{"id":939,"date":"2013-05-03T14:29:48","date_gmt":"2013-05-03T12:29:48","guid":{"rendered":"https:\/\/fckp3.dontexist.net\/blogs\/wordpress\/rassismus-toetet\/wordpress\/?p=939"},"modified":"2013-06-08T17:50:35","modified_gmt":"2013-06-08T15:50:35","slug":"kundgebung-in-wahren-zum-gedenken-an-bernd-g-und-gegen-homophobie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/kundgebung-in-wahren-zum-gedenken-an-bernd-g-und-gegen-homophobie\/","title":{"rendered":"Kundgebung in Wahren: zum Gedenken an Bernd G. und gegen Homophobie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Rassismus t\u00f6tet!&#8220; &#8211;\u00a0 Leipzig unterst\u00fctzt die Demonstration der &#8222;AG gegen Homophobie und rechte Gewalt&#8220; in Leipzig-Wahren in der kommenden Woche (7.5.), hier der Aufruf:<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gegen das Vergessen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 1990 wurden mindestens sechs Menschen in Leipzig durch Nazis get\u00f6tet. In der strafrechtlichen Aufarbeitung der meisten F\u00e4lle spielten rassistische, homophobe oder sozialdarwinistische Motive der T\u00e4ter keine Rolle. Weder explizite \u00c4u\u00dferungen w\u00e4hrend der Taten, noch die offensichtliche N\u00e4he der M\u00f6rder zur organisierten Neonazi-Szene hatten auf den Prozessverlauf einen Einfluss. Nicht nur vor Gericht wurden die Motivation und der Hintergrund der T\u00e4ter ausgeblendet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die fehlende Anerkennung als Opfer rechter Gewalt in konkreten Prozessen und offiziellen Statistiken hat ein fehlendes Bewusstsein in der Gesellschaft, den Medien und auch bei potentiell Betroffenen und ihren Unterstu\u0308tzer_innen zur Folge. In den offiziellen Statistiken werden diese Morde nicht als das anerkannt, was sie eigentlich sind: rechte Morde. So wurde bisher nur einer dieser F\u00e4lle als rechtsmotiviert in den Statistiken des Bundesinnenministeriums aufgefu\u0308hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese allgemeine Ignoranz gilt es zu problematisieren und zu skandalisieren, damit keiner der von Nazis Ermordeten &#8211; Klaus R., Bernd G., Achmed B., Nuno L., Karl-Heinz T., Kamal K. und jene, deren Namen bisher unbekannt sind &#8211; in Vergessenheit ger\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Mord an Bernd G.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Fall eines dieser Opfer \u2013 der vor 17 Jahren ermordete Bernd G. &#8211; soll als Anlass dienen, um auf rechte Morde im Allgemeinen, aber auch insbesondere Homophobie als Motivation nazistischer Gewalt aufmerksam zu machen. In diesem Kontext wollen wir den abscheulichen Mord thematisieren und des Bernd G. gedenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis zum Jahr 1996 betreibt der damals 43-j\u00e4hrige Bernd G. in Leipzig-Wahren gemeinsam mit seinem Lebensgef\u00e4hrten einen Laden und steht offen zu seiner homosexuellen Lebensweise. In der Nacht vom 7. auf den 8. Mai wird Bernd G. von drei Nazis ermordet. Nach einem Bes\u00e4ufnis treffen die T\u00e4ter am Wahrener Rathaus auf Bernd G., beschimpfen ihn zun\u00e4chst mit homophoben \u00c4u\u00dferungen und ermorden ihn anschlie\u00dfend auf bestialische Art und Weise. Danach rufen sie einen Bekannten an, der den Leichnam in einen Steinbruch in Ammelshain bei Leipzig wirft. Erst zehn Tage sp\u00e4ter wird die Leiche gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb<strong>In dieser Umgebung fu\u0308hlen sich Faschos sicher und wohl<\/strong>\u00ab (Klaro\u001ffix, 1996)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der damalige \u00bbSchwulenbeauftragte\u00ab der Stadt Leipzig bezeichnet Wahren als \u00bbZentrum rechter \u00dcbergriffe auch auf Schwule\u00ab. Dennoch findet das homophobe Motiv der T\u00e4ter in der \u00f6ffentlichen Debatte keinerlei Beachtung. Nach dem Leichenfund sucht die Polizei zun\u00e4chst nach Spuren im sogenannten \u00bbSchwulenmilieu\u00ab. Auch die anfangs zust\u00e4ndige Kripo Grimma ermittelt ausschlie\u00dflich im pers\u00f6nlichen Umfeld des Opfers. Erst eine videografische Aufnahme, die einen der Mitt\u00e4ter beim Benutzen der Geldkarte des Bernd G. zeigt, bringt die Polizei auf die Spur der vier Nazis.<br \/>\nDie Anwohner_innen von Wahren wollen in der Tatnacht weder etwas Ungew\u00f6hnliches gesehen, noch geh\u00f6rt haben. Sie seien an den L\u00e4rm n\u00e4chtlicher Auseinandersetzungen und Hilferufe gew\u00f6hnt, so die \u00f6ffentliche Erkl\u00e4rung. Rassistische, sozialdarwinistische und homophobe \u00c4u\u00dferungen und Gewalttaten scheinen fu\u0308r sie zumindest nicht weiter problematisch, oder scheinen gar wie bei den T\u00e4tern Teil des eigenen Weltbildes zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch im anschlie\u00dfenden Gerichtsprozess spielt der rechte Hintergrund der T\u00e4ter keine Rolle: Weder eine Razzia im Umfeld der T\u00e4ter in der Gottla\u00dfstra\u00dfe 5 (unmittelbar am Tatort gelegen), bei der rechtes Propagandamaterial sichergestellt wird, noch der stetige Besuch einschl\u00e4gig bekannter Neonazis an den Prozesstagen veranlassen das Gericht dazu, die Motivlage der T\u00e4ter ernst zu nehmen. In der Urteilsbegru\u0308ndung verweist der Richter letztlich auf \u00bbLust und Laune an k\u00f6rperlicher Misshandlung \u00ab als Tatmotiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im anschlie\u00dfenden Revisionsverfahren vor dem Bundesgerichtshof werden der Hauptschuldige zu vierzehneinhalb Jahren und seine beiden Komplizen zu acht bis zehn Jahren Haft verurteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Homophobie als gesamtgesellschaftliches Problem<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Homophobie hat eine lange historische Tradition in Deutschland. Im Nationalsozialismus erfuhr das Ressentiment eine m\u00f6rderische Radikalisierung, Homosexualit\u00e4t galt als \u00bbvolksfeindlich \u00ab und \u00bbwidernatu\u0308rlich\u00ab. Mit Hilfe einer Versch\u00e4rfung des \u00a7175 im Strafgesetzbuch stellten die Nationalsozialisten jede homosexuelle Handlung beziehungsweise schon deren Anbahnung unter Strafe und leiteten eine systematische Verfolgung schwuler M\u00e4nner ein.<br \/>\nW\u00e4hrend Homosexualit\u00e4t bei Frauen infolge des hierarchischen, m\u00e4nnerfixierten Geschlechterbilds der Nazis ge\u00e4chtet, jedoch nur in Ausnahmen verfolgt wurde, verschleppten die Nazis tausende schwule M\u00e4nner in Konzentrationslager. Vermutlich 60 Prozent der mit einem Rosa Winkel gekennzeichneten Inhaftierten wurden dort ermordet. In der Nachkriegszeit galt der versch\u00e4rfte \u00a7175 in der BRD bis 1969 unver\u00e4ndert weiter und wurde erst 1994 g\u00e4nzlich abgeschafft, in der DDR galt die nicht-versch\u00e4rfte Variante des Paragrafen bis 1968. Die Rehabilitation oder gar eine Entsch\u00e4digung daraufhin Verurteilter steht bis heute aus.<br \/>\nAuch gegenw\u00e4rtig werden heterosexuelle Beziehungen als \u00bbnatu\u0308rlich\u00ab, homosexuelle demgegenu\u0308ber als \u00bbwidernatu\u0308rlich \u00ab wahrgenommen. Solche Argumente gehen oft mit reaktion\u00e4ren Ansichten einher und knu\u0308pfen h\u00e4ufig an religi\u00f6se Wertvorstellungen an. Menschen, die ihre Homosexualit\u00e4t offen leben, erfahren oft gesellschaftlichen Ausschluss oder sind wegen ihrer Lebensweise k\u00f6rperlicher Gewalt ausgesetzt.<br \/>\nAuch wenn nicht-heterosexuelle Lebensvorstellungen heute weitgehend akzeptiert scheinen und vor allem von institutioneller Seite liberaler behandelt werden, bleiben diese Emanzipationsprozesse immer prek\u00e4r und k\u00f6nnen Betroffene allt\u00e4glicher Diskriminierung nur begrenzt schu\u0308tzen. In aktuellen Debatten um die fortschreitende Gleichstellung unabh\u00e4ngig von der sexuellen Orientierung wurden die entsprechenden Vorbehalte erneut deutlich, in Deutschland musste diese deshalb vom Bundesverfassungsgericht verordnet und in Frankreich gegen die Massenmobilisierung reaktion\u00e4rer Teile der Bev\u00f6lkerung durchgesetzt werden. Dementsprechend halten sich Vorstellungen, die Homosexualit\u00e4t als \u00bbkrank\u00ab und \u00bbbehandlungsbedu\u0308rfdig \u00ab darstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sind etwa Mitglieder der s\u00e4chsischen CDU wiederholt durch solche \u00c4u\u00dferungen aufgefallen, zuletzt bei einem pseudowissenschaftlichen \u00bbUmpolungsseminar \u00ab von Dr. med. Christl Ruth Vonholdt, die \u00bbHeilungsm\u00f6glichkeiten\u00ab und deren Umsetzung propagiert. Die mangelnde Akzeptanz anderer Lebensvorstellungen kann dabei schnell in offene Gewalt gegenu\u0308ber Homosexuellen u\u0308bergehen. Die T\u00e4ter sehen sich oft als Verteidiger eines rassistisch und natu\u0308rlich begru\u0308ndeten Kollektivs, dem Homosexualit\u00e4t als sch\u00e4dlich, krank oder gar lebensunwert erscheint und in dem Homosexuelle ihre vermeintliche Reproduktionspflicht innerhalb der Gesellschaft nicht erfu\u0308llen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auch bei anderen Betroffenen rechter Gewalt geht die gesellschaftliche Stigmatisierung so den konkreten Gewalttaten voraus. Dass sich die Gewalt jedoch keineswegs willku\u0308rlich gegen bestimmte Menschen richtet, wird wie im Fall des Bernd G. oft ausgeblendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wahrener Zust\u00e4nde heute<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wunsch einer \u00bbgesunden\u00ab oder gar \u00bbreinen\u00ab Gemeinschaft l\u00e4sst sich in der aktuellen Debatte um die Unterku\u0308nfte von Asylsuchenden in Leipzig exemplarisch am Stadtteil Wahren beobachten. Kurz nach Bekanntwerden der geplanten Aufl\u00f6sung der bisherigen Wohnheime und der geplanten Dezentralisierung der Unterku\u0308nfte, im deren Zuge auch eine Unterkunft in der Pittlerstra\u00dfe in Wahren eingerichtet werden soll, machten Teile der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung dagegen mobil, in dem sie eine \u00f6ffentlich auftretende Bu\u0308rgerinitiative gru\u0308ndeten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese argumentiert mit einer vermeintlich ansteigenden Kriminalit\u00e4t, mit dem erwarteten Wertverlust ihrer Grundstu\u0308cke und dem Zerfall der eigenen Scholle.<br \/>\nIm O\u2013Ton liest sich das dann wie folgt: \u00bbDas tausendj\u00e4hrige Wahren besitzt noch heute einen malerischen alten Ortskern mit d\u00f6rflichen Siedlungsstrukturen. Die Bu\u0308rgerinitiative Wahren setzt sich fu\u0308r den Erhalt Wahrens und umliegender Ortsteile als historisch gewachsenes Wohngebiet mit homogener sozio-kultureller Bev\u00f6lkerungsstruktur ein.\u00ab<br \/>\nDie oberfl\u00e4chliche Abgrenzung zur Kundgebung der NPD im Rahmen ihrer \u00bbAktionstage gegen Asylmissbrauch, \u00dcberfremdung und Islamisierung\u00ab Ende vergangenen Jahres in der Pittlerstra\u00dfe sollte jedoch nicht verwundern. Anknu\u0308pfungspunkte finden sich zuhauf, auch wenn die Bu\u0308rgerinitiative stets um das Image aufrechter Demokrat_innen bemu\u0308ht und Sorge um einen \u00bbsozialen Brennpunkt mit offener Konfrontation von Rechts- und Linksextremisten\u00ab verlauten l\u00e4sst. Ressentiments bleiben die Grundlage der Argumentation und es gilt zu verhindern, dass verbal ge\u00e4u\u00dferte Ablehnung bei der \u00d6ffnung des Heims in offene Gewalt umschl\u00e4gt.<br \/>\nAnl\u00e4sslich des Gedenkens an die Opfer rechter Gewalt wird am 7. Mai um 17 Uhr eine Kundgebung in Gedenken an Bernd G. und gegen Homophobie in der Gottla\u00dfstra\u00dfe am Rathaus Wahren stattfinden. Da sich an der derzeitigen Debatte um die Dezentralisierung der Asylunterku\u0308nfte zeigt, dass die Wahrener Zust\u00e4nde auch heute noch von der Vorstellung einer homogenen Gemeinschaft gepr\u00e4gt sind, soll im Anschluss daran in die Pittlerstra\u00dfe, wo das zuku\u0308nftige Heim fu\u0308r Asylsuchende entstehen soll, zu einer zweiten Kundgebung gelaufen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Homophobie und das Vergessen \u2013 gegen die Wahrener Zust\u00e4nde, damals wie heute!<br \/>\nBernd G. als Opfer rechter Gewalt anerkennen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>7. Mai 2013, 17 Uhr, Rathaus Wahren (Gottla\u00dfstra\u00dfe), Leipzig<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Rassismus t\u00f6tet!&#8220; &#8211;\u00a0 Leipzig unterst\u00fctzt die Demonstration der &#8222;AG gegen Homophobie und rechte Gewalt&#8220; in Leipzig-Wahren in der kommenden Woche (7.5.), hier der Aufruf: Gegen das Vergessen Seit 1990 wurden mindestens sechs Menschen in Leipzig durch Nazis get\u00f6tet. In der strafrechtlichen Aufarbeitung der meisten F\u00e4lle spielten rassistische, homophobe oder sozialdarwinistische Motive der T\u00e4ter keine Rolle. 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