{"id":2398,"date":"2020-10-29T17:36:16","date_gmt":"2020-10-29T15:36:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/?p=2398"},"modified":"2020-12-03T17:36:24","modified_gmt":"2020-12-03T15:36:24","slug":"redebeitrag-von-rassismus-toetet-auf-der-demo-am-24-10-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/redebeitrag-von-rassismus-toetet-auf-der-demo-am-24-10-2020\/","title":{"rendered":"Redebeitrag von \u201eRassismus t\u00f6tet!\u201c auf der Demo am 24.10.2020"},"content":{"rendered":"<p>Der aus Syrien kommende Asylsuchende Achmed B., 30 Jahre alt, wird am 23. Oktober 1996 von zwei jungen Nazis, Daniel Z. (20) und Norman E. (18), erstochen. Nachdem die T\u00e4ter stundenlang faschistische und rassistische Parolen gr\u00f6lend durch die Stadt gezogen sind, betreten sie am Abend ein Gem\u00fcsegesch\u00e4ft in der Leipziger S\u00fcdvorstadt. Zun\u00e4chst beschimpfen sie die Verk\u00e4uferinnen rassistisch und dr\u00e4ngen sie an eine Wand. Als Achmed B. seinen Kolleginnen zur Hilfe kommen will, wird er angegriffen. Nachdem es ihm gelingt, die beiden Angreifer aus dem Gesch\u00e4ft herauszubewegen, sticht einer der beiden auf Achmed B. ein.<\/p>\n<p>Der Mord mit rassistischem Hintergrund wird von Vertreter_innen der Stadt zum Teil verharmlost. So behauptet der damalige Oberb\u00fcrgermeister Hinrich Lehmann-Grube: \u201eein rechtsextremes Potenzial ist mir hier nie begegnet\u201c und Leipzigs \u201eAusl\u00e4nderbeauftragter\u201c Stojan Gugutschkow pflichtet ihm bei: \u201eEs h\u00e4tte auch irgendeinen Deutschen treffen k\u00f6nnen\u201c. Z. und E. werden wegen \u201eMordes aus niedrigen Beweggr\u00fcnden\u201c angeklagt. Etwa ein Jahr sp\u00e4ter f\u00e4llen die Richter des Landgerichts Leipzig das Urteil: Daniel Z.wird zu neuneinhalb Jahren Jugendhaft verurteilt, sein Mitt\u00e4ter Norman E. erh\u00e4lt wegen Beihilfe viereinhalb Jahre Gef\u00e4ngnis. Laut Staatsanwaltschaft gebe es \u201ekeine Anhaltspunkte f\u00fcr einen fremdenfeindlichen Hintergrund\u201c, stattdessen handle es sich um eine \u201espontane Tat\u201c.<\/p>\n<p>Erst 15 Jahre nach der Ermordung von Achmed B., wurde die Tat als rassistisch motiviert anerkannt.<\/p>\n<p><em>Wir m\u00f6chten einen <a href=\"https:\/\/www.conne-island.de\/nf\/27\/13.html\">Redebeitrag einer antirassistischen Demonstration vom 25.10.96<\/a> aus Anla\u00df der Ermordung von Achmed Bachir, der hier gehalten wurde, erneut vorlesen:<\/em><\/p>\n<p>Wir demonstrieren heute in Leipzig, um unsere Wut und Trauer \u00fcber den gemeinen Mord zweier junger normaler deutscher Rassisten an dem 30j\u00e4hrigen syrischen Asylbewerber Achmed Bachir deutlich zu machen. Wo wir jetzt stehen, fand gestern die schreckliche Bluttat statt. Unsere Solidarit\u00e4t und unser Mitgef\u00fchl gilt den Angeh\u00f6rigen und Freunden des Ermordeten in Syrien und hier in Leipzig. Unsere Wut und unser Ha\u00df gelten den T\u00e4tern und allen, die \u00e4hnliche Taten begehen oder solche Taten stillschweigend dulden oder sie bejubeln. Unsere Verachtung denen, die immer erst dann entsetzt sind, wenn dabei tats\u00e4chlich einmal ein Mensch ums Leben kommt, die aber immer wegsehen, wenn in ihrer eigenen Umgebung Menschen anderer Herkunft bedroht oder diskriminiert werden. Es gibt einen unl\u00f6sbaren Zusammenhang zwischen dem allt\u00e4glichen Rassismus der Stammtische und Morden wie diesem!<\/p>\n<p><strong>Die Tat.<\/strong><\/p>\n<p>Am Mittwochabend kurz nach Ladenschlu\u00df st\u00fcrmten die zwei deutschen Rassisten Daniel Z. und Norman E. den Gem\u00fcseladen \u201eFrupa\u201c. Sie randalierten, warfen Obstkisten um und bedrohten zwei Verk\u00e4uferinnen, die sie als \u201eT\u00fcrkenweiber\u201c beschimpften. Achmed Bachir ging dazwischen und wollte die Situation deeskalieren. Er und die beiden Rassisten verlie\u00dfen den Laden; kurz darauf stachen sie ihn nieder. Eine halbe Stunde sp\u00e4ter verstarb Achmed Bachir am Tatort. Die beiden M\u00f6rder konnten kurz darauf festgenommen werden. Ladenbesitzer Schahim hatte seinen besten Freund verloren, die Verk\u00e4uferinnen erlitten einen schweren Schock. Achmed Bachir war der \u00e4lteste Sohn einer mittellosen in Damaskus lebenden Familie.<\/p>\n<p><strong>Die T\u00e4ter.<\/strong><br \/>\nSeit zwei Tagen ist die lokale Presse voll von diesem Mord. Selten aber ein Wort dazu, da\u00df dies nicht irgendein Mord war, auch wenn ein solcher Mord in Deutschland schon ein ganz normaler Mord ist. Dabei ist der rassistische Hintergrund der Tat nicht zu \u00fcbersehen. Kein normaler Eink\u00e4ufer st\u00fcrmt nach Ladenschlu\u00df in ein Gesch\u00e4ft und beschimpft die anwesenden Verk\u00e4uferinnen als \u201eT\u00fcrkenweiber\u201c. Auch geh\u00f6rt es nicht zum Verhalten eines normalen Eink\u00e4ufers, einen weiteren Anwesenden anschlie\u00dfend mit einem 30 cm langen Messer niederzustechen. Dies sind im Gegenteil Verhaltensweisen eines normalen jungen deutschen Rassisten. Der beiden jungen deutschen Rassisten, die und deren Auftreten in diesem Land schon normal geworden sind.<br \/>\nSeit 1990 ist Rassismus zum Alltag geworden. Zu sp\u00fcren bekommen ihn nicht die, die pl\u00f6tzliche Betroffenheit \u00e4u\u00dfern, ansonsten aber immer wegsehen. Zu sp\u00fcren bekommen die ihn, die als Fl\u00fcchtlinge nach Deutschland kamen, um hier Schutz zu suchen. Sofern sie seit 1993 \u00fcberhaupt noch in dieses Land hineinkommen, dessen Regierung durch die faktische Abschaffung des Asylrechtes den Druck des immer st\u00e4rkeren rassistischen Mobs ausnutzte \u2013 bestehend aus ganz normalen unorganisierten Deutschen. Die Zeitungen leugnen eine rechtsradikale Organisierung der beiden T\u00e4ter. Damit m\u00f6gen sie recht haben. Die beiden jungen deutschen Rassisten sind bestimmt nicht in der verbotenen <span class=\"caps\">FAP<\/span>, der Nationalistischen Front, Wiking-Jugend oder anderen unter Beobachtung staatlicher Beh\u00f6rden stehender neonazistischer Gruppen organisiert. Sie sind organisiert im organisierten Deutschtum, das keine festeren Strukturen braucht als den allgemein verbreiteten rassistischen Normalkonsens in dieser normalen deutschen Bev\u00f6lkerung, aus der heraus seit 6 Jahren ganz normalerweise solche Taten begangen werden.<\/p>\n<p><strong>Die Situation.<\/strong><br \/>\nF\u00fcr Leipzig vermeldet die Polizei, erstaunlich genug, allein im 1. Halbjahr 1996 f\u00fcnf \u201eK\u00f6rperverletzungen mit rechtsextremem Hintergrund\u201c. Erstaunlich ist nicht die gemeldete Anzahl solcher Delikte, h\u00f6chstens, da\u00df sie nach oben korrigiert werden mu\u00df \u2013 erstaunlich ist aber, da\u00df staatliche Beh\u00f6rden in diesen F\u00e4llen einen rechtsextremen Hintergrund als Tatmotiv angeben. Denn normalerweise werden solche F\u00e4lle \u2013 wie j\u00fcngst in Brandenburg \u2013 als die Taten \u201everwirrter Einzelt\u00e4ter\u201c pr\u00e4sentiert, die im \u00fcbrigen lediglich durch etwas zu hohen vorhergegangenen Alkoholkonsum zustandegekommen seien. Auch in diesem Fall streitet die ermittelnde Leipziger Staatsanwaltschaft einen rechtsextremen Hintergrund der Bluttat ab.<\/p>\n<p>Zitat: \u201eAus irgendeinem ausl\u00e4nderfeindlichen Ausdruck\u201c k\u00f6nne man nicht auf eine ausl\u00e4nderfeindliche Grundhaltung schlie\u00dfen, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Sollte ein Gerichtsverfahren \u00fcberhaupt zustandekommen und nicht im Vorhinein mit der Begr\u00fcndung eingestellt werden, die beiden normalen jungen deutschen M\u00e4nner h\u00e4tten nur in Notwehr gegen Achmed Bachir gehandelt \u2013 wird es auch in diesem weiteren Falle von explodierendem \u00fcberall vorhandenen Ausl\u00e4nderha\u00df nicht um die Kl\u00e4rung der heutigen deutschen Normalit\u00e4t gehen, wird auch dieses weitere Mal nicht die Anklage gegen den ganz normalen allt\u00e4glichen Rassismus mit Todesfolgen auf allen Ebenen dieses Staates erhoben werden. Wieder einmal werden zwei deutsche normale Rassisten als Einzelt\u00e4ter verurteilt werden, wieder einmal wird eine Akte \u201eErledigte F\u00e4lle\u201c beim \u201eBundesamt f\u00fcr die Anerkennung ausl\u00e4ndischer Aylbewerber\u201c geschlossen werden und das war\u2019s dann. Bis zum n\u00e4chsten Mord, zum n\u00e4chsten Anschlag, zum n\u00e4chsten diskriminierenden Ausl\u00e4ndersondergesetz mit Todesfolge, bis zum n\u00e4chsten Gerichtsverfahren gegen Opfer und nicht die T\u00e4ter eines Nazianschlages.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit 1993 ist das Leben eines Fl\u00fcchtlinges in diesem Lande nicht mehr viel wert. Gesch\u00fctzt wird nicht er, sondern immer nur die T\u00e4ter und die verschworene deutsche Volksgemeinschaft, die deckend hinter ihm steht. Seine Tat kommt aus der Mitte der Gesellschaft, ob er nun organisierter Nazi oder \u201enur\u201c organisierter Deutscher ist. Das Verfahren, das in L\u00fcbeck nicht gegen drei dringend tatverd\u00e4chtige Nazis aus Grevesm\u00fchlen, sondern gegen eines der Opfer, Safwan Eid, gef\u00fchrt wird, spricht ebenso B\u00e4nde wie die nicht zu \u00fcberh\u00f6rende Erleichterung, die durch das deutsche Volk ging, als angeblich nicht ein Deutscher, sondern ein Asylbewerber den bisher schrecklichsten Anschlag auf ein Asylbewerberheim ver\u00fcbt haben sollte. Sollte ein Asylbewerber einen solchen Anschlag \u00fcberleben, droht ihm meist schon gleich die Abschiebung, der Fall L\u00fcbeck zeigt es ganz deutlich. Doch selbst eine harte Bestrafung der T\u00e4ter, selbst eine in diesem Zusammenhang vom Gericht mitverantwortlich gemachte deutsche Volksgemeinschaft \u2013 all dies br\u00e4chte Achmed Bachir nicht wieder zum Leben. Er starb als ein weiteres der vielen Opfer des allt\u00e4glichen m\u00f6rderischen Rassismus.<\/p>\n<p>Betroffenheit und Mitgef\u00fchl, auch als Ausdruck ehrlicher Anteilnahme, kann diese Morde nicht verhindern. Nur entschlossenes Entgegentreten gegen alle Formen des Rassismus, sei es nun die Anmache in der Stra\u00dfenbahn, sei es die offensichtliche Diskriminierung ausl\u00e4ndischer Menschen in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden wie der Universit\u00e4t Leipzig, seien es spezielle Sondergesetze gegen ausl\u00e4ndische Straft\u00e4ter, seien es die zahlreichen Prozesse gegen die Opfer statt gegen die T\u00e4ter rassistischer Anschl\u00e4ge, seien es die menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen und Behandlungen, denen Asylbewerber in diesem Lande ausgesetzt sind, seien es die unm\u00f6glichen Arbeitsbedingungen, unter denen ausl\u00e4ndische Arbeitnehmer hier oft arbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es gibt nur eine Entscheidung, nie aber eine Entschuldigung oder gar einen Grund f\u00fcr Rassismus. Es gibt nur eine Entscheidung, nie aber eine Entschuldigung oder gar einen Grund f\u00fcr Morden. Denn Rassismus t\u00f6tet schon da, wo er noch nicht das Messer gez\u00fcckt hat, wo er \u201enoch ganz normal\u201c ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der aus Syrien kommende Asylsuchende Achmed B., 30 Jahre alt, wird am 23. Oktober 1996 von zwei jungen Nazis, Daniel Z. (20) und Norman E. (18), erstochen. Nachdem die T\u00e4ter stundenlang faschistische und rassistische Parolen gr\u00f6lend durch die Stadt gezogen sind, betreten sie am Abend ein Gem\u00fcsegesch\u00e4ft in der Leipziger S\u00fcdvorstadt. 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