{"id":2401,"date":"2020-10-29T17:39:22","date_gmt":"2020-10-29T15:39:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/?p=2401"},"modified":"2020-12-03T17:39:31","modified_gmt":"2020-12-03T15:39:31","slug":"redebeitrag-von-rassismus-toetet-auf-der-demo-am-24-10-2020-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/redebeitrag-von-rassismus-toetet-auf-der-demo-am-24-10-2020-2\/","title":{"rendered":"Redebeitrag von \u201eRassismus t\u00f6tet!\u201c auf der Demo am 24.10.2020"},"content":{"rendered":"<p>Am 23. August 2008 wird der Obdachlose Karl-Heinz T, 59 Jahre alt, in Leipzig am Schwanenteich hinter der Leipziger Oper von dem Neonazi Michael H. mehrfach verpru\u0308gelt. Am 6. September 2008 stirbt er im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen.<br \/>\nIn der Nacht nach einer Nazi-Demo unter dem Motto \u201eTodesstrafe fu\u0308r Kindersch\u00e4nder\u201c, organisiert von den neonazistischen \u201eFreien Kr\u00e4ften\u201c, zogen zwei junge M\u00e4nner durch den Park hinter der Leipziger Oper.<\/p>\n<p>Dort fanden sie den auf einer Bank schlafenden Karl-Heinz T. Der T\u00e4ter Michael H. teilte ihm mit, dass er \u201enicht hier schlafen\u201c solle. Direkt fing er an, Karl-Heinz T. ins Gesicht zu treten und zu schlagen. Der T\u00e4ter verlie\u00df den Tatort fu\u0308r eine halbe Stunde, kehrte jedoch zuru\u0308ck und griff den 59-J\u00e4hrigen erneut an.<br \/>\nGefunden wurde Karl-Heinz T gegen sieben Uhr von einer Studentin, welche sich an einer nahegelegenen Polizeiwache meldete. Doch weder wollten die Beamt*innen die Personalien der Zeugin, noch r\u00fcckten sie aus. Erst anderthalb Stunden sp\u00e4ter erreichten die Beamt*innen den Tatort.<\/p>\n<p>Die sp\u00e4tere Obduktion ergab massive Kopfverletzungen und Hirnblutungen, eine Halswirbelfraktur sowie Prellungen am ganzen K\u00f6rper.<\/p>\n<p>Am 27. M\u00e4rz 2009 verurteilte das Leipziger Landgericht den 18-j\u00e4hrigen Neonazi Michael H wegen \u201eheimtu\u0308ckischen Mordes\u201c zu einer Haftstrafe von acht Jahren und drei Monaten. Der Staatsanwalt erkl\u00e4rte in seinem Pl\u00e4doyer, das Opfer habe nichts getan, \u201eau\u00dfer im Park nachts zu schlafen\u201c. Sein M\u00f6rder habe den Mann \u201ezum blo\u00dfen Objekt degradiert\u201c. \u201cAus seiner schlechten Laune heraus st\u00f6rte ihn der Anblick des schlafenden Mannes, dessen Schlafplatz er willk\u00fcrlich als unpassend bewertete\u201d, hei\u00dft im Urteil.<br \/>\nDas Gericht erkannte im Gegensatz zum Verteidiger des Neonazis keinen rechts motivierten Hintergrund.Von polizeilicher Seite wird der Vorfall als \u201enormale Straftat unter Alkoholeinfluss\u201c eingestuft.<\/p>\n<p>Wohnungslose werden von Staat und Gesellschaft ausgegrenzt. Rechte T\u00e4ter*innen praktizieren gegen wohnungslose Menschen einen Sozialdarwinismus der Tat, der durch einen Sozialdarwinismus des Wortes vorbereitet wird. Offenbar steht die Gewalt gegen Wohnungslose und sozial Schwache im unmittelbaren Zusammenhang mit gesellschaftlichen Klima und der kapitalistischen Maxime von der Verwertbarkeit der Menschen. Gewalt gegen Wohnungslose ist leider immer noch Alltag. Vor allem jene Menschen, die ohne Unterkunft auf der Stra\u00dfe leben und somit \u00fcber keinen privaten R\u00fcckzugsraum verf\u00fcgen, werden immer wieder Opfer von menschenverachtenden Angriffen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe dokumentiert seit 1989 entsprechende Straftaten mittels einer systematischen Presseanalyse. Mehr als 2.200 F\u00e4lle umfasst heute die Gewaltstatistik \u2013 565 davon mit t\u00f6dlichem Ausgang (Stand: 29.04.2020). Diese Zahlen sind schockierend. Gleichzeitig ist klar, dass die Dokumentation der <span class=\"caps\">BAG<\/span> W nur die Spitze des Eisbergs zeigt. Ein Gro\u00dfteil der Taten wird \u00fcberhaupt nicht \u00f6ffentlich. Viele werden aufgrund von fehlendem Vertrauen in die Ermittlungsbeh\u00f6rden oder aus Angst vor der Rache der T\u00e4terInnen gar nicht erst zur Anzeige gebracht. Medien berichten zudem nur \u00fcber ausgew\u00e4hlte \u2013 meistens \u00fcber besonders brutale oder absurde \u2013 F\u00e4lle. Nach einer kurzen Welle der \u00f6ffentlichen Emp\u00f6rung verhallen dann schnell die Forderungen nach Aufkl\u00e4rung, Zivilcourage und Schutzr\u00e4umen in der hohen Taktfolge der sensationsorientierten Berichterstattung. Zur\u00fcck bleiben die Opfer, deren Angeh\u00f6rige, Freunde und Bekannte sowie alle wohnungslose Menschen, in dem Wissen, dass sie nahezu immer und \u00fcberall angegriffen, verletzt und get\u00f6tet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Was meinen wir mit Sozialdarwinismus<\/strong><\/p>\n<p>Der Sozialdarwinismus wendet das von Charles Darwin (1809 \u2013 1882) mit Bezug auf die Tier- und Pflanzenwelt formulierte \u201cNaturgesetz der Selektion\u201d (Evolutionstheorie) auf Menschen und ihre sozialen Verh\u00e4ltnisse an. Er beruht auf der Annahme, dass Menschen von Natur aus ungleich sind und nur die St\u00e4rksten im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf bestehen k\u00f6nnen. Daraus wurde die als wissenschaftlich bezeichnete Unterscheidung zwischen \u201cwertvollem\u201d, \u201cminderwertigem\u201d und \u201cwertlosem\u201d menschlichen Leben entwickelt.<\/p>\n<p>Heutzutage wird er zur Bezeichnung von menschenverachtenden Perspektiven verwendet, die gesellschaftliche Randgruppen \u2013 etwa Wohnungslose, Sozialhilfeempf\u00e4nger oder Menschen mit Behinderungen \u2013 als &#8222;minderwertig\u201c oder \u00fcberfl\u00fcssige oder als Menschen, die der Gesellschaft Kosten verursachen, ohne ihr zu nutzen, abqualifizieren.<\/p>\n<p>Sozialdarwinismus ist ebenso ein Merkmal politisch rechts motivierter Gewalt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23. August 2008 wird der Obdachlose Karl-Heinz T, 59 Jahre alt, in Leipzig am Schwanenteich hinter der Leipziger Oper von dem Neonazi Michael H. mehrfach verpru\u0308gelt. Am 6. September 2008 stirbt er im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen. 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