{"id":2154,"date":"2018-12-19T15:27:41","date_gmt":"2018-12-19T13:27:41","guid":{"rendered":"https:\/\/fckp3.dontexist.net\/blogs\/wordpress\/rassismus-toetet\/wordpress\/?p=2154"},"modified":"2018-12-19T15:29:50","modified_gmt":"2018-12-19T13:29:50","slug":"redebeitraege-vom-4-11-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/redebeitraege-vom-4-11-2018\/","title":{"rendered":"Redebeitr\u00e4ge vom 4.11.2018"},"content":{"rendered":"<p>Wir dokumentieren hier die Redebeitr\u00e4ge von der Demonstration &#8222;<a href=\"https:\/\/fckp3.dontexist.net\/blogs\/wordpress\/rassismus-toetet\/wordpress\/index.php\/demonstration-wer-schweigt-stimmt-zu-den-rassistischen-konsens-durchbrechen\/\">Wer schweigt, stimmt zu &#8211; Den rassistischen Konsens durchbrechen!<\/a>&#8220;<\/p>\n<p>Wir sind die antifaschistische <a href=\"http:\/\/gruppeantithese.blogsport.de\/\">Gruppe Antithese<\/a> aus Erlangen. Wir gr\u00fc\u00dfen alle TeilnehmerInnen der Demonstration und erkl\u00e4ren uns solidarisch mit ihrem Anliegen.<\/p>\n<p>Ein Teil unserer politischen Aktivit\u00e4ten umfasst die Gedenkarbeit zu dem antisemitischen Attentat an Shlomo Lewin und Frida Poeschke in Erlangen im Jahr 1980. Wir m\u00f6chten mit diesem Redebeitrag zum einen wieder \u00fcberregional auf den antisemitischen Doppelmord aufmerksam machen und zum anderen erste Ergebnisse unserer theoretischen Besch\u00e4ftigung mit solidarischem, kritischem Gedenken vorstellen. Ein zentraler Aspekt unserer Konzeption von Gedenken besteht in der Reflexivit\u00e4t der eigenen Praxis. Wir haben deshalb ein Thesenpapier ausgearbeitet, das wir euch und damit der gemeinsamen Diskussion zug\u00e4nglich machen m\u00f6chten. Die Frage, wieso wir als Gruppe, die zu einem antisemitischen Attentat arbeitet, nun auf einer Demo zu rassistischer Gewalt sprechen, ist schnell beantwortet. Rassismus, der im Fokus dieser Demo steht, und Antisemitismus m\u00fcssen nicht nur theorethisch so zusammengedacht werden, wie sie real im Verh\u00e4ltnis stehen. Bereits die gewaltsam erzwungene Eigenschaft der Betroffenen, Opfer von nazistischen Angriffen geworden zu sein, erfordert eine gemeinsame \u00fcbergreifende Thematisierung ihrer Tode. Wir m\u00fcssen solidarisch gedenken und gemeinsam mit anderen Akteur_innen solidarisch eine kritische Gedenkpraxis organisieren.<\/p>\n<p>Nun einige Worte zum antisemitischen Attentat in Erlangen im Jahr 1980.<\/p>\n<p>Shlomo Lewin, Rabbiner und Verleger und Frida Poeschke, seine Lebensgef\u00e4hrtin, engagierten sich beide im Sinne des christlich-j\u00fcdischen Dialogs. Lewin hatte zudem die Gr\u00fcndung einer j\u00fcdischen Kultusgemeinde geplant und wollte damit einen zentralen Beitrag zur erneuten Etablierung \u00f6ffentlichen j\u00fcdischen Lebens in Erlangen nach dem zweiten Weltkrieg und der Shoah leisten. Am 19. Dezember 1980 werden Lewin und Poeschke abends in ihrem Haus mit mehreren Pistolensch\u00fcssen get\u00f6tet. Damit wurde vorerst auch die geplante Gr\u00fcndung der j\u00fcdischen Gemeinde verhindert. Unmittelbar nach der Tat wurde wesentlich im Umfeld der Opfer ermittelt.<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf der Ermittlungen stie\u00dfen die Beh\u00f6rden auf den sp\u00e4teren Tatverd\u00e4chtigen Uwe Behrendt. Zun\u00e4chst wurde von beh\u00f6rdlicher Seite davon ausgegangen, dass Behrendt allein handelte. Vieles spricht jedoch damals wie heute daf\u00fcr, dass es weitere Unterst\u00fctzer_innen bei der Tat gegeben haben muss. Sicher ist, dass Behrendt f\u00fchrendes Mitglied in der \u201eWehrsportgruppe Hoffmann\u201c war, einer neonazistischen Terrororganisation, aus deren Reihen auch der Oktoberfestattent\u00e4ter Gundolf K\u00f6hler stammte. Behrendt konnte der beh\u00f6rdlichen Verfolgung durch eine Flucht in den Libanon entgehen, wo er sp\u00e4ter Selbstmord begangen haben soll. Die Anklage im Mordfall gegen den Gr\u00fcnder und Anf\u00fchrer der \u201eWehrsportgruppe Hoffmann\u201c Karl-Heinz Hoffmann und seine Lebensgef\u00e4hrtin Franziska Birkmann, deren Brille am Tatort gefunden wurde, wurde trotz vorhandener Indizien fallen gelassen. Bis heute wird von staatlicher Seite die These aufrecht erhalten, dass Behrendt allein gehandelt hat.<\/p>\n<p>Ende 2016 fassten wir als Gruppe den Entschluss unsere Gedenkarbeit zu dem antisemitischen Doppelmord in Erlangen, die sich bisher auf eine j\u00e4hrliche Gedenkveranstaltung in der Erlanger Innenstadt beschr\u00e4nkt hatte, in ein langfristiges Dokumentations- und Bildungsprojekt m\u00fcnden zu lassen. Sp\u00e4testens als klar wurde, dass wir uns eingehender mit Gedenkpolitik auseinandersetzen wollen, standen wir vor der Notwendigkeit einer Selbstverst\u00e4ndigung dar\u00fcber, was f\u00fcr uns Gedenken bedeuten kann und soll. Erste Ergebnisse unseres Reflexionsprozesses wollen wir euch hier vorstellen.<\/p>\n<p>Ein Ausgangspunkt f\u00fcr unsere Auseinandersetzung war das Unbehagen an dem Gedanken, wir k\u00f6nnten die Ermordung Lewins und Poeschkes durch die Form der politischen Kundgebung instrumentalisieren. Was wir dagegen erreichen wollten, war ein kritisches Gedenken zu praktizieren. Die Unterscheidung des Gedenkens von der Trauer brachte uns einem Verst\u00e4ndnis davon, wie kritisches Gedenken aussehen k\u00f6nnte einen entscheidenden Schritt n\u00e4her. W\u00e4hrend Trauer die individuelle, psychische Verarbeitung eines Verlustes bezeichnet, meint der Begriff des Gedenkens eine \u00f6ffentliche Auseinandersetzung mit dem Verlust von Menschenleben, in deren Rahmen diesem Tod politische, historische und gesellschaftliche Bedeutung zugewiesen wird. Der Zweck von Gedenken liegt immer au\u00dferhalb der Personen, denen gedacht wird. Deshalb ist Gedenken immer Instrumentalisierung und im Gegensatz zu Trauer auf Legitimation angewiesen. Die Instrumentalisierung selbst kann deshalb nicht Ansatzpunkt der Kritik sein, sondern nur der konkret visierte Zweck des Gedenkens. Er kann illegitim oder legitim sein.<\/p>\n<p>Was aber ist legitimes Gedenken? Unserer Auffassung nach, ist der einzige legitime Zweck, den \u00f6ffentliches Gedenken verfolgen kann der, dass es sich selbst zuk\u00fcnftig \u00fcberfl\u00fcssig macht. Das bedeutet, dass sein Zweck sein muss, zu mahnen und zu verhindern, dass \u00e4hnliches noch einmal geschieht. Dazu geh\u00f6rt, den Tod der Personen, denen gedacht wird, als sinnlosen und vermeidbaren Tod \u2013 als Ungeheuerlichkeit \u2013 auszuweisen und die Bedingungen ihres Todes zu benennen. Es gilt also, herauszuarbeiten welche gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse und Bedingungen eine solche Tat erm\u00f6glicht und nicht verhindert haben und diese Verh\u00e4ltnisse zu kritisieren. Gerade in den herrschenden Formen des Gedenkens zeichnet sich der Charakter dieser gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse ab. Illegitimes, falsches Gedenken ist daran auszumachen, dass es die Bedingungen und Verh\u00e4ltnisse, die die Tat erm\u00f6glicht haben gerade nicht thematisiert oder aber so thematisiert, dass die Aufrechterhaltung eines positiven Selbstbildes nicht in Frage gestellt wird. Dieses positive Selbstbild ist zum Beispiel die nationale Erz\u00e4hlung von den wieder gut gewordenen Deutschen, die den Zivilisationsbruch Auschwitz weltmeisterlich aufgearbeitet und damit endlich \u00fcberwunden haben. Es ist zum Beispiel auch die Vorstellung, Rassismus existiere lediglich als individuelle Entscheidung und nicht als strukturelles Problem. Diese Selbstvergewisserungen und moralischen Absicherungen tragen zu nichts anderem bei, als der Verschleierung und so der Reproduktion der gewaltf\u00f6rmigen Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Kritisches Gedenken muss also immer auch Kritik des Gedenkens sein. Dabei scheint uns entscheidend, die eigene Praxis des Gedenkens nie von dieser Kritik auszunehmen. Kritisches Gedenken muss sich schon der Form nach gegen das falsche, illegitime Gedenken richten. Es kann nur als Selbstverunsicherung gedacht werden. Damit steht es in fundamentaler Opposition zu kollektiver Selbstvergewisserung auf jeglicher Ebene.<\/p>\n<p>Diese Konzeption m\u00f6chten wir in zweierlei Hinsicht auf unsere eigene Gedenkpraxis anwenden. Erstens wollen wir in Form einer relativ niedrigschwellig zug\u00e4nglichen Brosch\u00fcre, eines Internetauftritts und von Ausstellungen das Attentat und seine Bedeutung aus verschiedensten Perspektiven beleuchten.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt die Analyse und Kritik der historischen und aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus, sowie rechter Strukturen, also den konkreten T\u00e4terInnen und Unterst\u00fctzerInnen. Dar\u00fcber hinaus die Auseinandersetzung mit staatlichen Strukturen, deren Verstrickungen in die Tat und ihrer Rolle im Nachgang, sowohl was die Interpretation, als auch was die Aufkl\u00e4rung der Tat betrifft und mit offiziellem Gedenken, das der nationalen Selbstbest\u00e4tigung verpflichtet ist. Dementgegen m\u00f6chten wir eine kritische Deutung der Tat und ihrer Bedingungen setzen.<\/p>\n<p>Zweitens m\u00f6chten wir unsere \u00dcberlegungen im Sinne der Selbstverunsicherung zur Diskussion stellen und mit m\u00f6glichst vielen anderen Initiativen kritischen Gedenkens solidarisch diskutieren. Auf dem Flyer mit unseren Thesen findet ihr eine Kontaktm\u00f6glichkeit, um mit uns in den Austausch zu treten.<\/p>\n<p>Wenn es uns allerdings ernst ist mit dem reflexiven Gedenken, und somit dem Ansatz, dass es sich selbst \u00fcberfl\u00fcssig machen soll, darf sich politische Arbeit nicht auf diese Praxis allein beschr\u00e4nken. Sonst besteht die Gefahr, dass dieser bereits in einem moralischen Spannungsfeld stehende Akt zu einem Ritual in einer gewaltt\u00e4tigen Realit\u00e4t verkommt. Wir sollten auch die Anschl\u00e4ge und Morde der letzten Zeit, die eine rassistische Tatmotivation nahe legen, betrachten und zum Gegenstand des Mahnens und Gedenkens machen. Gleichzeitig k\u00f6nnen wir nicht beim Mahnen und Gedenken stehen bleiben, denn das alleine wird Neonazis und andere Rassist_innen und Antisemit_innen nicht vom Morden abhalten.<\/p>\n<p>Mit der Vervielfachung von Gewalttaten in den letzten Jahren m\u00fcssen wir auch konkret den deutschen T\u00e4terinnen entgegentreten, uns solidarisch mit den potentiell Betroffenen zeigen und der Verharmlosung und Relativierung solcher Taten durch Parteien, Medien und Polizei entgegenstellen. Der R\u00fcckhalt den die T\u00e4ter erfahren, muss gebrochen werden. Letzten Endes bedeutet all dies den Ideologien und realen Gebilden dieser gewaltvollen Gesellschaft eine Absage zu erteilen. Nur ein menschenw\u00fcrdiger Zustand kann die Notwendigkeit des Gedenkens aufheben.<\/p>\n<p>Kein Vergeben, kein Vergessen \u2013 nie wieder Deutschland!<\/p>\n<hr>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 19.12.1980 wurden der Verleger und Rabbiner Shlomo Lewin und seine Lebensgef\u00e4hrtin Frida Poeschke in ihrem Haus in Erlangen erschossen. Der mutma\u00dfliche T\u00e4ter Uwe Behrendt stammt aus dem inneren Kreis der in Ermreuth ans\u00e4ssigen Wehrsportgruppe (<span class=\"caps\">WSG<\/span>) Hoffmann, handelte den Ermittlungsbeh\u00f6rden zufolge als Einzelt\u00e4ter und soll im September 1981 in einem libanesischen paramilit\u00e4rischen Ausbildungslager Selbstmord begangen haben.<\/p>\n<p>Ein Fall der viele offene Fragen aufwirft, aber wenig in Erinnerung geblieben ist. Wir m\u00f6chten Geschichte, das antisemitische Gedankengut und die Taten der <span class=\"caps\">WSG<\/span>, das Leben und Handeln der beiden Mordopfer, das Agieren der Ermittlungsbeh\u00f6rden sowie die mediale Berichtserstattung zur <span class=\"caps\">WSG<\/span> und zum Doppelmord aufarbeiten. Als ersten Schritt haben wir das folgende Thesenpapier zu unserem Verst\u00e4ndnis von kritischem Gedenken erarbeitet. Wir m\u00f6chten unsere \u00dcberlegungen im Sinne der Selbstverunsicherung hier zur Disposition stellen und mit m\u00f6glichst vielen anderen Initiativen kritischen Gedenkens solidarisch diskutieren.<\/p>\n<p><strong>10 Thesen zu Gedenken als Kritik<\/strong><\/p>\n<p>1. Wir m\u00fcssen dar\u00fcber nachdenken, wie Shlomo Lewin und Frida Poeschke, die am 19.12.1980 in Erlangen von einem Antisemiten ermordet wurden, heute legitimerweise gedacht werden kann. Am Beginn dieser \u00dcberlegung steht die Unterscheidung von individueller Trauer und \u00f6ffentlichem Gedenken. Als individuelle Trauer verstehen wir die psychische Verarbeitung eines Verlustes, beispielsweise des Todes einer oder mehrerer Personen. Als \u00f6ffentliches Gedenken verstehen wir die \u00fcberindividuelle Auseinandersetzung, beispielsweise, aber nicht ausschlie\u00dflich, mit dem Tod einer oder mehrerer Personen, bei der Ereignissen jeweils gesellschaftliche, politische, historische Bedeutungen zugewiesen werden. Diese Form der Auseinandersetzung und insbesondere diese Zuweisung von Bedeutung verfolgt immer einen Zweck.<\/p>\n<p>2. Kollektives und \u00f6ffentliches Gedenken unterscheidet sich von der individuellen Trauer dadurch, dass es stets auch \u2013 bewusst oder unbewusst \u2013 Mittel f\u00fcr politische oder gesellschaftliche Zwecke, also solche, die au\u00dferhalb des eigentlichen Ereignisses und seiner individuellen Verarbeitung liegen, ist. Vor diesem Hintergrund m\u00fcssen wir davon ausgehen, dass jedes Gedenken als \u00f6ffentliche Auseinandersetzung mit spezifischer Zielsetzung den eigentlichen Vorfall und damit den Anlass zur individuellen Trauer instrumentalisiert, also zum Mittel macht. Im Gegensatz zur individuellen Trauer ist \u00f6ffentliches Gedenken somit auf Legitimation angewiesen und damit kritisierbar.<\/p>\n<p>3. Als entscheidender Faktor f\u00fcr die Bewertung einer bestimmten \u00f6ffentlichen Gedenkpraxis muss dann deren konkret visierter Zweck betrachtet werden. Das hei\u00dft: nicht die Instrumentalisierung an sich, sondern nur ihr Zweck kann Ansatzpunkt der Kritik sein. Daraus ergibt sich, dass es normativ unterscheidbare Formen des Gedenkens geben muss, also legitimes und illegitimes Gedenken. Es schlie\u00dft sich notwendig die Frage danach an, was illegitimes Gedenken ist. Sofern bestehende und verbreitete Formen des Gedenkens sich als illegitim erweisen, ist weiter zu fragen, wieso diese existieren und wie sie vorherrschend werden. Gleichzeitig steht zur Diskussion, woran legitimes Gedenken orientiert und wie es gestaltet werden kann.<\/p>\n<p>4. Der Mord ist die letzte Konsequenz der Negation des Individuums. Angelegt ist diese Negation bereits in der Ideologie. Noch vor der M\u00f6glichkeit, \u00fcber die Freiheit des Individuums \u00fcberhaupt zu sprechen, steht dessen unver\u00e4u\u00dferliches Recht darauf, dass sein Leben von niemandem zu nehmen ist \u2013 es geht allem Politischen voraus. Einzig legitimer Zweck \u00f6ffentlichen Gedenkens \u2013 also der Instrumentalisierung \u2013 kann nur sein, zu verhindern, dass \u00e4hnliches noch einmal geschieht. Dazu geh\u00f6rt, den Tod der Personen, denen gedacht wird, als sinnlosen und vermeidbaren Tod \u2013 als Ungeheuerlichkeit \u2013 auszuweisen und die Bedingungen ihres Todes zu benennen. Folglich kann nur Gedenken, das sich diesen Zweck setzt, also die historischen und aktuellen Bedingungen einer solchen Tat kritisiert und sich die Verhinderung einer Wiederholung zur Aufgabe macht, legitimes Gedenken sein. Es ist solidarisch mit den Opfern und kritisch gegen\u00fcber den Verh\u00e4ltnissen, die sie in den Stand des Opferseins versetzt haben.<\/p>\n<p>5. Als illegitime \u2013 weil unkritische \u2013 Formen des Gedenkens, w\u00e4ren in Konsequenz solche zu bestimmen, deren Zweck die Verleugnung der Bedingungen der Tat oder ihres Fortbestehens, die eigene Entlastung, oder die Verf\u00e4lschung des Geschehenen notwendig bedingt. Verleugnung der Ursachen und ihres Fortbestehens, Verweigerung der Selbstreflexion und Revision der Geschichte tragen durch Verschleierung zur Reproduktion der Bedingungen der Tat bei und erm\u00f6glichen so die Wiederholung des Geschehenen. \u00d6ffentliches Gedenken in diesem Sinne kann der Wiederholung etwas entgegensetzen wollen, ist aber nicht in der Lage dazu. Das hei\u00dft, dass das bewusst formulierte Ziel des Gedenkens zwar sein kann, eine \u00e4hnliche Tat um jeden Preis zu verhindern, dass aber dennoch einerseits die Bedingungen nicht erkannt oder nicht angemessen kritisiert werden k\u00f6nnen, und\/oder dass sich andererseits, unabh\u00e4ngig vom Bewusstsein der Gedenkenden, ein ganz anderer Zweck verwirklicht.<\/p>\n<p>6. Es schlie\u00dft sich notwendig die Frage an, wieso es illegitimes Gedenken gibt und wieso es sich gesellschaftlich durchsetzen kann. Gedenken ist umk\u00e4mpft, weil Interpretationen umk\u00e4mpft sind. Wie gedacht wird, h\u00e4ngt davon ab, wie eine Tat interpretiert wird, also mit welcher gesellschaftlichen, historischen und politischen Bedeutung sie in Verbindung gebracht wird. Auch der Zweck des Gedenkens, also warum gedacht wird, kann von dieser Interpretation abh\u00e4ngig sein. Allerdings geht der Zweck des Gedenkens (oder gerade des Nicht-Gedenkens) der Interpretation der Tat voraus und und beeinflusst ihre inhaltliche Auspr\u00e4gung. Das k\u00f6nnte bedeuten, dass Ereignisse aus politisch-strategischen Gr\u00fcnden bewusst falsch interpretiert, oder entscheidende Aspekte dethematisiert, zugespitzt oder verleugnet werden. Allerdings scheint es nicht hinreichend, solcherlei bewusst strategischen Umgang mit Gedenken grunds\u00e4tzlich zu unterstellen.<\/p>\n<p>Zumal eine umfassende G\u00fcltigkeit dieser Unterstellung angesichts der umseitigen Bekundung guten Willens bei den meisten \u00f6ffentlichen Gedenken und der anteiligen Aufnahme kritischer Elemente in das Gedenken nicht wirklich plausibel erscheint. Um die Praxis des \u00f6ffentlichen Gedenkens in ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit und die M\u00f6glichkeit der Durchsetzung des falschen Gedenkens auch gegen den guten Willen der Einzelnen genauer verstehen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen also sozialpsychologische \u00dcberlegungen miteinbezogen werden. Wenn eine Bem\u00fchung um Einsicht in die Bedingungen der Tat, also ihre vernunftgeleitete Interpretation, dazu f\u00fchren w\u00fcrde, dass ein positives individuelles oder kollektives Selbstbild, oder gar ganze Charakterstrukturen, nicht l\u00e4nger aufrecht erhalten werden k\u00f6nnen, diese Aufrechterhaltung allerdings psychisch notwendig ist und deshalb in der Interaktion mit der Au\u00dfenwelt angestrebt wird, dann muss schon die vernunftgeleitete Interpretation selbst abgewehrt werden. Einzusehen, dass es eine antisemitische Gesellschaft ist, die antisemitische Morde erm\u00f6glicht, w\u00fcrde die Kritik des Kollektivs, das wesentlich f\u00fcr die eigene narzisstische Zufuhr sorgt, notwendig machen. Dass sich von dieser Gesellschaft die Einzelnen nicht ausnehmen k\u00f6nnen, w\u00fcrde Selbstreflexion notwendig machen.<\/p>\n<p>7. Besonders deutlich l\u00e4sst sich was bisher \u00fcber das falsche Gedenken gesagt wurde an Formen des offiziellen, beziehungsweise des nationalen Gedenkens nachvollziehen, da deren Zweck immer die Legitimierung des eigenen Kollektivs und der eigenen Institutionen, also kollektive Selbstvergewisserung sein muss. Die Aufrechterhaltung dieses legitimen Bildes des Kollektivs ist nicht nur den Institutionen und ihren Repr\u00e4sentantInnen, sondern auch die einzelnen Subjekten ein Anliegen. Dieses Anliegen kann sowohl bewusst, als auch unbewusst im zuvor beschriebenen Sinne sein. Institutionelle und individuelle Praxis st\u00fctzen sich gegenseitig. Der verfolgte Zweck, die Erhaltung des positiven kollektiven Selbstbildes, die \u00fcber die sozialpsychologische und die legitimatorische Ebene hinaus auch \u00f6konomische Vorteile hat, kann mit dem legitimen Ziel des \u201eNie wieder!\u201c in Konflikt geraten. Beispielsweise, wenn gerade die Benennung der Bedingungen der Tat oder ihres Fortbestehens \u2013 das Fortleben antisemitischen Potentials in der Gesellschaft und ihren Subjekten \u2013 der kollektiven Selbstvergewisserung entgegenstehen. Besonders in Deutschland bedeutet dies, dass zum offiziellen, beziehungsweise nationalen Gedenken auch die Abgrenzung von der als schmerzhaft empfundenen nazistischen Vergangenheit und so die Performance einer kollektiven L\u00e4uterung geh\u00f6rt. So wird die Interpretation jedes neonazistischen Mordes von dieser Abgrenzung und der kollektiven Selbstvergewisserung bestimmt.<\/p>\n<p>8. Unter Ber\u00fccksichtigung der Ursachen und Folgen falscher Formen des Gedenkens muss der Inhalt oder der Modus kritischen Gedenkens dann sein: a) das Erkennen der Bedingungen des Vorfalls, sowie der Bedingungen der Interpretation des Vorfalls b) die Kritik dieser Bedingungen und aller Praxis die sie reproduziert c) die politische Arbeit (Bildungsarbeit, Intervention in \u00f6ffentliche Gedenkpraxis, \u00d6ffentlichkeitsarbeit) gegen sie.<\/p>\n<p>9. Konkret bedeutet dies f\u00fcr unser Anliegen, also f\u00fcr ein kritisches Gedenken an die antisemitische Ermordung von Frida Poeschke und Shlomo Lewin, (1) die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, verstanden als Analyse und Kritik seiner historischen und aktuellen Erscheinungsformen. (2) Weiterhin die Auseinandersetzung mit rechten Strukturen, also den konkreten T\u00e4terInnen und Unterst\u00fctzerInnen. (3) Sowie mit staatlichen Strukturen, deren Verstrickungen in die Tat und ihrer Rolle im Nachgang, sowohl was die Interpretation, als auch was die Aufkl\u00e4rung der Tat betrifft; mit offiziellem Gedenken, das der nationalen Selbstbest\u00e4tigung verpflichtet ist. (4) Es bedeutet auch die Dokumentation und die eigene politische, historische, sowie gesellschaftliche Deutung der Tat und ihrer Bedingungen. Gerade weil die Interpretation solcher Taten umk\u00e4mpft ist, erscheint sie uns als m\u00f6glicher Ansatzpunkt f\u00fcr die politische Praxis. Kritisches Gedenken, wie wir es bis hierhin ausgef\u00fchrt haben, bedeutet jedoch nicht zuletzt (5) die kollektive Selbstverunsicherung. Unter dieser Voraussetzung muss auch unser Versuch, dem formulierten kritischen Anspruch an das Gedenken gerecht zu werden, wiederum kritisch gelesen werden und f\u00fcr Weiterentwicklungen und Widerspruch offen bleiben.<\/p>\n<p>10. Individuelle Trauer will das verlorene Objekt \u00fcberwinden, die gerissene Wunde schlie\u00dfen. Kollektive Selbstvergewisserung durch falsches Gedenken muss an den Strukturen vorbeisehen, die die Bedingung des Geschehenen sind und h\u00e4lt somit an ihnen fest. Auch sie will das Verlorene \u2013 als Objekt \u2013 \u00fcberwinden, allerdings zu unrecht. Sie verweigert auch die narzisstische Kr\u00e4nkung, die eine Einsicht in die eigene Verstricktheit erm\u00f6glichen und bedeuten w\u00fcrde. Kritisches Gedenken im Sinne der kollektiven Selbstverunsicherung muss gerade an dem Verlorenen festhalten, am Objekt festhalten, nicht nur als Personen sondern insbesondere als Opfer im Stande ihres Opferseins und sich mit ihnen solidarisch zeigen. Es muss sowohl die Strukturen in den Blick nehmen, die das Geschehene erm\u00f6glicht haben, als auch die selbstreflexive Einsicht in die eigene Verstricktheit in die Verh\u00e4ltnisse zu seiner Aufgabe machen.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse unserer Arbeit wollen wir in Form einer relativ niedrigschwellig zug\u00e4nglichen Brosch\u00fcre, eines Internetauftritts und von Ausstellungen zug\u00e4nglich machen.<\/p>\n<p>Kontakt: ini-kritischesgedenken@riseup.net<\/p>\n<p>Initiative f\u00fcr kritisches Gedenken Erlangen \u2013 Projektgruppe zur Aufarbeitung des antisemitischen Attentats an Shlomo Lewin und Frida Poeschke 1980<\/p>\n<hr>\n<p>weitere Redebeitr\u00e4ge folgen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir dokumentieren hier die Redebeitr\u00e4ge von der Demonstration &#8222;Wer schweigt, stimmt zu &#8211; Den rassistischen Konsens durchbrechen!&#8220; Wir sind die antifaschistische Gruppe Antithese aus Erlangen. 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