{"id":2356,"date":"2020-10-25T14:19:30","date_gmt":"2020-10-25T12:19:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/?p=2356"},"modified":"2020-11-25T15:02:55","modified_gmt":"2020-11-25T13:02:55","slug":"redebeitrag-der-fantifa-auf-der-demo-am-24-10-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/redebeitrag-der-fantifa-auf-der-demo-am-24-10-2020\/","title":{"rendered":"Redebeitrag der fantifa auf der Demo am 24.10.2020"},"content":{"rendered":"<p>Zur Notwendigkeit antisexistischer Arbeit<\/p>\n<p>Montag, 07:00 Uhr<\/p>\n<p>Der Wecker klingelt, Blick aufs Handy. In der Freundinnen-Chat-Gruppe hat eine nachts Links gepostet und schreibt dazu:<\/p>\n<p>he schaut mal, schon wieder ein \u00dcbergriff, dieses Mal in dem Hausprojekt in Erfurt.<\/p>\n<p>Ich \u00f6ffne Instagram, 5 Nachrichten im Postfach:<\/p>\n<p>schau mal, dieser Typ aus Th\u00fcringen, wohnt der nicht jetzt in Leipzig? Du hast doch Freunde, die da wohnen, kannst du mal nachfragen?<\/p>\n<p>Schau mal, der Outcall\u2026 ich pack das nicht mehr.<\/p>\n<p>Hey, ich muss ne Social Media Pause machen, ich geh kaputt.<\/p>\n<p>Du, mir ist am Wochenende was Schlimmes passiert.<\/p>\n<p>Hallo, sag mal du hast doch schon mal U-Gruppen-Arbeit gemacht, wir versuchen gerade, Lisa zu unterst\u00fctzen, kannst du dir vorstellen, dazu zu kommen?<\/p>\n<p>Ich lasse die Nachrichten erstmal unbeantwortet, gehe auf den Balkon und atme.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu Arbeit radle ich in Connewitz am Pivo vorbei, am Willsons. W\u00fctende Genoss*innen haben dort nachts ihre Meinung zu sexualisierter Gewalt an die W\u00e4nde gepappt. Ich h\u00f6re innerlich schon die Gespr\u00e4che in den Kneipen \u201cJa also das ist schon auch nicht okay, was da passiert ist, aber er hat sich ja entschuldigt\u201d \u201cEy der ist damit Selbstst\u00e4ndig und verliert seine Existenz\u201d \u201cMilitanz bringt uns auch nicht weiter\u201d.<\/p>\n<p>Sofort wird mein Magen flau.<\/p>\n<p>Ich packs nicht mehr, Leute.<\/p>\n<p>Auf Arbeit erz\u00e4hlt mir meine Kollegin von einem brutalen \u00dcberfall in ihrer Heimatstadt in Sachsen-Anhalt bei dem Faschos eine schwangere Frau aus Eritrea verpr\u00fcgelt haben.<\/p>\n<p>In meiner Facebook-timeline steht antisemitischer Schei\u00df vom gro\u00dfen Austausch und wie Frauen, Feminist*innen und Juden Schuld daran seien.<\/p>\n<p>An diesem Tag werde ich noch 2 mal auf der Stra\u00dfe gecatcalled und im Fitti bl\u00f6d angeglotzt. Beim Plenum f\u00e4llt mir ein Genosse wiederholt ins Wort, denkt, sein anschlie\u00dfendes knappes \u201cSorry, dass ich dich unterbreche, aber\u2026\u201d w\u00fcrde das entschuldigen.<\/p>\n<p>Zuhause berichtet mir meine Mitbewohnerin von einem ersten Date mit einem Mann, der links organisiert ist und irgendwann nicht mehr aufh\u00f6ren konnte, mit seinen Heldentaten als linker Antifakrieger zu prahlen. Er schwafelte von ersten K\u00e4mpfen als Jungantifa aufm Dorf, schw\u00e4rmte dann vom \u201ckrassen\u201d G8 Gipfel \u201cdamals in Heiligendamm\u201d (\u201cda gabs noch geile Sportgruppen\u201d) und erz\u00e4hlt schlie\u00dflich von der letzten Auseinandersetzung, bei der man es dem besoffenen Sexisten vom Nachbartisch so richtig gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Und mit einem Funkeln in den Augen erkl\u00e4rte er ihr wie wichtig er es f\u00e4nde, dass M\u00e4nner doch auch endlich mal \u00fcber ihre Gef\u00fchle und \u00c4ngste reden w\u00fcrden. Wie sie das als Frau finde, fragte er meine Freundin. Ihre Antwort musste er nat\u00fcrlich nicht abwarten \u2013 es tue so gut, einfach mal mit jemandem reden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Abends lese ich einen Text dazu, warum die kritische M\u00e4nnlichkeitsgruppe in Leipzig gescheitert ist. Spoiler: es lag an den M\u00e4nnern :o)<\/p>\n<p>Ich kenne keine weiblich gelesene oder queere Person in meinem Freundeskreis, die nicht schon einmal gegen ihren Willen angefasst, krass beleidigt wurde oder der schlimmeres passiert ist.<\/p>\n<p>Ich packs nicht mehr, Leute.<\/p>\n<p>Als wir gelesen haben, dass die Genoss*innen von Rassismus t\u00f6tet eine gro\u00dfe Gedenkdemonstration zu Opfern von rechter Gewalt organisieren, war klar: wir wollen teilhaben. Wir wollen teilhaben, weil wir als feministische Antifagruppe darauf angewiesen sind, dass engagierte Genoss*innen seit so vielen Jahren schon aktive Politik gegen Faschos machen, und unerm\u00fcdlich und aufopfernd arbeiten. An dieser Stelle m\u00f6chten wir der Orga ganz herzlich danken. Wir sehen, was ihr wuppt. Umso mehr hat es uns gefreut, dass heute hier so viele verschiedene Stimmen vereint werden k\u00f6nnen, im Kampf gegen rechte Gewalt und Diskriminierung.<\/p>\n<p>Als feministische Antifagruppe kommen wir allerdings nicht umhin, auch etwas zum Thema Antifeminismus zu sagen.<\/p>\n<p>Wie eingehend beschrieben sind Flint* t\u00e4glich mit Sexismus und \u00dcbergriffen konfrontiert.<\/p>\n<p>Doch auch die Statistiken sprechen f\u00fcr sich: Von den gez\u00e4hlten 276 Menschen, die 2019 von der Opferberatung <span class=\"caps\">RAA<\/span> in Sachsen nach einem Angriff beraten wurden, waren fast die H\u00e4lfte Frauen und Menschen, die sich nicht bin\u00e4r verorten. So treffen rassistische, antisemitische, homofeindliche und rechte \u00dcbergriffe auch Frauen, Lesben, Trans, Inter, Non-Binary und queere Menschen. Die Zahlen zeigen einmal mehr, wie sehr K\u00f6rper, Sexualit\u00e4t und Geschlechterrollen oder die Ablehnung pluraler Familien- und Lebensformen vereinende Themen f\u00fcr patriarchale Dominanz, gesellschaftliche Normierung und wieder mehr denn je rechter und v\u00f6lkischer Ideologien und religi\u00f6ser Fundamentalismen sind.<\/p>\n<p>Was haben die T\u00e4ter alle gemeinsam? Wo treffen sich Maskulinisten, Rassisten, Faschos jeder Coleur und egal ob im Parlament oder in der Kameradschaft organisiert, Abtreibungsgegner, antisemitische Incels, eifers\u00fcchtige mordende Expartner? In kollektivierter und organisierter Misogynie und Gewalt.<\/p>\n<p>Wir alle, die heute hier sind, kennen diese F\u00e4lle. Wir kennen sie, wir kennen die Zahlen. Wir beobachten besorgt und k\u00e4mpferisch den rechten Backlash unserer Gesellschaft. Wir erleben die sexistischen \u00dcbergriffe und die patriarchalische Zurichtung an unseren eigenen K\u00f6rpern und Identit\u00e4ten. Wir erleben Einschr\u00e4nkungen in unserer Autonomie: vom Recht auf Abtreibung bis zum Recht darauf, uns selbstbestimmt und friedlich zu trennen, oder nachts alleine und unbeschadet joggen gehen zu k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Wir haben uns heute dem Block gegen Femizide angeschlossen, um die in Deutschland noch recht neue Debatte um geschlechtsbasierte Morde zu unterst\u00fctzen. Denn eine von vielen Ursache f\u00fcr Morde an Frauen und Queers sind m\u00e4nnliche Dominanz und Besitzdenken von M\u00e4nnern und der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Warum erz\u00e4hlen wir von unserem Montag, vom Alltagssexismus, von Opferberatungszahlen und von Femiziden? All diese Dinge haben etwas gemeinsam: sie haben M\u00e4nnlichkeit als Ursache. Dass Kapitalismus, das Patriarchat, Rassismus, die AfD und\u2026 naja die Liste ist lang- beschissen sind, abgeschafft und konsequent bek\u00e4mpft geh\u00f6rt und warum das so ist, das wissen die meisten.<\/p>\n<p>Als feministische Antifagruppe kommen wir aber einfach auch nicht umhin, die Chance hier zu nutzen, einen Appell an die m\u00e4nnlichen Genossen hier zu richten.<\/p>\n<p>Du bist gefordert!<\/p>\n<p>aktivistisch, profeministisch und unerschrocken sollst du sein.nnicht nur individuell, sondern auch kollektiv: fordere dich selbst, und auch deine m\u00e4nnlichen Freunde.<br \/>\nEs geht uns nicht nur um einen Privilegien-Check oder um Reflektion.<br \/>\nDu musst begreifen:<\/p>\n<p>F\u00fcr manche Flint* geht es ums nackte \u00dcberleben im t\u00f6dlichen Patriarchat.<\/p>\n<p>Versteck dich nicht hinter Floskeln wie \u201cIch respektiere Frauen\u201d \u201cFu\u00dfballfans gegen Homophobie\u201d oder \u201cSexisten aufs Maul\u201d. Angesichts der H\u00e4ufung der \u00f6ffentlich thematisierten Vorf\u00e4lle in innerlinken Strukturen, aber auch allen F\u00e4llen, die in der Gesellschaft passieren sagen wir dir heute: Antisexismus ist keine Option mehr, kein Thema, was du optional bearbeiten kannst.<\/p>\n<p>Eine Auseinandersetzung mit M\u00e4nnlichkeit erfordert kontinuierliche Arbeit und Selbstkritik, die sich an konkreten Widerspr\u00fcchen abarbeitet und sie annimmt.<\/p>\n<p>Wir wissen, wie hart die Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten und dem Denken sein kann. Das wissen wir, weil wir sie in unseren feministischen Gruppen jeden Tag, in unserem Alltag jeden Tag verhandeln m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wir packen das nicht alleine.<\/p>\n<p>Wir wollen aber auch nicht darum bitten, wir wollen euch Feminismus nicht schmackhaft machen oder alles erkl\u00e4ren. Die Ressourcen habt ihr selbst, Generationen an Profeministischen M\u00e4nner-Antifagruppen haben vor euch schon zu dem Thema gearbeitet,das Internet ist voller Texte und Dokumente. Alle Gruppen, in denen M\u00e4nner aktiv sind, m\u00fcssen zu Antisexismus und M\u00e4nnlichkeitskritik arbeiten. Antisexismus muss von dort aus in die Gesellschaft hineingetragen und eingefordert werden. Solange die Auseinandersetzung mit M\u00e4nnlichkeit isoliert von feministischen K\u00e4mpfen und der Frage nach der konkreten Rolle von M\u00e4nnern darin stattfindet, bleibt sie etwas, das M\u00e4nner mit zweifelhaften Motiven tun und lassen k\u00f6nnen, wie es ihnen beliebt.<\/p>\n<p>Auseinandersetzung mit Sexismus, in eigenen Strukturen und in der Gesellschaft ist ein Mindestma\u00df an Anforderung, was wir an euch, an die m\u00e4nnlichen Genossen, die hier zuh\u00f6ren, stellen. Nur wenn ihr selbst aktiv werdet, einschreitet, diskutiert, euch selbst als profeministisch bezeichnet und auf dieses Ideal hinarbeitet, k\u00f6nnen wir auf unsere gemeinsame Vorstellung von Gesellschaft, auf unsere Utopie, auf unser herrschaftsfreies Zusammenleben hinarbeiten, Seite an Seite.<\/p>\n<div class=\"nZSzR\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/fantifa_leipzig\/\"><strong>fantifa_leipzig<\/strong><\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Notwendigkeit antisexistischer Arbeit Montag, 07:00 Uhr Der Wecker klingelt, Blick aufs Handy. In der Freundinnen-Chat-Gruppe hat eine nachts Links gepostet und schreibt dazu: he schaut mal, schon wieder ein \u00dcbergriff, dieses Mal in dem Hausprojekt in Erfurt. 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