{"id":2380,"date":"2020-10-29T15:45:11","date_gmt":"2020-10-29T13:45:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/?p=2380"},"modified":"2020-11-29T15:45:18","modified_gmt":"2020-11-29T13:45:18","slug":"redebeitrag-von-initiative-kritisches-gedenken-erlangen-auf-der-demo-am-24-10-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/redebeitrag-von-initiative-kritisches-gedenken-erlangen-auf-der-demo-am-24-10-2020\/","title":{"rendered":"Redebeitrag von \u201eInitiative kritisches Gedenken Erlangen\u201c auf der Demo am 24.10.2020"},"content":{"rendered":"<p>Am 22. August kam in Hamburg eine Serie von Brand- und Sprengstoffanschl\u00e4gen, ver\u00fcbt von der Neonaziorganisation Deutsche Aktionsgruppen, zu ihrem traurigen H\u00f6hepunkt. Bei dem Anschlag auf eine Gefl\u00fcchtetenunterkunft in der Hamburger Halskestra\u00dfe kamen Nguy\u1ec5n Ng\u1ecdc Ch\u00e2u und \u0110\u1ed7 Anh L\u00e2n ums Leben. Einen Monat sp\u00e4ter deponierte Gundolf K\u00f6hler eine Bombe auf dem M\u00fcnchner Oktoberfest. Die Detonation riss 12 Menschen und den T\u00e4ter in den Tod; \u00fcber 200 weitere wurden verletzt. K\u00f6hler war mit der Wehrsportgruppe Hoffmann und der Wiking-Jugend assoziiert. Am 19. Dezember desselben Jahres wurden Shlomo Lewin und Frida Poeschke in ihrer Wohnung von Uwe Behrendt erschossen. Behrendt war rechter Burschenschafter und f\u00fchrendes Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann.<\/p>\n<p>Diese Anschl\u00e4ge j\u00e4hren sich dieses Jahr zum 40. Mal. Gemeinsam mit Gruppen aus M\u00fcnchen und Hamburg f\u00fchren wir aus diesem Anlass die Kampagne \u201cMehr als 40 Jahre \u2013 Kontinuit\u00e4ten rechten Terrors in Deutschland\u201d. Mit der Kampagne thematisieren wir zum einen, dass den Anschl\u00e4gen von 1980 eine lange Geschichte der neonazistischen Organisierung vorangeht. Zum anderen aber, dass diese Taten keine Sache der Vergangenheit sind. Seit 1945 wurden in den Nachfolgestaaten des nationalsozialistischen Deutschlands mehrere hundert Menschen durch rechten Terror get\u00f6tet. Diese Kontinuit\u00e4t reicht bis heute.<\/p>\n<p>Ein weiteres Datum in der langen Geschichte des rechten Terrors ist der 24.10.2010. An diesem Tag wurde Kamal K. in Leipzig von Neonazis erstochen. Der Hauptt\u00e4ter Marcus Eckardt wurde zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Auch die Attent\u00e4ter*innen von Hamburg gingen lange in den Knast. Gundolf K\u00f6hler und Uwe Behrendt kamen w\u00e4hrend oder kurz nach ihren Attentaten zu Tode. Entscheidend ist dabei, dass das alles nicht dazu gef\u00fchrt hat, dass der rechte Terror aufgeh\u00f6rt hat. Das \u00e4ndert nichts daran, dass die Forderungen absolut berechtigt sind, alle dem Staat verf\u00fcgbaren Ressourcen daf\u00fcr einzusetzen, Nazistrukturen zu zerschlagen und rechte Strukturen und Gewaltverbrechen schonungslos aufzukl\u00e4ren, bis in die Sicherheitsbeh\u00f6rden hinein. Allerdings reicht das nicht aus. Sabrina, eine \u00dcberlebende des Anschlags in Halle hat es folgenderma\u00dfen ausgedr\u00fcckt: \u201eDas Problem, das Migrant*innen, Linke, Feminist*innen und J\u00fcdinnen*Juden in Gefahr bringt, ist immer noch da. Auch wenn dieser eine Mann ins Gef\u00e4ngnis kommt.\u201c Um dieser Gefahr entgegenzuwirken braucht es eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Rassismus, Antiziganismus, Sexismus und Antifeminismus \u2013 ein Teil davon ist das Gedenken an rechte Morde.<\/p>\n<p>An dem Ort des Oktoberfestattentates wurde bereits ein Jahr nach dem Anschlag ein Gedenkort eingerichtet. Bis die Namen der Opfer dort angebracht wurden, dauerte es sieben Jahre. Bis dort der politische Hintergrund des Anschlags und die M\u00e4ngel der Ermittlungsarbeit dort thematisiert wurden, vergingen weitere 30 Jahre. 30 Jahre dauerte es auch in Erlangen, bis nach langem Schweigen ein offizielles Gedenken an Shlomo Lewin und Frida Poeschke einsetzte. Auch an dem Gedenkort in Erlangen bleibt der rechtsterroristische Hintergrund der Tat jedoch unsichtbar. In der Hamburger Halskestra\u00dfe erinnert bis heute nichts an die Ermordung von Nguy\u1ec5n Ng\u1ecdc Ch\u00e2u und \u0110\u1ed7 Anh L\u00e2n. Hier in Leipzig wurde das Gedenken an Kamal K. und alle anderen Opfer rechter Gewalt von st\u00e4dtischer Seite eher torpediert, als aktiv unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Ohne die Arbeit von antifaschistischen Gruppen, Angeh\u00f6rigen und Einzelpersonen, w\u00e4re die mehrmalige Erneuerung der immer wieder zerst\u00f6rten Plakette nicht m\u00f6glich gewesen.\u2028\u00a0\u2028Was Hamburg, M\u00fcnchen und Erlangen mit M\u00f6lln, N\u00fcrnberg, Leipzig, Halle und Hanau verbindet istnicht nur, dass all diese St\u00e4dte Tatorte des rechten Terrors wurden, sondern auch dass dort und \u00fcberall in Deutschland Betroffene rechter Gewalt, ihre Angeh\u00f6rigen und antifaschistische Initiativen daf\u00fcr sorgen, dass die Opfer rechter Gewalt nicht in Vergessenheit geraten. Und auch daf\u00fcr, dass die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse offen benannt werden, unter denen sie zu Opfern gemacht wurden und die sie Opfer haben werden lassen. Das ist auch Ausdruck der Erkenntnis, dass wir uns im Kampf gegen rechten Terror nicht auf den Staat verlassen k\u00f6nnen: Weder hinsichtlich des pr\u00e4ventiven Schutzes und der nachtr\u00e4glichen Unterst\u00fctzung von Betroffenen rechter Gewalt, noch in der Aufkl\u00e4rung und \u00f6ffentlichen Erinnerung der Taten. Deshalb ist antifaschistisches und kritisches Gedenken ein wichtiger Anteil im Kampf gegen den rechten Terror \u2013 ebenso wie im Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Misogynie. Es legt den Finger in die Wunde und l\u00e4sst den Glauben nicht zu, dass irgendetwas in Ordnung w\u00e4re.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Kampf m\u00fcssen wir die Vernetzung zwischen Betroffenen, Angeh\u00f6rigen und Antifaschist*innen vorantreiben um solidarische Strukturen zu schaffen. Wir m\u00fcssen uns gegenseitig darin unterst\u00fctzen, die Geschichte des rechten Terrors und seiner Opfer \u00fcberall sichtbar zu machen, aber auch darin, daf\u00fcr zu sorgen, dass diese Geschichte ein Ende hat.<\/p>\n<p>In Gedenken an Kamal K. und alle Opfer rechter Gewalt! Gegen das Vergessen und die Kontinuit\u00e4t des rechten Terrors!<\/p>\n<p><strong>ENGLISH VERSION<\/strong><\/p>\n<p>On the 22nd of August 1980 a series of arson and explosive attacks committed by the neonazi organization \u201eDeutsche Aktionsgruppen\u201c, came to a brutal end in Hamburg. The racist attack on a refugee shelter, located on Halskestra\u00dfe, took the lives of Nguy\u1ec5n Ng\u1ecdc Ch\u00e2u und \u0110\u1ed7 Anh L\u00e2n. Only one month later on September 26th a bomb, planted by the Neo-Nazi Gundolf K\u00f6hler, detonated at the Munich Oktoberfest and killed 12 people. Over 200 people were injured. On December 19th Shlomo Lewin and Frida Poeschke were shot in their home in Erlangen. The perpetrator of the antisemitic murder, Uwe Behrendt, was a leading member of the Neo-nazi organization Wehrsportgruppe Hoffmann, a group Munich attacker Gundolf K\u00f6hler was also associated with.<\/p>\n<p>The year 1980 marks a high point in the history of right-wing terrorism in Germany, but the terror never stopped. October 24th 2010 is another date which is part of this long history. On this day Kamal K. was stabbed to death by a known Neo-Nazi in Leipzig. The fact that all of these neo-nazi killers are either dead or served long jail times, but the terror still continues to this day, shows that these are not isolated incidences.<\/p>\n<p>To stop the continuity of right-wing terrorism and violence, it is not enough to remove the culprits from society. Society itself needs to confront racism, antisemitism,antiziganism, sexism and antifeminism. Remembering right wing murders and commemorating its victims needs to be a part of this process.<br \/>\nHamburg, Munich and Erlangen are not only connected to other cities like M\u00f6lln, N\u00fcrnberg, Leipzig, Halle and Hanau because these are all places where right wing terror attacks happened. They are also connected, because in all of these places people that were affected by right wing violence, their family members and friends, as well as antifascist groups are fighting for the victims of right wing violence not to be forgotten.<\/p>\n<p>They make sure, that the social conditions that made them victims or allowed for their victimization, are not overlooked. Constantly we are reminded, that in the fight against right-wing terror, we cannot rely on the state and its institutions. For this struggle we need to unite our efforts and create solidary networks of\u00a0 people affected by right-wing violence, their relatives and antifascist groups. We need to support each other in our efforts to make the history of right-wing terrorism visible and to finally bring it to an end.<\/p>\n<p>In rememberance of Kamal k. and all victims of right-wing violence! Against the forgetting and the continuity of right-wing terrorism!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kritischesgedenken.de\/\">Initiative kritisches Gedenken Erlangen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 22. August kam in Hamburg eine Serie von Brand- und Sprengstoffanschl\u00e4gen, ver\u00fcbt von der Neonaziorganisation Deutsche Aktionsgruppen, zu ihrem traurigen H\u00f6hepunkt. Bei dem Anschlag auf eine Gefl\u00fcchtetenunterkunft in der Hamburger Halskestra\u00dfe kamen Nguy\u1ec5n Ng\u1ecdc Ch\u00e2u und \u0110\u1ed7 Anh L\u00e2n ums Leben. Einen Monat sp\u00e4ter deponierte Gundolf K\u00f6hler eine Bombe auf dem M\u00fcnchner Oktoberfest. 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