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Hoyerswerda 1991: „Nichts & niemand ist vergessen!“

Mitte September jährte sich zum 23. Mal das rassistische Pogrom von Hoyerswerda. Im September 1991 griff ein Mob von Neonazis und vermeintlich „ganz normalen“ BewohnerInnen der Stadt über mehrere Tage die in Hoyerswerda lebenden DDR-VertragsarbeiterInnen aus Mosambik und Vietnam sowie Asylsuchenden an. Die Betroffenen erhielten nur wenig Schutz und Unterstützung – sie mussten die Stadt verlassen.

Jedes Jahr erinnert die Initiative „Pogrom 91“ an das rassistische Pogrom und die Situation der Betroffenen, in diesem Jahr mit einer bundesweiten Plakataktion. In über 20 Städten in ganz Deutschland wurden in der Woche des rassistischen Pogroms Gedenkplakate verklebt. Auf ihnen heißt es u.a.: “Nichts und niemand ist vergessen! An Hoyerswerda erinnern heißt heute: ein offensiver Umgang mit Neonazis und rechter Hegemonie, eine klare Positionierung gegen jeden Rassismus, Anerkennung und Entschädigung Betroffener rechter Gewalt, Forderung der Rücknahme aller Asylrechtsänderungen von 1993 und Bleiberecht für alle!”

Auch in Leipzig beteiligten sich Menschen an der Plakataktion:

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Alle weiteren Informationen zum Pogrom in Hoyerswerda, der diesjährigen Gedenkaktion und einem Denkmal der Stadt, erfahrt ihr bei der Initiative „Pogrom 91„.

An dieser Stelle dokumentieren wir nochmal den Text der antifaschistischen Kampagne „Fence off“ aus Leipzig von 2011 zum Pogrom in Hoyerswerda:


Niemals Hoyerswerda vergessen

Ein Blick zurück: Heute vor 20 Jahren, am 17. September 1991, begannen im ostsächsischen Hoyerswerda die bis dahin heftigsten rassistischen Angriffe seit dem Ende des Nationalsozialismus. In Erinnerung an die damaligen Ereignisse errichtet die unterstützenswerte Initiative “Pogrom 1991″ heute in Hoyerswerda ein provisorisches Mahnmal und ruft zu einer Demonstration auf.

Wir möchten an den Fall Hoyerswerda erinnern, weil er aus dem öffentlichen Bewusstsein so schnell wieder verschwunden ist, dass auch Linke kaum noch davon wissen. Dabei nahmen die Überfälle auf MigrantInnen, VertragsarbeiterInnen und Asylsuchende damals Ausmaße an, die BeobachterInnen von einem Pogrom sprechen ließ. Tatsächlich war Hoyerswerda ein “Vorbild”, nach dem sich rassistische Deutsche kein Jahr später auch in Rostock-Lichtenhagen zusammenrotteten.

Zur Lektüre veröffentlichen wir einen Rückblick auf die damaligen Ereignisse sowie einen zeitgenössischen Text des linken Publizisten Wolfgang Pohrt mit dem programmatischen Titel “Waffen für Hoyerswerda”.

Tat-Ortschaft Hoyerswerda

In diesem Ort – im Volksmund als “Hoywoy” verniedlicht – waren es zunächst 15 Nazis, die auf dem Wochenmarkt VietnamesInnen angegriffen und quer durch die Stadt bis in ein Wohnheim für VertragsarbeiterInnen gejagt haben. Dort versammelten sich in den folgenden Stunden weitere Nazis und ein Pulk von “Schaulustigen”. Jene BürgerInnen feuerten die Nazis an, das Wohnheim anzugreifen – und schirmten sie zwei Stunden lang gegen die anrückende Polizei ab, die dem Treiben anfangs gelassen zusah und erst am Abend mit einem Spezialkommando für Ruhe sorgte.

Die Ruhe hielt nicht lang: Am Folgetag versammelten sich erneut mehrere hundert Menschen vor dem Wohnheim und schlugen auf BewohnerInnen ein. Dass man dabei freie Hand hat, sprach sich in Hoyerswerda schnell rum: Wieder einen Tag später wurde auch ein Heim für AsylbewerberInnen angegriffen. Dass man jetzt nicht nur freie Hand hat, sondern sogar auf die Unterstützung der Bevölkerung zählen kann, hatte sich dann schon so weit rumgesprochen, dass am 19. September Nazis aus der ganzen Republik anreisten und sich beide Heime vorknöpften: Molotowcocktails flogen auf die Fassaden. BürgerInnen stellten sich schützend um die AngreiferInnen und sicherten einen stundenlangen Nachschub an Steinen, Benzin und Glasflaschen, die sie schubkarrenweise anlieferten.

Resultat waren mehrere Schwerverletzte. Die MigrantInnen-Heime in Hoyerswerda wurden kurz darauf regelrecht evakuiert, in den folgenden Monaten brannten noch mehrere Geschäfte mit migrantischen BetreiberInnen. Der Mob triumphierte. Eine antifaschistische Demonstration mit 4000 TeilnehmerInnen hat die Polizei am 29. September 1991 dagegen mit Wasserwerfern zurückgedrängt und mit Tränengas beschossen – und damit klargestellt, dass man sich den zweifelhaften Triumph, “ausländerfrei” nicht nur zum Unwort des Jahres gemacht, sondern wirklich so gehandelt zu haben, von niemandem nehmen lässt.

Tatsächlich gab es für Hoyerswerda – genau wie später für Rostock-Lichtenhagen – vor allem Worte des guten Zuredens. In den Lokalteilen ostdeutscher Tageszeitungen wurden solche und ähnliche Angriffe, die den Tod ihrer Opfer herbeiführen sollten, wohlwollend als Vandalismus und Hitzköpfigkeit abgetan. Und in den Feuilletons westdeutscher Tageszeitungen lief eine erste große “Rechstextremismus”-Debatte an, in der – wie in allen folgenden Debatten – vor allem um Verständnis geworben wurde: Verständnis für angebliche Kurzschlussreaktionen ostdeutscher Jugendlicher mit zu viel autoritärer Erziehung und Mangel an “Wärme”; für so genannte “Wendeverlierer” mit einer Überdosis Plattenbau-Grau, Hang zum Alkohol und ganz miesen Jobaussichten.

In den Lokalteilen ostdeutscher Tageszeitungen wurde die Berichterstattung über Neonazismus eingeschränkt – in der Annahme, dass der Fokus nie auf Hoyerswerda gefallen wäre, wenn man der “Nestbeschmutzung” besser vorbeugt, man also wirklich “dichtgehalten” hätte. In den Feuilletons westdeutscher Tageszeitungen empfahlen derweil SoziologInnen, PädagogInnen und andere Leute, die womöglich nie ganz dicht waren, mit ihrem Konzept einer “akzeptierenden Jugendsozialarbeit” mehr Toleranz – für Nazis. Davon profitierten Kommunen mit vielen Nazis, also Tat-Orte wie Hoyerswerda.

Militanter Rassismus im neuen Deutschland

Kaum diskutiert wurde die naheliegende Annahme, dass man es wirklich mit Leuten zu tun haben könnte, die ihren Hass auf MigrantInnen ernst meinen, und die sich in ihrem Hass nicht nur untereinander einig sind, sondern auf ihre NachbarInnen zählen können, und zwar ganz gleich, ob die sich selbst für Nazis halten oder nicht. Die Öffentlichkeit hat sich erfolgreich gegen die Einsicht gesträubt, dass es einen engen – vielleicht sogar logischen – Zusammenhang geben könnte zwischen dem nationalistischen Einheitstaumel der “Wendezeit” und dem konkreten Handeln ihrer AnhängerInnen. Das Handeln führte in derselben Zeit zur Ermordung zahlreicher Nicht-Deutscher, und die Mordversuche in Hoyerswerda haben den deutschen Tätern gezeigt, dass ihnen kaum Grenzen gesetzt werden.

Wenn es also so einen Zusammenhang gibt, dann ist auch die Folgerung plausibel, dass diese AnhängerInnen des deutschen Nationalismus das Versprechen von “blühenden Landschaften” aus naiver Überzeugung – und irgendwann auch aus radikaler Enttäuschung – so ernst genommen haben, dass sie alle Menschen aus dem Weg räumen wollten, die bei einer Erfüllung der Einheitsträume und für den Erfolg der wieder-vereinheitlichten Nation hinderlich schienen: weil man sie nicht für “deutsch” hielt, für unnütz oder schädlich.

Diese nationalistische und rassistische Denkart ist irre. Aber sie ist nicht irre genug, dass der mörderische Reflex gegen MigrantInnen, denen Nazis und andere Deutsche in Hoyerswerda, Rostock und anderen Städten gefolgt sind, an irgendeinem extremen Rand gestanden hätte oder dorthin gedrängt worden wäre, wie es bis heute oft behauptet wird. Umgekehrt war der militante Rassismus zu Beginn der 90er Jahre ein durchaus vermittelbarer Anlass, das Asylrecht faktisch abzuschaffen. In der “Berliner Republik” konnte die Politik wieder auf den Rassismus der Massen setzen.

Eine der wenigen, dafür aber energischen Interventionen ist ein zeitgenössischer Text Wolfgang Pohrts, den wir nachfolgend dokumentieren und der erstmals im November 1991 in der Monatszeitschrift “konkret” erschienen ist. Unsere zu lange Einleitung ist auch deswegen nötig, weil sich der Text nicht (mehr) von selbst versteht: Heute aktive AntifaschistInnen haben meist keine eigenen Erfahrungen aus dieser Zeit. Und viele Ausdrücke von Wut und Ohnmacht, die im Artikel angehäuft wurden, erschienen weltfremd oder jedenfalls überzogen, würde man sich nicht die Intensität und Tragweite der Hoyerswerdaer Angriffe (und ihrer Fortsetzungen in weiteren Ortschaften) vergegenwärtigen.

Genau diese Tragweite wollen wir verdeutlichen. Uns geht es nicht darum, den Text auf heutige Verhältnisse anzuwenden oder für (vielleicht naheliegende) Vergleiche heranzuziehen. Der Polemiker Wolfgang Pohrt wurde für seinen Rigorismus denn auch von der eigenen Redaktion gescholten, später hat er sich (unter anderem) explizit von diesem Text sogar distanziert.

An der Verhärtung rassistischer Kollektive, die sich nach der “Wende” wieder frei organisieren durften, ändert das aber nichts. Und auch nichts an den furchtbaren Resultaten.


Waffen für Hoyerswerda

Ein paar müßige Spekulationen, die so müßig nun auch wieder nicht sind

Von Wolfgang Pohrt

Es stand im »Stern«, Auflage rund eine Million: »Im sächsischen Hoyerswerda hat die staatliche Gewalt die Verfassung gebrochen. In den Tagen und Nächten der Ausländerhatz durch neonazistische Horden hat unser Staat vor dem Mob kapituliert…. In Hoyerswerda haben die Kinder der Ausländer nächtelang geweint oder geschrien, weil sie Angst hatten. Vor Molotow-Cocktails und Pflastersteinen, vor deutschem Haß. Sie hatten Angst davor, geschlagen oder erschlagen zu werden. Und die häßlichen Deutschen johlten beifällig bei jedem Treffer.« Derweil schrieb die »Stuttgarter Zeitung« undementiert: »Sachsens parteiloser Justizminister Steffen Heitmann hatte eine unheimliche Begegnung. Auf der Stuttgarter Königstraße ist er eines Samstags spazierengegangen und hat dort so viele ausländische Sprachen gehört und so viele fremdländische Menschen gesehen, daß er sich gefragt hat: ‘Mensch, biste hier noch zu Hause?’ Der Theologe hat sich so seine Gedanken gemacht. Er ist zu dem Schluß gekommen, daß ‘Deutschland das Recht haben muß, seine kulturelle Identität zu wahren’«.

Während die häßlichen Deutschen johlten, forderten die schönen Seelen »mehr Toleranz« und mahnten, die Landsleute müßten mit den Ausländern leben und sie besser verstehen lernen. Mutwillige Sachbeschädigung, lebensgefährdende Brandstiftung, schwere Körperverletzung und versuchten Mord hielten sie offenbar für Erscheinungsformen von Intoleranz. Daß Deutsche erschlagen dürfen, wen sie nicht mögen oder nicht verstehen, verstand sich für sie von selbst. Sporadisch kam es auch zu Kundgebungen und Demonstrationen gegen die »Ausländerfeindlichkeit«, die freilich unter mäßiger Beteiligung litten und widerwillig absolvierten Pflichtübungen glichen. Nicht eine Organisation forderte dazu auf, den Sitz der sächsischen Landesregierung zu belagern und diese Belagerung solange durchzuhalten, bis Biedenkopf samt seinem Kabinett wegen Unterstützung und Begünstigung einer terroristischen Vereinigung sowie Werbung für sie hinter Gittern ist. Die Hunderttausende, die im Januar noch für den Frieden um jeden Preis auf die Straße gegangen waren und das Land mit Mahnwachen und Kerzenschein überzogen hatten, blieben zu Hause aus dem einfachen Grund, daß die Menschenjagd in der Bundesrepublik auf ökologisch unbedenkliche Weise abgewickelt wurde. Und während die Wohnheime von Asylbewerbern schutzlos den Angriffen neonazistischer Verbrecher ausgeliefert sind, fallen einem die Bilder von der Demonstration gegen die Startbahn West in Frankfurt wieder ein, wo Leute sich mit bloßem Oberkörper der Polizei in den Weg und schützend vor den Baum stellten, für den sie eine Patenschaft übernommen hatten.

Da die Bundesrepublik nun tatsächlich ein Land geworden ist, worin mit nennenswertem politischen Widerstand gegen faschistische Gewaltverbrechen nicht gerechnet werden kann, vielmehr jede Bande, wenn sie sich nur halbwegs glaubhaft als Volksbewegung darstellt, im Staat einen mächtigen Erfüllungsgehilfen finden wird wie seinerzeit, besteht für den Kommentator auch nicht mehr die Pflicht, die Entwicklung ausschließlich in politischen oder gar realpolitischen Kategorien verstehen zu wollen. Es steht ihm frei, sich auszumalen, was Gerechtigkeit bedeuten würde, ganz unabhängig davon, ob irgendeine irdische Macht willens und fähig ist, solche Gerechtigkeit herbeizuführen. Wie wäre es beispielsweise, würden auf Deutsche im Ausland die gleichen Anschläge verübt, die momentan von Deutschen auf Ausländer verübt werden? Nicht nur zur Urlaubszeit böte sich dazu jede Gelegenheit. Wenn Landsleute in Italien mit eingeschlagenem Schädel auf der Intensivstation enden, wie es hier Nigerianern passiert – ob es dann wohl immer noch so ist, daß besonnene Deutsche für mehr Toleranz, diesmal seitens der Italiener, plädieren? Und gesetzt den Fall, bei einem Brandanschlag auf ein von deutschen Urlaubern bewohntes Hotel würden zwei kleine Mädchen so schwer verletzt wie neulich im nordrheinwestfälischen Hünxe – ob die halbverbrannten Opfer und die verzweifelten Eltern dann vielleicht wenigstens im hiesigen Fernsehen zu bestaunen wären, das seinem sadistisch veranlagten Publikum sonst keine Schwerverwundeten und Leichen aus anderen Teilen der Welt vorenthält, aber nicht einmal die Opfer der jüngsten Anschlagswelle zeigte, vielleicht aus Furcht, es könnten dabei Abscheu gegen die Täter und Sympathie für die Opfer sich bilden? Was geschähe wohl, würde eine Bande rechtsradikaler Totschläger mal in einen Hinterhalt gelockt, und ein paar von ihnen blieben auf der Strecke?

Müßige Spekulationen, zugegeben, aber so müßig wieder nicht. Daß es ein Fehler war, im Jahr 1938 die Synagogen niederzubrennen, jüdische Geschäfte zu zerstören, die Juden durch die Straßen zu hetzen und zu erschlagen, begriffen die Landsleute erst, als ihre eigenen Städte wie die niedergebrannten Synagogen aussahen und sie selber auf der Flucht waren. Es wäre lehrreich für die Deutschen, die fühlen müssen, da sie nicht hören mögen, und es wäre ein Triumph der Gerechtigkeit obendrein, würde das ausländerfreie Hoyerswerda bald den mit Brandsätzen und Stahlkugeln attackierten Ausländerwohnheimen dort gleichen, und die Einheimischen müßten fliehen von dort, wie die Ausländer fliehen mußten. So schlecht, wie es scheint, stehen die Chancen dafür nicht, denn der Ort, der eine Woche lang die Hauptstadt der neuen Volksbewegung war, wird vermutlich zugrundegehen, ohne daß es dazu eines weiteren Weltkriegs bedarf. Seine Bewohner selber werden es sein, die ihn im Krieg gegeneinander zerstören. Man sollte ihnen, wenn es soweit ist, nicht in den Arm fallen dabei, sondern sie auf jede nur erdenkliche und vollkommen unparteiische Weise unterstützen.

Quelle: konkret, 11/1991

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13.9. Antirassistischer Kulturtag im Leipziger Osten

Am 13.9.2014 wird es ab 12 Uhr im Stadtteilpark Rabet einen antirassististichen Kulturtag geben. Zum Programm gehören unterschiedliche Workshops (Graffiti, Siebdruck uvm.), Infostände, Musik von der Microphone Mafia, ein Workshop zu rassistischen Politzeikontrollen und eine Podiumsdiskussion unter der Fragestellung: „Die Eisenbahnstraße, gefährlichste Straße Deutschlands?! Rassistische Sterotype oder Realität?“. Desweiteren bietet der Park eine Vielzahl an Möglichkeiten der sportlichen Aktivitäten wie Fußball, Volleyball, Tischtennis, Basketball uvm.

+++ Update 04.09.2014+++

Wir freuen uns neben Microphone Mafia nun auch MC Nuri auf unserer Bühne begrüßen zu dürfen:

Microphone Mafia – 14.30 Uhr

MC Nuri – 20.00 Uhr

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Hier der Aufruf zum Tag:

Kriminell ist nicht die Eisenbahnstraße. Kriminell ist das System

Die Eisenbahnstraße im Leipziger Osten ist laut einem ProSieben-Fernsehbeitrag die angeblich “gefährlichste Straße Deutschlands”. Der Beitrag reiht sich in andere Berichterstattungen sowie die Perspektive einen Großteils der Leipziger_innen ein, die die Eisenbahnstraße als “Kriminalitätsschwerpunkt” betrachten und sich bedroht fühlen. Wie zumeist, wenn über solche “Schwerpunkte” gesprochen wird, handelt es sich um einen Stadtteil, der im Durchschnitt einen höheren Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund hat, als es andere Viertel im Stadtgebiet haben. Gern wird dabei der Begriff “Parallelgesellschaft” verwendet. Nicht erwähnt wird, dass sich nicht die Bewohner_innen der stigmatisierten Stadtteile verschließen, sondern sie seit jeher unerwünscht und nicht willkommen, also schon immer ausgeschlossen waren.

Doch nach einer aufgeblasenen Kampagne, die Leipzig zu einem „besseren Berlin“ verklärt und die Stadt international in den Himmel lobt, setzt ein Trend der vermeintlichen Aufwertung ein, der auch ehemalige „Schmuddelecken“ wie im Leipziger Osten nicht verschont.

Menschen mit geringem Einkommen, Migrationshintergrund oder solche deren Lebensumstände nicht in die schon damals gutbürgerlichen Stadtteile passten, fanden sich in den Platten der Stadt und im Leipziger Osten.
Mittlerweile hat sich vieles verändert und auch hier wird angefangen, diese Ecken gewinnorientiert zu vermarkten. Nachdem der halbgare Versuch die Eisenbahnstraße als “Multikultimeile” zu vermarkten, gescheitert ist, treten nun andere Mittel auf den Plan. Besser geeignet scheint es, sich der bisherigen Anwohner_innen zu entledigen. Dazu bedient mensch sich rassistischer Propaganda. So wie es bei jeder Gelegenheit die Lokalpresse und auch die Leipziger Polizei tut. Parallel dazu steigen die Mieten. Ein wirksames politisches Gegensteuern bleibt aus.

Außerdem verschärft sich die soziale Situation weiter. Während der wirtschaftlich-orientierte Umbau der Stadt voran geht, wird zeitgleich der Repressionsdruck in den so genannten “Problemstadtteilen” erhöht. “Überwachen und Strafen” ist dabei das Motto und bedeutet auch in der Eisenbahnstraße: mehr Kameraüberwachung, systematische und zunehmend willkürliche Polizeipräsenz, ein eigener Polizeiposten und Rechtsfreiheit für die Staatsgewalt.

Nationalismus als Verschleierungszusammenhang

Dass Menschen aufgrund ihrer Lebensweise oder ihrer sozialen Lebensumstände dikriminiert und systematisch entrechtet werden, kommt nicht von Ungefähr, sondern folgt einem gesellschaftlichen Prinzip. Sei es im realpolitischen Alltag, subtil über mediale Debatten oder in der sozial-politischen Diskussion, letztendlich vollzieht sich eine Auslese der Gesellschaft in „wertbringende“ und „wertlose“ Mitglieder. Wer aus dem kapitalistischen Normalablauf herausfällt, bildet die soziale „Unterschicht“, wird abgewertet und verachtet. Als Argumente werden entweder genetische Ursachen erdacht oder wer die Leistung nicht bringt, hat persönlich „versagt“. Dieser grassierende Sozialchauvinismus erfreut sich zunehmender Akzeptanz in allen Gesellschaftsschichten. Solang mensch seine eigenen Schäfchen noch im Trockenen sicher wägt, bleibt die befriedigende Aggression auf alle vermeintlich anderen, schwächeren, gescheiterten Existenzen attraktiv. Gerade die Eisenbahnstraße eignet sich in diesem Sinne als Negativ-Projektionsfläche für die abstiegsbedrohten Biomarkt-Deutschen, Ordnungsfetischist_innen, Nazis, CDU und ihr kleiner Stiefbruder „Alternative für Deutschland“(AfD).

Diskriminierung als Hintergedanke

Nicht erst seit Sarrazin und der AfD wird medial die Angst vor einer angeblichen Überfremdung durch vor allem muslimische Einwander_innen gestreut. Dabei werden klare rassistische Stereotype bedient und wiederbelebt und von weiten Teilen der weißen, deutschen Mehrheitsgesellschaft getragen.

Die nachweisbar größer werdende Kluft zwischen Menschen mit hohem und niedrigem sozioökonomischen Status ist hierbei eine Ursache für den zunehmenden Rassismus. Es ist somit alles andere als zufällig, wenn mit der Verhärtung unserer Lebensbedingungen die Ausgrenzung der von der Mehrheitsgesellschaft diskriminierten Menschen – wie beispielsweise Migrant_innen – gleichermaßen zunimmt.

Die Antwort des Staates steht jedoch im krassen Wiederspruch zur Abmilderung sozialer Probleme.
Mehr Kameras, mehr polizeiliche Kontrollen, härtere Strafen tragen zur Normierung des Einzelnen bei und erinnern den ungeliebten, unproduktiven Teil der Gesellschaft an ihre vermeintlichen Aufgaben in der Bundesrepublik Deutschland.
Es resultiert eine zunehmend flächendeckende Überwachung und Bestrafung der Gesellschaft: Möglichkeiten des Aufbegehrens, der Solidarität und des Miteinanders werden sukzessive unmöglich gemacht. Offiziell wird von Sicherheitspolitik geredet, gemeint ist: Deine Daseinsberechtigung ist die Lohnarbeit!

Werden die staatliche Überwachung und der grassierende Rassismus miteinander verbunden, so resultiert daraus das, was als „racial profiling“ in Stadtteilen, die von der Polizei willkürlich als „Kriminalitätsschwerpunkte“ gehandhabt werden, verstanden wird:
„Verdachtsunabhängige Kontrollen“ an Personen, die in irgendeiner Weise als von der Norm abweichend betrachtet werden. Anlass kann die äußere Erscheinung, die Kleidung oder die Bewegungsart sein. Betroffene werden manchmal sogar mehrmals hintereinander kontrolliert. Rassismus tritt dabei als gesellschaftliches und institutionelles Problem auf – aufgrund der Zustimmung in der Mehrheitsgesellschaft können die Behörden sich viele Rechtsbrüche erlauben.

Criminials United

Das eigentliche Problem sind nicht „kriminelle Strukturen“der „Integrationsunwilligen“ , sondern eine Gesellschaft die einzig auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Eine Gesellschaft in der so genannte “Fremde” nicht willkommen sind und seit jeher angefeindet und angegriffen werden. Wer sich für ein Zusammenleben ausspricht, in dem nur die “Stärksten” ein gutes Leben haben sollen, muss sich nicht wundern, wenn die “Schwachen” sich von dieser abwenden.

Wir stehen für eine Gesellschaft ein, die frei ist von Rassismus und sozialer Ausgrenzung. Eine Gesellschaft, die nicht nach kapitalistischen Gesichtspunkten ausgerichtet ist, sondern im Interesse aller Menschen, egal woher sie kommen. Das Problem liegt nicht in einer Straße oder einem Stadtteil, sondern das Probelm ist dieses System, das Menschen nur nach ihrer Nützlichkeit bewertet, sortiert, normiert und letztendlich zerstört.