäterInnen sozialdarwinistisch motivierter Gewalt setzen um, was durch Politik und Medien propagiert und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Sozialdarwinismus erfährt einen breiten gesellschaftlichen Konsens. Wer zur Gemeinschaft vermeintlich nichts beiträgt, wird stigmatisiert, ausgegrenzt und abgewertet, was bis hin zur Tötung führen kann. Der gewalttätige Sozialdarwinismus richtet sich besonders gegen Langzeitarbeitslose, Menschen mit Beeinträchtigung und Wohnungslose. Wohnungslose sind noch einmal besonders gefährdet, weil sie über keinerlei sicheren Rückzugsraum verfügen. Die Folge: Von 1989 bis 2011 wurden nach Informationen des Bundesarbeitskreis Wohnungslosenhilfe 167 wohnungslose Menschen von Tätern außerhalb der Wohnungslosenszene getötet.

Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen (22. – 26. August 1992)

August 1992: 400 Menschen, vor allem aus Rumänien, kampieren vor der überfüllten Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZaSt) im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen, geflohen und auf der Suche nach einem besseren Leben. Die damaligen Umstände wären mit der Beschreibung „unmenschlich“ noch verharmlosend ausgedrückt. „Wenn wir weitere Unterkünfte zur Verfügung stellen, kommen noch mehr Asylsuchende. Das zeigt die Erfahrung“ waren die Worte des damaligen Rostocker Innensenators Peter Magdanz zu dieser Situation. So wurde das rassistische Klima im Stadtteil Lichtenhagen bewusst immer weiter angeheizt.

Nach mehrtägigen Angriffen war es dem Mob gelungen, die Geflüchteten aus dem Viertel zu jagen. Anschließend griffen Neonazis, rechte Jugendliche und „anständige Deutsche“ mit Steinen und Brandsätzen die nahegelegene Wohnunterkunft vietnamesischer DDR-Vertragsarbeiter*innen an – unter dem frenetischen Jubel von rund 4000 Bürger*innen. Die Flüchtenden konnten sich über das Dach aus dem eingeschlossenen und brennenden Haus retten, während der Mob „Deutschland den Deutschen“ und „Wir kriegen euch alle“ skandierte. Nur glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass es an diesen Tagen keine Toten gab. Statt Im Anschluß Hilfe zu erhalten, wurden viele der 115 Vietnames*innen abgeschoben, ebenso die Geflüchteten aus Rumänien.

Wir nehmen diesen 25. Jahrestag zum Anlass, um unsere Solidarität mit den Betroffenen zum Ausdruck zu bringen. Im Rückblick auf das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen zeigt sich dessen anhaltende Aktualität: Vor allem mit Blick auf einen gesamtgesellschaftlichen Rassismus und dessen gewaltvollen Ausdrucksformen – die Schlagworte Heidenau, Bautzen oder Freital seien an dieser Stelle nur exemplarisch genannt. Sie machen diese traurige Aktualität rassistischer Pogrome mehr als deutlich.

Das Gestern im Heute begreifen

Rostock war kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend für das rassistisch-nationalistische Gesellschaftsklima der 90er Jahre. Allein 1992 kam es zu fast 2000 Angriffen auf Asylbewerber*innen, viele davon auch auf deren Wohnunterkünfte. Mölln, Solingen, Lübeck und Hoyerswerda sind vielen Menschen in diesem Zusammenhang noch ein Begriff, jedoch sind die meisten dieser Ereignisse aus dem kollektiven Geschichtsbewusstsein verschwunden.

Seit einigen Jahren ist ein Erstarken völkischer Bewegungen – von Pegida über unzählige „Nein zum Heim-Initiativen“ auf der Straße und in den sozialen Medien zu beobachten – sie sind Ausdrucksform des gegenwärtigen rassistischen gesellschaftlichen Klimas. Auch organisierte Neonazistrukturen und sog. neurechte Bewegungen werden sichtbarer, aktionistischer und erhalten öffentliche und mediale Unterstützung. Im Jahr 2016 gab es insgesamt 3800 Übergriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte.

Die in Leipzig ermordeten Menschen wurden aus homosexuellenfeindlichen, sozialdarwinistischen oder rassistischen Motiven getötet. An anderen Orten mussten Menschen sterben, weil sie jüdischen Glaubens waren, sich antifaschistisch engagierten oder einfach nicht rechts waren. Rechte und rassistische Gewalt ist ein Problem. Viel zu oft wird es kleingeredet oder bestritten!

Doch aktives Wegsehen hilft nur den TäterInnen und all jenen, die ihre Einstellungen teilen. Wir schauen hin, denn die vielen Toten rechter Gewalt verpflichten zu einer Auseinandersetzung mit den Ursachen rechter und rassistischer Gewalt. Der Zustand dieser Gesellschaft, der diese Gewalt möglich macht, gehört auf allen Ebenen bekämpft und abgeschafft!

Es gilt immer noch:
Kein Vergessen – Kein Vergeben.
Für ein aktives Gedenken.

Kundgebung am 23.08.2017 in Leipzig
Schwanenteich / Oper Leipzig
Beginn: 17:30 Uhr

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Veranstaltungen zum 25. Jahrestag des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen

“Wir kriegen euch alle!” – Nicht nur aufgrund der menschenverachtenden Andeutung sollte diese Parole auf Kundgebungen/Demonstrationen von Kontexten, die sich als emanzipatorisch verstehen, keine Verwendung finden bzw. Kritik hervorrufen, sobald sie dennoch skandiert wird. Auch sollte sie keine Verwendung finden, da ihr menschenverachtender Gehalt, während sie beim Pogrom in Rostock-Lichtenhagen gegrölt wurde, zum Vorschein kam.

Zwischen dem 22. und 26. August 1992 – und damit vor nunmehr 25 Jahren – versammelten sich mehr als 4.000 Deutsche, darunter hunderte Neonazis und damit dennoch mehrheitlich Personen, die sich als gesellschaftliche “Mitte” betrachtet hätten bzw. dies auch wurden, um gewalttätig gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZaST) sowie das von vietnamesischen DDR-Vertragsarbeiter*innen bewohnte “Sonnenblumenhaus” vorzugehen.

Nach mehrtägigen Angriffen war es dem Mob gelungen die Geflüchteten aus dem Viertel zu jagen. Anschließend griffen sie mit Steinen und Brandsätzen die nahegelegene Wohnunterkunft der vietnamesischer DDR-Vertragsarbeiter*innen an. Das mehrtägige Pogrom wurden begleitet von frenetischen Jubel sowie dem Rufen von Parolen wie “Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!” und eben “Wir kriegen euch alle!”.

Dass sie vor allem letzteres wollten und erreichten, zeigte sich durch das Agieren der deutschen Rassist*innen sowie den Folgen: Um “alle zu kriegen” wurden beide Gebäude mit Steinen und Molotowcocktails angegriffen. Nachdem die ZaST am 24. August geräumt wurde, konzentrierten sich die Angriffe auf das weiterhin bewohnte “Sonnenblumenhaus”, in dem sich zu diesem Zeitpunkt noch 115 Vietnames*innen befanden. Das Gebäude wurde weiter mit Steinen und Brandsätzen beworfen, in die untersten Etagen wurde sich Zugang verschafft, geplündert und Inventar angezündet. Folglich brannte es auch im “Sonnenblumenhaus” und die deutschen AngreiferInnen bewegten sich im Haus und versuchten in weitere Etagen vorzudringen.

Sie wollten ihre Drohung “Wir kriegen euch alle!” in die Tat umsetzen. Die Eingesperrten mussten sich selbst helfen und entkamen erst über das Dach erst in die benachbarte, leerstehende ZaST. Dort weiter in erreichten sie ein anderes, bewohntes Haus (Aufgang Nr. 15), in dem ihnen erst nach zahlreichen Versuchen eine (!) Tür für Frauen und Kinder geöffnet und damit Hilfe und Schutz gewährt wurden.

So betrachtet, ist es beim “bloßen” Wollen der RassistInnen geblieben. Doch nur scheinbar. Zwar Glücklicherweise wurde während des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen keine Person getötet, aber erreicht wurde seitens der RassistInnen ihre angestrebten Ziele. Sie brauchten gar nicht “alle zu kriegen”, denn der Staat erledigte, was sie forderten: Die Abschiebung vieler der 115 Vietnames_innen sowie der Asylsuchenden aus Rumänien. So erfuhr das “Wir kriegen euch alle!” durch staatliche Unterstützung quasi einer Erweiterung. “Wir kriegen euch alle! Und schieben euch ab!”.

Auch erzielten sie das Einlenken der SPD auf die Linie von CDU/CSU. Und damit die Abschaffung des damaligen Asylrechtes. Die Pläne zur Grundgesetzänderung lagen bereits in der Schublade, eine Kampagne gegen Asylsuchende war im vollen Gange und Rostock-Lichtenhagen wurde zynischer Weise als letztes Argument für die Abschaffung des Asylrechtes und damit des Grundrechts auf Asyl herangezogen. Jene Änderung wurde im Juni 1993 letzten Endes vollzogen.

Mit dieser Veranstaltungsreihe wollen wir uns mit dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen näher auseinandersetzen und eine andere/weitere/ergänzende/zusätzliche Perspektive eröffnen, die lange fehlte: Die der Betroffenen, der im “Sonnenblumenhaus” eingesperrten Vietnames*innen.

Ein weiterer ausführlicher Text zum Pogrom in Rostock: „Rassistische Kontinuitäten – Aufruf zu bundesweiten Aktionen anlässlich des 25. Jahrestages der Pogrome von Rostock-Lichtenhagen

Veranstaltungen:

9. August, Mittwoch

Film “The Truth lies in Rostock”
Um 19 Uhr beim Skorbut-Tresen in der Meuterei (Zollschuppenstraße)

August 1992,Rostock Lichtenhagen.

Die Polizei schaut einfach zu, als Faschisten die Zentrale Aufnahmestelle für Geflüchtete (ZAST) und ein Wohnheim von vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen mit Molotowcocktails bombardieren.

Eine Montage mit Videomaterial, gedreht aus den angegriffenen Häusern, Interviews mit Antifaschist*innen, den vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen, der Polizei, mit Bürokraten, Neonazis und Anwohnern.

Eine Dokumentation über das heimliche Einverständnis der Politik und über die verbreitete Angst.


18. August, Freitag

Vortrag in der Stö (Connewitz)

Um 19 Uhr in der Stö.

Rostock-Lichtenhagen 1992: Kontext, Dimensionen und Folgen rassistischer Gewalt

mit Autoren der Studie „Antiziganistische Zustände 2“

Die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen im August 1992 gelten als die massivsten rassistischen Ausschreitungen oder gar das größte Pogrom der deutschen Nachkriegsgeschichte: Tagelang wurden die Bewohner*innen einer Flüchtlingsunterkunft und eines Wohnheims für vietnamesische Vertragsarbeiter*innen mit Steinen und Brandsätzen angegriffen, während Tausende ihrer Nachbarn Beifall klatschten. Nachdem die Polizei sich auf dem Höhepunkt der Gewalt zurückgezogen hatte, entgingen mehr als 100 Menschen in dem brennenden Haus nur knapp dem Tod in den Flammen. Der Eskalation vorausgegangen war ein anwachsender Rassismus in den Medien und der Politik. Ihr folgte nicht nur eine Welle rechter Gewalt, sondern auch die weitgehende Einschränkung des Grundrechts auf Asyl.

Bundespolitische Debatten um vermeintliche “Scheinasylanten” und “Zigeuner”, institutionelles Versagen in der Flüchtlingspolitik und eskalierende rechte Gewalt kamen in Rostock in einer verheerenden Dynamik zusammen. Hinterfragt werden muss insbesondere die Beteiligung der vielen ungezählten Anwohner*innen, die jeden Brandsatz mit Jubelrufen begrüßten. In ihrer konformistischen Revolte verstanden sie sich nicht als Außenseiter*innen oder gar “Extremisten”. Sie wähnten sich in der Mitte der Gesellschaft, gar als Stimme des Volkes.


23. August, Mittwoch

Kundgebung: „Aktiv Gedenken statt schweigend vergessen! In Erinnerung an alle Opfer rechter Gewalt.“

17:30 Uhr Schwanenteich hinter der Oper in Leipzig

Aufruf: Hier


24. August, Donnerstag
Sonnenblumenhaus – Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen

Einlass um 18:45 Uhr (Beginn 19 Uhr) auf der Fläche des Sommerkinos im Conne Island (Koburger Straße 3)

Am 25. August kommt es im Rahmen des 25. Jahrestages des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen zur Aufführung des Theaterstücks “Sonnenblumenhaus“ im Institut fuer Zukunft (IfZ).

Das von Dan Thy Nguyen und Iraklis Panagiotopoulos produzierte Stück dokumentiert das rassistische Pogrom von Rostock 1992 und „verarbeitet die Sicht der belagerten Menschen“. Diese wurden dafür ausfindig gemacht und interviewt. Aus ihren Aussagen wurde das Stück entwickelt.

Wir möchten die Gelegenheit nutzen, um mit Dan Thy Nguyen vor der Aufführung im IfZ über das Pogrom in Rostock zu sprechen. Kunst- und Kulturschaffende haben oft die Möglichkeit, mit ihren Arbeiten Menschen auch außerhalb von politischen Zusammenhängen und Kontexten zu erreichen und sie zu einer intensiven, wenn auch zeitlich begrenzten, Auseinandersetzung mit ihren Themen zu bewegen. Vor welchen Herausforderungen sie dabei auch stehen, wenn es um die Erinnerung an Ereignisse wie in Rostock geht, werden wir ihn fragen.


25. August, Freitag

Theaterstück: “Sonnenblumenhaus” im Institut fuer Zukunft (IfZ) Tierkliniken 38-40

von Dan Thy Nguyen und Iraklis Panagiotopoulos

mit Claudiu M. Draghici, Jan Katzenberger, Djamila Manly-Spain

Regie: Dan Thy Nguyen

1992 belagerten hunderte Neonazis und tausende Anwohner_innen tagelang eine Erstaufnahmestelle für Asylsuchende und einen angrenzenden Wohnblock ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter_innen in Rostock-Lichtenhagen. Über Tage heizte sich die Stimmung auf, ohne dass die Polizei nennenswert intervenierte. Schließlich flogen Brandsätze und die Gebäude wurden gestürmt. Das Theaterstück dokumentiert das größte und fast vergessene rassistische Pogrom der deutschen Nachkriegsgeschichte und verarbeitet die Sicht der Überlebenden.

Einlass 18:30
Beginn 19 Uhr
Eintritt 5-10 Euro

Eine Kooperationsveranstaltung zwischen „Rassismus tötet!“-Leipzig, der Initiative „Leipziger Rede“ und dem Kulturraum e.V. (KReV).

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Aktuelles Allgemein

24.August im Conne Island: Sonnenblumenhaus – Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen

Am 25. August kommt es im Rahmen des 25. Jahrestages des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen zur Aufführung des Theaterstücks “Sonnenblumenhaus“ im Institut fuer Zukunft (IfZ).

Das von Dan Thy Nguyen und Iraklis Panagiotopoulos produzierte Stück dokumentiert das rassistische Pogrom von Rostock 1992 und „verarbeitet die Sicht der belagerten Menschen“. Diese wurden dafür ausfindig gemacht und interviewt. Aus ihren Aussagen wurde das Stück entwickelt.

Wir möchten die Gelegenheit nutzen, um mit Dan Thy Nguyen vor der Aufführung im IfZ über das Pogrom in Rostock zu sprechen. Kunst- und Kulturschaffende haben oft die Möglichkeit, mit ihren Arbeiten Menschen auch außerhalb von politischen Zusammenhängen und Kontexten zu erreichen und sie zu einer intensiven, wenn auch zeitlich begrenzten, Auseinandersetzung mit ihren Themen zu bewegen. Vor welchen Herausforderungen sie dabei auch stehen, wenn es um die Erinnerung an Ereignisse wie in Rostock geht, werden wir ihn fragen.

Am 24. August, Einlass um 18:45 Uhr (Beginn 19 Uhr) auf der Fläche des Sommerkinos im Conne Island (Koburger Straße 3)