{"id":2594,"date":"2023-09-03T15:07:32","date_gmt":"2023-09-03T13:07:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/?p=2594"},"modified":"2023-09-03T15:32:12","modified_gmt":"2023-09-03T13:32:12","slug":"stilles-gedenken-an-karl-heinz-teichmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/stilles-gedenken-an-karl-heinz-teichmann\/","title":{"rendered":"Stilles Gedenken an Karl-Heinz Teichmann"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wir rufen auf<\/strong>, am 6. September 2023 f\u00fcr Karl-Heinz Teichmann, ein Todesopfer rechter Gewalt in Leipzig, anl\u00e4sslich seines 15. Todestages Blumen abzulegen. Abgelegt werden k\u00f6nnen die Blumen am Schwanenteich hinter der Leipziger Oper an einer Parkbank.<\/p>\n<p>Ab <strong>18 Uhr<\/strong> laden wir dazu ein, gemeinsam zu gedenken und sich auszutauschen.<\/p>\n<p><strong>Wir erinnern<\/strong> an Karl-Heinz Teichmann und die Hintergr\u00fcnde des rechten Mordes.<\/p>\n<p><strong>Wir fordern<\/strong>, dass der Mord an Karl-Heinz Teichmann endlich offiziell als rechtsmotiverte Tat von staatlicher Seite anerkannt wird.<\/p>\n<p><strong>Wir wollen wissen<\/strong>, ob es jemals Konsequenzen oder eine Aufarbeitung innerhalb des Polizeireviers in der Ritterstra\u00dfe gegeben hat.<\/p>\n<p><strong>Der Mord 2008 in Leipzig<\/strong><\/p>\n<p>Karl-Heinz Teichmann wird nur 59 Jahre alt. Gleich mehrfach wird er in der Nacht zum 23. August 2008 von dem Neonazi Michael H. in der Leipziger Innenstadt verpr\u00fcgelt. Zwei Wochen sp\u00e4ter stirbt Karl-Heinz Teichmann an seinen schweren Verletzungen.<\/p>\n<p>In der Tatnacht liegt Karl-Heinz Teichmann schlafend auf einer Parkbank am Schwanenteich hinter der Oper. Der 18-j\u00e4hrige Michael H. und ein Begleiter durchkreuzen den Park. Sie befinden sich auf dem R\u00fcckweg von einem Neonaziaufmarsch. Unter dem Motto \u201cTodesstrafe f\u00fcr Kindersch\u00e4nder\u201d waren im Leipziger Osten hunderte Neonazis aufmarschiert. Michael H. erblickt den schlafenden Teichmann und schreit ihn an, dass er \u201ehier nicht schlafen\u201c solle. Dann versetzt er ihm einen Faustschlag und springt ihm ins Gesicht. Zusammen mit seinem Begleiter verl\u00e4sst er den Ort des Geschehens, um eine halbe Stunde sp\u00e4ter zur\u00fcckzukehren und abermals auf Karl-Heinz Teichmann einzupr\u00fcgeln.<\/p>\n<p>In den Morgenstunden entdeckt eine Passantin den schwerverletzten Karl-Heinz Teichmann. Im nahe gelegenen Polizeirevier will sie die Beamt*innen informieren. Auf ihre an der Gegensprechanlage ge\u00e4u\u00dferte Meldung gibt es erstmal keine Reaktion. Sie wird nicht hereingebeten und muss auch ihre Personalien nicht angeben. Erst anderthalb Stunden sp\u00e4ter sucht die Polizei Karl-Heinz Teichmann am nur 200 Meter entfernten Tatort auf.<\/p>\n<p>Im Krankenhaus werden massive Kopfverletzungen, Prellungen am ganzen K\u00f6rper, Br\u00fcche im Gesicht, eine Halswirbelfraktur und Hirnblutungen festgestellt. Mit mindestens sieben Tritten gegen den Oberk\u00f6rper und etwa zwanzig Schl\u00e4gen maltr\u00e4tierte Michael H. sein Opfer, so ein medizinisches Gutachten.<\/p>\n<p>Vor dem Landgericht Leipzig erkl\u00e4rt der Staatsanwalt, Karl-Heinz Teichmann habe nichts getan \u201eau\u00dfer nachts im Park zu schlafen&#8220;. Sein M\u00f6rder habe ihn \u201ezum blo\u00dfen Objekt degradiert\u201c. Der Vorsitzende Richter Norbert G\u00f6bel h\u00e4lt es jedoch nicht f\u00fcr n\u00f6tig, dem sozialdarwinistischen Tatmotiv nachzugehen, obwohl selbst der Verteidiger des T\u00e4ters von einem rechten Motiv seines Mandanten ausgeht. Am 27. M\u00e4rz 2009 verurteilt das Leipziger Landgericht Michael H. wegen \u201eheimt\u00fcckischen Mordes\u201c zu einer Jugendhaftstrafe von acht Jahren und drei Monaten. Sein Begleiter wird nicht strafrechtlich belangt. Die Polizei stuft den Mord nur als \u201enormale Straftat unter Alkoholeinfluss\u201c ein.<\/p>\n<p>Karl-Heinz Teichmann ist bis heute nicht als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt.<\/p>\n<blockquote><p>\u201c\u2026 wenn das dann im Urteil \u00fcberhaupt keinen Niederschlag mehr findet, dann ist das falsch verstandener Lokalpatriotismus. Dann versucht hier die Justiz Schaden von Leipzig abzuhalten, indem sie unterdr\u00fcckt, dass hier eine Tat aus rechter Gesinnung begangen wurde.\u201d sagt Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen im <span class=\"caps\">MDR<\/span> Exakt Beitrag vom 11.08.2009<\/p><\/blockquote>\n<p>Daher fordern wir die offizielle Anerkennung des Mordes an Karl-Heinz Teichmann als rechtsmotiverte Tat.<\/p>\n<p>Wohnungslose werden von Staat und Gesellschaft ausgegrenzt. Rechte T\u00e4ter*innen praktizieren gegen wohnungslose Menschen einen Sozialdarwinismus der Tat, der durch einen Sozialdarwinismus des Wortes vorbereitet wird. Offenbar steht die Gewalt gegen Wohnungslose und sozial Schwache im unmittelbaren Zusammenhang mit gesellschaftlichen Klima und einer kapitalistischen Verwertungslogik. Gewalt gegen Wohnungslose ist leider immer noch Alltag. Vor allem jene Menschen, die ohne Unterkunft auf der Stra\u00dfe leben und somit \u00fcber keinen privaten R\u00fcckzugsraum verf\u00fcgen, werden immer wieder Opfer von menschenverachtenden Angriffen.<\/p>\n<p>Mehr als 2.200 F\u00e4lle umfasste im April 2020 die Gewaltstatistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe \u2013 565 davon mit t\u00f6dlichem Ausgang. Diese Zahlen sind schockierend und ein Gro\u00dfteil der Taten wird \u00fcberhaupt nicht erfasst. Viele werden aufgrund von fehlendem Vertrauen in die Ermittlungsbeh\u00f6rden oder aus Angst vor der Rache der T\u00e4terInnen gar nicht erst zur Anzeige gebracht und Medien berichten zudem nur \u00fcber ausgew\u00e4hlte F\u00e4lle. Nach der \u00f6ffentlichen Emp\u00f6rung verhallen dann schnell die Forderungen nach Aufkl\u00e4rung, Zivilcourage und Schutzr\u00e4umen. Zur\u00fcck bleiben die Opfer, deren Angeh\u00f6rige, Freunde und Bekannte sowie alle wohnungslose Menschen, in dem Wissen, dass sie nahezu immer und \u00fcberall angegriffen, verletzt und get\u00f6tet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Was meinen wir mit Sozialdarwinismus<\/strong><\/p>\n<p>Heutzutage wird der Begriff zur Bezeichnung von menschenverachtenden Perspektiven verwendet. Dabei ist die ehemalige sozialwissenschaftliche Therorie eine unkritische und fehlerhafte \u00dcbertragung von biologischen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, abgeleitet aus den Theorien Charles Darwins, auf menschliche Gesellschaften. Im Sozialdarwinismus werden gesellschaftliche Randgruppen \u2013 etwa Wohnungslose, Sozialhilfeempf\u00e4nger*innen oder Menschen mit Behinderungen \u2013 als \u201eminderwertig\u201c oder \u00fcberfl\u00fcssige oder als Menschen, die der Gesellschaft Kosten verursachen, ohne ihr zu nutzen, abqualifizieren.<br \/>\nSozialdarwinismus ist ebenso ein Merkmal politisch rechts motivierter Gewalt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Stilles Gedenken am 6. September 2023, 18 Uhr, Schwanenteich hinter der Leipziger Oper.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir rufen auf, am 6. September 2023 f\u00fcr Karl-Heinz Teichmann, ein Todesopfer rechter Gewalt in Leipzig, anl\u00e4sslich seines 15. Todestages Blumen abzulegen. Abgelegt werden k\u00f6nnen die Blumen am Schwanenteich hinter der Leipziger Oper an einer Parkbank. Ab 18 Uhr laden wir dazu ein, gemeinsam zu gedenken und sich auszutauschen. 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