Gedenkkundgebung am Mittwoch, 27.05.2026, Start: 17:00 Uhr, Südbahnhof Oschatz. Gerne können Blumen und Kerzen mitgebracht werden.
Das Oschatzer Bündnis für Demokratie, Menschlichkeit und Toleranz, das Soziokulturelle Zentrum E-Werk, die Evangelische Kirchengemeinde Oschatz und SUPPORT Sachsen
laden gemeinsam zu einer Gedenkkundgebung am Südbahnhof Oschatz ein.
Vor 15 Jahren, in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai 2011 wurde André K., der sich am Südbahnhof zum Schlafen niedergelegt hatte, von fünf jungen Männern angegriffen und zusammengeschlagen. Der schwerverletzte Mann wurde erst am nächsten Morgen aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht. Dort verstarb er am 01. Juni 2011 im Alter von 50 Jahren an den Folgen des Angriffs. Die rechtsideologischen Hintergründe der Tat fanden damals im Strafprozess keine Anerkennung. André K. wird bis heute, 15 Jahre später, nicht offiziell als Todesopfer rechter Gewalt gelistet.
Ein wesentliches Merkmal rechter Gewalt ist die Annahme einer Ungleichwertigkeit der Menschen. Insbesondere die Abwertung von wohnungslosen Menschen, der sogenannte Sozialdarwinismus, ist ein zentrales Element rechter Ideologien. Er steht in direkter Tradition zum Nationalsozialismus, in dem Menschen, die vermeintlich keinen Beitrag zur Gesellschaft leisteten, systematisch verfolgt und ermordet wurden. Der RAA Sachsen zählt 18 Todesopfer rechter Gewalt in Sachsen seit 1990. Allein fünf von ihnen wurden aus einem sozialdarwinistischen Motiv heraus getötet.
Sozialdarwinistische Einstellungen äußern sich nicht nur in tätlicher Gewalt. Sie sind weit verbreitet und bedeuten für die Betroffenen Stigmatisierung und Ausgrenzung, z. B., indem die Schuld für ihre Notlage bei ihnen selbst gesucht wird, statt in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Statt mit Verständnis und Mitgefühl wird ihnen häufig mit Abwehr begegnet.
Erst kürzlich wurde ein Fall, der sich Ende April ereignet haben soll, bekannt. Mehrere Jugendliche sollen einen 37-jährigen obdachlosen Mann mit mutmaßlicher kognitiver Beeinträchtigung gedemütigt und verletzt haben. Es wird gegen acht Personen ermittelt, zwei von Ihnen sitzen bereits in Untersuchungshaft. Dass rechtsideologische sozialdarwinistische Einstellungen der Beschuldigten eine maßgebliche Rolle gespielt haben könnten, sollte in den Ermittlungen nicht vernachlässigt werden.
Wohnungslose Menschen sind in Deutschland besonders gefährdet Opfer von schweren Gewaltstraftaten zu werden. Sie haben keine sicheren vier Wände, in die sie sich zurückziehen und Schutz suchen können. Das Bewusstsein für die alltägliche Gewalt gegen sie ist gering, dabei steigen die Zahlen immer weiter. Die jüngst veröffentlichte polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet einen neuen Höchststand an Gewalt gegen obdachlose Menschen. Straftaten gegen Obdachlose haben sich demnach seit 2009 mehr als verzwölffacht. Der Anstieg verläuft sich von 206 Fällen auf 2.563 Fälle im Jahr 2025. Zusätzlich bleiben viele Angriffe ungezählt, da sie nicht zur Anzeige gebracht werden. Das Erstarken von rechten Einstellungen und sozialdarwinistischen Gesellschaftsbildern ist eine der Ursachen für die steigende Gewalt gegen wohnungslose Menschen.
Nach dem gewaltsamen Tod von André K. kämpften seine Angehörigen darum, die rechtsideologischen Hintergründe der Tat aufzuklären. Das Oschatzer Bündnis für Demokratie, Toleranz und Menschlichkeit ließ eine Gedenkplakette anbringen, die am Südbahnhof an André K. erinnert und mahnt. Dieses Gedenken führen wir als solidarischen Akt weiter. Ausgrenzung und Entmenschlichung setzen wir entgegen, dass wir die Erinnerung an den Menschen André K. wachhalten, über die Umstände seines Todes sprechen und auf rechte und sozialdarwinistische Einstellungen aufmerksam machen.