{"id":2363,"date":"2020-10-29T14:59:42","date_gmt":"2020-10-29T12:59:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/?p=2363"},"modified":"2020-11-29T14:59:51","modified_gmt":"2020-11-29T12:59:51","slug":"redebeitrag-von-keinemehr-auf-der-demo-am-24-10-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/redebeitrag-von-keinemehr-auf-der-demo-am-24-10-2020\/","title":{"rendered":"Redebeitrag von #KeineMehr auf der Demo am 24.10.2020"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem Femizid am 8. April im Leipziger Auwald haben wir uns unter dem Namen #keinemehr zusammengeschlossen \u2013 damit schlie\u00dfen wir uns unseren Freund*innen aus Berlin und anderen St\u00e4dten an. Wir wollen uns gegen Femizide\u00b9 und m\u00e4nnliche Gewalt organisieren, Vorf\u00e4lle dokumentieren, politisieren und sichtbar machen. Wir wollen die strukturelle Ebene dieser Gewalt aufzeigen und die \u00d6ffentlichkeit daf\u00fcr sensibilisieren.<\/p>\n<p>Femizide sind die extreme Zuspitzung einer Kette von patriarchalen Gewalttaten gegen Frauen, M\u00e4dchen und queeren Menschen \u2013 eine Kette, die von sexueller Bel\u00e4stigung in der \u00d6ffentlichkeit, Stalking, h\u00e4uslicher Gewalt, Vergewaltigung, eben bis hin zum Mord reicht. Folgen wir den Statistiken des Bundeskriminialamtes in Deutschland, versucht jeden Tag ein Mann, \u201cseine\u201d Partnerin oder Expartnerin umzubringen. Jeden zweiten bis dritten Tag gelingt es. Wenn eine Frau sich von ihrem Partner trennen m\u00f6chte, lebt sie oft gef\u00e4hrlich. Denn zwei Drittel dieser Femizide werden w\u00e4hrend oder nach der Trennung begangen.<\/p>\n<p>Allein in Deutschland starben im Jahr 2019 135 Frauen durch einen Femizid. Dabei handelt es sich nur um so genannte \u201ePartnerschaftstaten\u201c. Weitere Morde bzw. explizit Morde an Trans*Personen kommen in der Statistik nicht vor. Es handelt sich hierbei allerdings um ein weltweites Problem: Der Kampfspruch Ni una mas \u2013 zu Deutsch \u201cKeine Mehr\u201d \u2013 verweist auf die kollektive Morddrohung, der Flint*-Personen aufgrund ihrer Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit ausgesetzt sind: vonseiten ihrer Partner, Ex-partner oder V\u00e4ter, aber auch von ihnen unbekannten Vergewaltigern, Serienm\u00f6rdern oder dem organisierten Verbrechen. Im Jahr 2017 wurden laut einer UN-Studie weltweit 50.000 Frauen von Partnern oder Familienangeh\u00f6rigen get\u00f6tet, die Zahlen steigen. In Mexiko, Argentinien oder Spanien werden Femizide l\u00e4ngst als das strukturelle Problem erkannt und benannt, was sie sind und entsprechend skandalisiert und bek\u00e4mpft. Inzwischen ist Femizid in sehr vielen lateinamerikanischen L\u00e4ndern ein f\u00fcr sich stehender Straftatbestand. Das ist mit Sicherheit auch der Verdienst der dortigen Bewegungen und der Vehemenz, mit welcher die Forderungen auf die Stra\u00dfe getragen wurden.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber hat kein EU-Mitgliedstaat eine Definition von Femizid in das bestehende Strafrecht aufgenommen. In Deutschland werden Frauenm\u00f6rder oft milder bestraft als andere M\u00f6rder. H\u00e4ufig sehen Richter*innen und Staatsanw\u00e4lt*innen keines der Merkmale erf\u00fcllt, die den Tatbestand des Mordes rechtfertigen w\u00fcrden: etwa niedere Beweggr\u00fcnde oder Heimt\u00fccke. Laut einem wegweisenden Urteil des Bundesgerichtshofs von 2008 ist eine sogenannte Trennungst\u00f6tung nicht durch niedere Beweggr\u00fcnde motiviert, wenn \u201edie Trennung von dem Tatopfer ausgeht und der Angeklagte durch die Tat sich dessen beraubt, was er eigentlich nicht verlieren will\u201c.<\/p>\n<p>Diese Aussage basiert eindeutig auf der patriarchalischen Logik (dieses Systems), dass der Mann seine Partnerin besitzt und somit auch das Recht hat, sich f\u00fcr den Verlust seines vermeintlichen Eigentums zu r\u00e4chen, selbst wenn er daf\u00fcr t\u00f6ten muss. Doch auch die Misogynie vieler M\u00e4nner, die geschlechtsbasierte Abwertung weiblich gelesener Personen, ist Ursache f\u00fcr Femizide. So richtet sich unser Appell auch an den konkreten Mann, an alle M\u00e4nner, und vor allem an die, die hier zuh\u00f6ren, sich gegen Misogynie einzusetzen und profeministisch Seite an Seite mit uns den Kampf gegen geschlechtsbasierte Gewalt zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Neben der patriarchalen Rechtsprechung und gesellschaftlicher Misogynie ist es jedoch auch die mediale Berichterstattung, welche skandalisiert werden muss. Denn oft bleiben Femizide eine Randnotiz der Regionalzeitungen, wahlweise mit dem Titel \u201eFamilientrag\u00f6die\u201c, \u201eEifersuchtsdrama\u201c oder \u201eBeziehungsdrama\u201c. Wenn der T\u00e4ter nicht wei\u00df ist oder keinen deutsch-klingenden Namen hat, wird der Ton schon etwas deutlicher. Dann werden Femizide als \u201eBluttat\u201c oder \u201ebrutale Morde\u201c bezeichnet. Diese rassistische Aufmachung geht noch weiter. Der <span class=\"caps\">LVZ<\/span>-Chefredakteur bezeichnet diese Morde sogar als \u201cimportiertes Problem\u201d. Diese Aussage suggeriert, dass es Frauen- und Queerfeindlichkeit nur in anderen L\u00e4ndern gebe und immigrierte M\u00e4nner somit eine Gefahr f\u00fcr Frauen und Queers in Deutschland darstellen w\u00fcrden. Durch das Argumentieren mit einer vermeintlichen Gleichberechtigung, welche nun gef\u00e4hrdet sei, wird aber am Ende nur der eigene Rassismus legitimiert. Denn die Zahlen sprechen eine andere Realit\u00e4t. Es ist egal, woher ein T\u00e4ter kommt. Sowohl die T\u00e4ter als auch die Opfer von Femiziden, das zeigen Statistiken, kommen aus allen m\u00f6glichen Milieus und Bev\u00f6lkerungsgruppen. Es kann der Nachbar sein, der Ehemann, der gute Freund, der Arbeitskollege. Edris Z., der M\u00f6rder von Myriam Z., bewegte sich sogar in linken und alternativen, sich als emanzipatorisch verstehenden Strukturen, wor\u00fcber bisher kaum geredet wird. Denn ein Femizid \u2013 das passt nicht in die eigenen Reihen. Genau daran merken wir, dass patriarchale Denkstrukturen nicht vor der eigenen Wohnungst\u00fcr, dem eigenen Viertel oder Freundeskreis halt machen.<\/p>\n<p>Was wir daher brauchen ist eine engagierte feministische Aufkl\u00e4rung und Bewusstmachung. Es braucht mehr Reflexion \u00fcber das Handeln in Partner*innenschaften, zwischenmenschlichen Beziehungen und im \u00f6ffentlichen Raum. Mit diesem Bewusstsein k\u00f6nnen wir es schaffen, uns zu solidarisieren und als laute und starke Bewegung den Staat und die \u00d6ffentlichkeit unter Druck zu setzen.<\/p>\n<p>Denn egal wie in den Medien \u00fcber Femizide berichtet wird, eines haben alle verharmlosenden Bezeichnungen gemeinsam: sie stellen Femizide als traurigen Einzelfall dar. Doch Femizide sind kein privates Schicksal, sie haben System! Sie sind Teil der gesellschaftlichen Realit\u00e4t, in der wir alle leben. Die Verschiebung ins Private macht das Gedenken an die Ermordeten schwierig.<\/p>\n<p>Gedenken an Betroffene und Sichtbarmachung der Taten ist eine wichtige politische Praxis um das Private wieder in die Gesellschaft und in das Bewusstsein zu holen. Wir gedenken ihnen auch, weil es auch uns h\u00e4tte treffen k\u00f6nnen und weil es auch weiterhin jede von uns treffen kann. Jeder Femizid ist ein Angriff auf alle Frauen und alle Queers!<\/p>\n<p>An dieser Stelle m\u00f6chten wir auch unsere volle Solidarit\u00e4t mit allen Menschen ausdr\u00fccken, die heute und an jedem anderen Tag f\u00fcr die Legalisierung bzw. gegen die Illegalisierung von Schwangerschaftsabbr\u00fcchen protestieren und auf die Stra\u00dfe gehen, so wie aktuell in Polen. Wir w\u00fcnschen euch allen ganz viel Kraft!<\/p>\n<p>Wir danken auch der Orga der Demo heute und allen, die seit so vielen Jahren an Opfer rechter Gewalt erinnern und sich engagieren. Danke f\u00fcr die Einladung, sprechen zu d\u00fcrfen. Rechte Gewalt und Faschismus sind sehr eng verwoben mit einem patriarchalischen Bild von M\u00e4nnlichkeit und Geschlecht, Antifeminismus ist die ideologisch unverzichtbare Komponente und geht somit immer mit Frauen- und Queerfeindlichkeit einher. Wir, die wir hier aus verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen zusammengekommen sind, um Diskriminierung bis hin zu t\u00f6dlicher Gewalt zu thematisieren, haben au\u00dferdem auch gemeinsam, dass der Staat bei dem, was uns geschieht, erfolgreich wegschaut und schweigt. Wir k\u00f6nnen uns nicht auf seinen Schutz verlassen. Es bleibt also dabei: antifaschistischer Selbstschutz ist f\u00fcr uns alle notwendig.<\/p>\n<p>Unsere Aufgabe ist es, Femizide aus dem Privaten zu holen! Mit diesem Anspruch sind wir nicht allein! Wir beziehen uns auf eine Welle gro\u00dfer feministischer Bewegungen, die in den letzten Jahren weltweit aktiv geworden sind, um sich patriarchalischen Verh\u00e4ltnissen im Kapitalismus zu widersetzen. Lasst uns auf die feministischen internationalen Bewegungen blicken, um zu lernen und gemeinsam zu k\u00e4mpfen! Lasst uns gemeinsam gegen m\u00e4nnliche Gewalt und m\u00e4nnliche Dominanz, die Zugriffe auf unsere K\u00f6rper und unsere Selbstbestimmung und f\u00fcr ein Leben k\u00e4mpfen, dass die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse von Kapitalismus und Patriarchat \u00fcberwindet! Ni una menos, es hei\u00dft Femizid!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/keinemehrleipzig.noblogs.org\/\"><strong><span class=\"aCOpRe\">#KeineMehr<\/span><\/strong> <strong>Leipzig<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Femizid am 8. April im Leipziger Auwald haben wir uns unter dem Namen #keinemehr zusammengeschlossen \u2013 damit schlie\u00dfen wir uns unseren Freund*innen aus Berlin und anderen St\u00e4dten an. Wir wollen uns gegen Femizide\u00b9 und m\u00e4nnliche Gewalt organisieren, Vorf\u00e4lle dokumentieren, politisieren und sichtbar machen. 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