“Nazis morden, der Staat schaut zu – Verfassungsschutz und NSU”
“Wo, wo, wo wart ihr in Hanau?”
“Oury Jalloh, das war Mord – Widerstand an jeden Ort”
Wir alle kennen diese Parolen von Demonstrationen, haben sie mitgerufen, waren dabei emotional ergriffen, hatten das Bedürfnis mörderischer rechter Gewalt etwas entgegen zu setzen.
Dann kam die Abschlusskundgebung, die Kneipe danach und schon begann auch das Danach in unseren eigenen Köpfen.
Das Danach, nach der Gewalt, nach der emotionalen Verbundenheit, nach dem Gedenken. Unsere Leben gehen weiter unser Fokus endet nach der Gedenkkundgebung, der Insta-Story, dem Aussprechen, wie schlimm das doch alles sei. Andere Themen scheinen wichtiger, sehen besser aus, geben einem selbst mehr ein Gefühl der Widerständigkeit gegen Staat, Nation und Kapital.
Doch es gibt auch Menschen, für die es kein Danach gibt. Die ermordet wurden, mit dem Tod geliebter Menschen umgehen müssen oder einfach auf Grund gesellschaftlicher Strukturen immer in einem diffusen Davor leben müssen, hoffend, dass nichts passiert.
Als radikale Linke setzen wir uns selbst als Ziel, der Gesellschaft und ihrer Gewalt etwas entgegen zu setzen. Für uns ist kontinuierliche und kritische Gedenkpolitik ein zentraler Bestandteil dieser Haltung und auch antifaschistischer Praxis. Wir können das Leid und die Gewalt, die bereits geschehen sind nicht verhindern oder im nach hinein auflösen, aber wir müssen alles daran setzen, künftige Taten zu verhindern und dafür ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Vergangenen notwendig.
Diese – die deutschen – Zustände töten. Sie töten außerhalb des eigenen Staatsgebietes, in dem sie Menschen den räumlichen Zugang zu Sicherheit vor Krieg und Armut verweigern. Sie töten an den europäischen Außengrenzen, wo sie mit Frontex mitverantwortlich für Push-Backs und massenhaftes Ertrinken im Mittelmeer sind. Und sie töten hier, in Deutschland, in Sachsen, in Leipzig durch konkrete Individuen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, “Volk” und “Vaterland” bis aufs Blut zu verteidigen. Dass es das Blut derer ist, die sie als “anders” begreifen, versteht sich von selbst und sie können sich als legitime Vollstrecker des Volkswillens der schweigenden Mehrheit und AfD-Wähler*innen fühlen.
In der Vergangenheit hat die radikale Linke diesbezüglich schon oft versagt, zum Beispiel als Angehörige von Opfern des sogenannten NSU “Kein zehntes Opfer!” forderten und darauf hinwiesen, dass die Täter*innen Neonazis sein könnten, wurde ihnen keine Unterstützung zu Teil, tatsächlich noch nicht mal ein Ohr geschenkt. So etwas darf sich niemals wiederholen.
In den letzten Jahren haben wir versucht, ein kritisches und antifaschistisches Erinnern an die rassistischen, sozialdarwinistischen und homosexuellenfeindlichen Morde an Kamal K., Gerhard S., Karl-Heinz T., Thomas K., Nuno L., Achmed B. Bernd G., Horst K., Gerhard Helmut B. und Klaus R. zu etablieren, ihre gesellschaftlichen Ursachen aufzuarbeiten und uns gegen eine menschenfeindliche gesellschaftliche Kontinuität zu stellen.
Leider bemerken wir, dass es kaum Interesse an Auseinandersetzungen mit den Methoden und Funktionen politischen Gedenkens mehr gibt und der größte Teil der radikalen Linken häufig nicht einmal mehr selbst inszenierende Gedenkpraxen wählt.
Die wenigen Akteur*innen die diese politische Praxis in den letzten Jahren für sich entdeckten, betreiben es auf eine Art, die darauf ausgelegt ist, sich selbst zu entlasten. Als Folge verleugnen sie die gesellschaftlichen Umstände der Tat, ihr Fortbestehen und benötigen die Verfälschung des Geschehenen. All das sind für uns Formen von illegitimen Gedenken.
Deshalb möchten wir euch am 23.10. um 19 Uhr ins Plaque zu einer (Podiums-)Diskussion über die Funktionen, Notwendigkeiten und Gründen für politisches Gedenken einladen. Hier wollen wir mit einem Podium und euch darüber ins Gespräch kommen, welche Möglichkeiten und Potentiale politisches Gedenken in sich trägt und welche Formen hierfür besonders kritikwürdig oder auch sinnhaft sind. Wie Gedenken entpolitisiert und instrumentalisiert wird. Wie mit dem komplizierten Spagat zwischen individueller Trauer und Gedenken als Praxis der Kritik umgegangen werden kann. Wie wir als radikale Linke ein historisches Bewusstsein, das aus der Vergangenheit heraus in der Gegenwart für die Zukunft kämpft, entwickeln können.
Denn Gedenken basiert nicht nur auf Wissen, sondern auch auf (Deutungs-)Macht und Interessen. Es geht nicht nur darum, was erinnert oder vergessen gemacht wird, sondern auch darum, wie erinnert oder ausgelassen wird.
Datum: 23.10.2026
Uhrzeit: 19:00 Uhr
Ort: Plaque (Industriestraße 101)