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Stilles Gedenken an Karl-Heinz Teichmann

Stilles Gedenken am 6. September 2024, 15 Uhr, Schwanenteich hinter der Leipziger Oper.

Verwiesen sei auch auf die Pressemitteilung aus dem letzten Jahr.


Karl-Heinz Teichmann wird nur 59 Jahre alt. Gleich mehrfach wird er in der Nacht zum 23. August 2008 von dem Neonazi Michael H. in der Leipziger Innenstadt verprügelt. Zwei Wochen später stirbt Karl-Heinz Teichmann an seinen schweren Verletzungen. Er hinterlässt unteranderem eine Tochter.

In der Tatnacht liegt Karl-Heinz Teichmann schlafend auf einer Parkbank am Schwanenteich hinter der Oper. Der 18-jährige Michael H. und ein Begleiter durchkreuzen den Park. Sie befinden sich auf dem Rückweg von einem Neonaziaufmarsch. Unter dem Motto “Todesstrafe für Kinderschänder” waren im Leipziger Osten hunderte Neonazis aufmarschiert. Michael H. erblickt den schlafenden Teichmann und schreit ihn an, dass er „hier nicht schlafen“ solle. Dann versetzt er ihm einen Faustschlag und springt ihm ins Gesicht. Zusammen mit seinem Begleiter verlässt er den Ort des Geschehens, um eine halbe Stunde später zurückzukehren und abermals auf Karl-Heinz Teichmann einzuprügeln.

In den Morgenstunden entdeckt eine Passantin den schwerverletzten Karl-Heinz Teichmann. Im nahe gelegenen Polizeirevier will sie die Beamt_innen informieren. Auf ihre an der Gegensprechanlage geäußerte Meldung gibt es erstmal keine Reaktion. Sie wird nicht hereingebeten und muss auch ihre Personalien nicht angeben. Erst anderthalb Stunden später sucht die Polizei Karl-Heinz Teichmann am nur 200 Meter entfernten Tatort auf.

Im Krankenhaus werden massive Kopfverletzungen, Prellungen am ganzen Körper, Brüche im Gesicht, eine Halswirbelfraktur und Hirnblutungen festgestellt. Mit mindestens sieben Tritten gegen den Oberkörper und etwa zwanzig Schlägen malträtierte Michael H. sein Opfer, so ein medizinisches Gutachten.

Vor dem Landgericht Leipzig erklärt der Staatsanwalt, Karl-Heinz Teichmann habe nichts getan „außer nachts im Park zu schlafen“. Sein Mörder habe ihn „zum bloßen Objekt degradiert“. Der Vorsitzende Richter Norbert Göbel hält es jedoch nicht für nötig, dem sozialdarwinistischen Tatmotiv nachzugehen, obwohl selbst der Verteidiger des Täters von einem rechten Motiv seines Mandanten ausgeht. Am 27. März 2009 verurteilt das Leipziger Landgericht Michael H. wegen „heimtückischen Mordes“ zu einer Jugendhaftstrafe von acht Jahren und drei Monaten. Sein Begleiter wird nicht strafrechtlich belangt. Die Polizei stuft den Mord nur als „normale Straftat unter Alkoholeinfluss“ ein.

Karl-Heinz Teichmann wird nicht als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt.

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Redebeitrag auf antifaschistischer Fahrradtour

Zu diesem Eintrag bei Chronik.Le – https://chronikle.org/ereignisse/grosses-werbebanner-fuer-vaeterrechtler-kampagne

Wurde auf der antifaschistischen Fahrradtour des Ladenschlussbündnis folgender Redebeitrag gehalten:

Wir müssen heute dringend über eine Bewegung sprechen, die unter dem Deckmantel der Gleichheit eine zutiefst gefährliche Ideologie verbreitet: die Väterrechtsbewegung in Deutschland. Was sich selbst hier als Kampf für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung verkauft, ist in Wahrheit ein Sammelbecken für Antifeminismus und rechtsradikale Tendenzen. Und leider werfen sie dabei auch einen Schatten auf alle progressiven Väter welche sich wirklich für das Wohl ihre Kinder interessieren.

Die Kontrolle über Frauenkörper und Frauenarbeit spielt eine zentrale Rolle in der Aufrechterhaltung patriarchaler Machtstrukturen. Die Väterrechtsbewegung knüpft genau hier an, indem sie das Narrativ des „enteigneten“ Mannes verbreitet, der um sein Recht auf Kontrolle über seine Kinder – und „seine“ Frauen – kämpft. Diese Erzählung ist reaktionär und bereitet den Boden für eine Zusammenarbeit mit Gruppen der extremen Rechten, die ähnliche Vorstellungen von Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Ordnung vertreten.

Die Bewegung stützt sich auf einen reaktionären Antifeminismus, der Frauenfeindlichkeit schürt und gezielt versucht, die Fortschritte der letzten Jahrzehnte zurückzudrehen.

Bei diversen Influencern dieser Bewegung kann verfolgt werden, wie der Feminismus als Feindbild aufgebaut wird, weil er angeblich die „natürliche“ Ordnung der Geschlechter zerstören will. Aber was hier wirklich verteidigt wird, ist nichts anderes als ein Patriarchat, das Frauen weiter zurück in die Abhängigkeit, das ausgeliefert Sein, die gewaltvollen Strukturen drängen will, aus denen sich in den letzten 100 Jahren herausgekämpft wurde.

Nehmen wir als Beispiel jemanden wie Arne H. von MANNdat, der sich in den Medien gerne als Kämpfer für vermeintlich Entrechtete und die psychische Gesundheit von Kindern nach Trennungen inszeniert.  In seiner verzerrte Weltsicht sind Männer die ewige Opfer und Frauen die Schuldige. Männer wie er sind ein Sinnbild und Verstärker dafür, wie weit die Väterrechtsbewegung in gefährliche, rechtsradikale Gefilde bereits vorgedrungen ist. Sie verbreiten die Vorstellung, dass Männer in unserer Gesellschaft systematisch benachteiligt würden – ein Unsinn, der nur dazu dient, den Hass auf feministische Initiativen und Frauen zu schüren.

Der aggressive Antifeminismus dieser Bewegung rührt aus einer tiefen Verunsicherung der männlichen Identität her. Diese Männer sehen sich selbst als Opfer und greifen den Feminismus an, weil er ihre patriarchale Macht infrage stellt. Diese Bewegung ist Teil eines breiteren, reaktionären Projekts, das darauf abzielt, jegliche Kontrolle über Frauen zurückzugewinnen – eine Kontrolle, die durch feministische Errungenschaften endlich infrage gestellt wurde.
Wie Arne H., der bereits in seinem ersten männerpolitischem Buch erklärt: „Tatsächlich wird immer mehr Männern das eigentliche Problem klar: dass die Frauenbewegung es mit der Emanzipation nicht ernst genug meint“.

H. setzt den Entzug von Umgang mit den eigenen Kindern in Trennungsfällen in Deutschland, der selbst in Situationen, in denen der Mann gewalttätig gegenüber der Mutter war und ist häufig nicht durchgesetzt wird, mit eigenen fixen Ideen gleich.
Unteranderem der Genderzid, also die massenhafte geschlechtspeziefische Ermordung von Männern und Jungen, wie er sie in jeder kriegerischen Auseinandersetzung als Angriff auf Männer an und für sich sieht, während der sexuelle Gewalt, Verschleppung und tötliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen klein redet.

Diese Verbindungen zwischen Väterrechtsbewegung und Rechtsradikalismus sind kein Zufall – sie sind das logische Ergebnis einer Ideologie, die die Freiheit und den Subjektstatus von Frauen als Bedrohung empfindet.

Lasst uns kein Blatt vor den Mund nehmen: Diese Bewegung ist gefährlich. Sie ist nicht nur antifeministisch, sondern auch zutiefst reaktionär und autoritär. Sie will die Uhr zurückdrehen, Frauenrechte beschneiden und unsere Gesellschaft in ein düsteres, patriarchales Zeitalter zurückführen. Das dürfen wir nicht zulassen. Es ist unsere Pflicht, diese gefährlichen Strömungen offen zu benennen und ihnen entschieden entgegenzutreten.

Unsere Gesellschaft darf nicht von denen zurück in die Vergangenheit gezwungen werden, die ihre eigene Macht und Kontrolle über andere Menschen verloren haben. Der Feminismus stellt diese Machtverhältnisse infrage, und genau deshalb wird er angegriffen, wie weitere Bewegungen, die auf die Befreiung des Inividuums abzielen.

Wir stehen hier heute, um klarzumachen: Wir lassen uns diese Fortschritte nicht nehmen, im Gegenteil:
Wir streben nach noch viel mehr. Wir kämpfen weiter – für Freiheit und gegen jeden Versuch, uns zu unterdrücken.

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Redebeitrag bei der Veranstaltung am 23.8.24

Hallo, 
heute am 23. August ist hier die Veranstaltung „Bambule oder Barbarei“, aber an diesem 23. August vor 16 Jahren ist auch Karl-Heinz Teichmann in der Innenstadt angegriffen worden und verstarb zwei Wochen später an den Folgen. 
 
Dieses Datum ist daher auch ein Tag zum Erinnern.
 
Wir von der Gruppe „Rassismus tötet!“ – Leipzig machen seit über 10 Jahren Erinnerungs- und Gedenkarbeit zu Opfern rechter Gewalt und wollen daher auch hier die Gelegenheit nutzen an Karl-Heinz Teichmann zu erinnern. 
 
Karl-Heinz Teichmann wurde nur 59 Jahre alt. Er war zum Zeitpunkt der Tat obdachlos und hatte sich zum Schlafen auf eine Parkbank am Schwanenteich hinter der Leipziger Oper gelegt. Gleich mehrfach hat in der Nacht zum 23. August 2008 der Neonazi Michael H., der auf dem Rückweg von einer rechten Demo im Leipziger Osten war, ihn aufgesucht und verprügelt. In diesem Jahr gab es eine ganze Reihe an Aufmärschen der Neonazi-Szene in Leipzig, denen sich Antifaschist*innen entgegenstellten.
 
Erschreckend an diesem rechten Angriff 2008 war, das dieser sich fast in Sichtweite der Polizeiwache in der Ritterstasse ereignete. Eine Passantin informierte die Polizei über den Verletzten. Die Beamt*innen hielten es jedoch erst mehrere Stunden später für nötig, zum Tatort zu gehen, wo sie dann den schwerverletzten Karl-Heinz Teichmann fanden. Die  Gerichtsmedizin stellte nach seinem Tod vor Gericht das grobe Versäumnis der Beamt*innen fest: Durch ein schnelleres Eingreifen der Polizei hätte der Tod von Kalt-Heinz Teichmann, der sich durch den Regen in der Nacht eine tödliche Lungenentzündung zuzog, verhindert werden können.
 
Obwohl der Täter Neonazi ist und offensichtlich aus sozialdarwinistischen Gründen handelte, wird  Karl-Heinz Teichmann offiziell nicht als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. 
 
Wir wollen, dass die Opfer rechter Gewalt, egal ob offiziell anerkannt oder nicht, nicht vergessen werden und sichtbar im Stadtbild sind. 
Seit vielen Jahren machen wir von „Rassismus tötet!“ deswegen in unterschiedlichen Formen Erinnerungs- und Gedenkarbeit. 
 
Wir wollen, dass Leute auch die unbequemen Seiten der Stadtgeschichte kennen, nämlich dass es hier mehr gibt als tote Komponisten*innen an die man vor allem in der Leipziger Innenstadt erinnert. Und zwar Menschen, die aus rechten Motiven ermordet wurden. 
 
Bei dieser Arbeit konnten wir von Anfang an auf die personelle, ideelle und materielle Unterstützung von Juliane Nagel bauen. 
 
Wir haben immer wieder auch die Zerstörung von Gedenkorten miterlebt und dokumentiert, wir wissen aber das es für Angehörige wichtig ist trotzdem nicht aufzugeben und weiter zu machen. Hier sollten alle aktiv werden, denn Angehörige brauchen eine kritische Gesellschaft.
 
Wie wir wissen gibt es gute und schlechte Zeiten – wir überlassen euch Anwesenden hier die Bewertung der aktuellen Zeit – was wir aber wissen ist, dass es noch schlechtere Zeiten für kritische Gendenk- und Erinnerungsarbeit ohne Jule und das linXXnet wären.
 
Danke Jule!
 
Und Vielen Dank fürs zuhören allen Anwesenden noch einen einen schönen Abend!