{"id":2057,"date":"2017-11-29T15:17:17","date_gmt":"2017-11-29T13:17:17","guid":{"rendered":"https:\/\/fckp3.dontexist.net\/blogs\/wordpress\/rassismus-toetet\/wordpress\/?p=2057"},"modified":"2018-10-15T14:10:16","modified_gmt":"2018-10-15T12:10:16","slug":"weiterer-beitrag-der-leipziger-rede-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/weiterer-beitrag-der-leipziger-rede-2017\/","title":{"rendered":"Weiterer Beitrag der Leipziger Rede 2017"},"content":{"rendered":"<p>Wir dokumentieren hier einen weiteren Beitrag der &#8222;<a href=\"http:\/\/initiativkreis.blogsport.de\/2017\/10\/11\/leipziger-rede-2017\/\">Leipziger Rede 2017<\/a>&#8222;:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Mein Name ist \u2026 und das Problem hei\u00dft Rassismus.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich befinde mich im Regionalzug auf dem Weg zur\u00fcck von der Arbeit. An der n\u00e4chsten Haltestelle steigen zwei halbstarke, wei\u00dfe junge M\u00e4nner ein. Bierfalsche in der Hand, \u201eAusl\u00e4nder h\u00e4ngen\u201c Spruch auf dem T-Shirt. Sie schauen sich um und setzen sich ganz gezielt neben mich. Sie h\u00f6ren mich eine halbe Stunde lang im muttersprachlichem Deutsch telefonieren. Ich setze mich nicht weg. Niemals. Ich kenne diese Situation, ich wei\u00df was kommt. Schon bald beginnt einer der beiden mich zu provozieren. Immer wieder ruft er \u201eOld Shatterhand\u201c. Ich habe Karl May nie gelesen. Dann folgen vermeintliche \u201aIndianerlaute\u2019 und weiteres. Das geht 30 Minuten. Der Zug ist voll, alle bekommen das mit. Und dann stehe ich auf\u2026 bevor ich einen Konflikt eingehe den an dieser Stelle nicht gewinnen kann stehe ich auf und gehe.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wisst ihr, dass diese Situation ein absoluter Klassiker im Alltag von den meisten schwarzen Menschen in Leipzig ist? So oft und so allt\u00e4glich.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Jedes Mal frage ich mich: Wann h\u00f6rt das endlich auf?<\/strong><br \/>\n<strong> Falsch. Das ist die falsche Frage. Ich finde: Die richtige oder wichtigere Frage f\u00fcr all jene die grundlegend etwas am Rassismus in Leipzig ver\u00e4ndern m\u00f6chten lautet: Wie hat Rassismus angefangen? Wo kommt Rassismus her?<\/strong><br \/>\n<strong> F\u00fcr mich sind physische und psychische \u00dcbergriffe absolut anstrengend aber nur ein Endprodukt von gesellschaftlichen Strukturen.<\/strong><br \/>\n<strong> Deswegen erz\u00e4hle ich die Geschichte jetzt nochmal von vorne.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mein Name ist \u2026 und das Problem hei\u00dft Rassismus.<\/strong><br \/>\n<strong> Ich bin in ca. 4000 Metern H\u00f6he geboren, in den bolivianischen Anden. Ich bin adoptiert. Man sieht es. Meine Eltern sind wei\u00df, mein Bruder und ich sind braun.<\/strong><br \/>\n<strong> Meine Eltern mussten sich zwischen einem Kind aus Indien und Bolivien entscheiden. Damals. Weil die Adoptionsagentur begr\u00fcndete, dass Kinder aus verschiedenen L\u00e4ndern sich nicht gut vertragen. Sie entschieden sich f\u00fcr Bolivien, weil ihnen die Spanische Sprache vertrauter war. \u201eDas passt einfach besser zu uns.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Moment kam. Sie weinten vor Gl\u00fcck als sie mich im Arm hielten. Ich weinte wahrscheinlich aus Trauer und Angst. Seit einiger Zeit wei\u00df ich, dass der europ\u00e4ische Kolonialismus die indigenen Inka in Bolivien ausgebeutet und nahezu ausgel\u00f6scht hat. Meine leibliche Mutter, sowie alle indigenen Menschen in S\u00fcdamerika, tragen noch heute die Konsequenzen daf\u00fcr. Sie leben in bitterer Armut und einer instabilen Gesellschaft. Der bolivianische Anwalt riet damals meinen Eltern sich als wei\u00dfe Menschen nicht ohne bolivianische Begleitung mit uns zu zeigen. Wenn Europ\u00e4er nach Bolivien kommen um Kinder mitzunehmen st\u00f6\u00dft das auf Unmut. Meine leibliche Mutter hatte, anders als meine deutschen Eltern, eigentlich keine Wahl. Sie musste meinen wei\u00dfen Eltern vertrauen, dass es mir in Deutschland bessergehen wird. Irgendwie sagt mir mein Gef\u00fchl, dass das nicht okay war. War das Rassismus?<\/strong><\/p>\n<p><strong>In dem Gymnasium in dem ich zu Schule ging wurden mehrmals im Jahr f\u00fcr Bolivien Spenden gesammelt. Ich hatte dabei immer ein ganz komisches Gef\u00fchl. Ist das eine Reparationszahlung? Oder ist das die Fortsetzung einer uraltbegr\u00fcndeten Abh\u00e4ngigkeitsbeziehung? Ich frage mich was die vielen wei\u00dfen Abiturientinnen die ich in Bolivien kennengelernt habe denken, wenn sie f\u00fcr sechs Monate drogenabh\u00e4ngigen, verwaisten Kindern betreuen. F\u00fchlen sie sich wie Old Shatterhand?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Problem hei\u00dft Rassismus.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rassismus war f\u00fcr meine Eltern nie ein Thema aber sie f\u00fcrchteten sich vor dem anders sein. Sie f\u00fcrchteten sich davor, was passiert, wenn rauskommt, dass mein Bruder und ich anders aussehen, anders sind. Deswegen haben sie, wie so viele andere Eltern, die Erziehungsstrategie gew\u00e4hlt die mich definitiv und f\u00fcr immer vor dieser Realit\u00e4t sch\u00fctzen sollte: Nicht-auffallen. Sie haben mich damit zum \u201eschweigen\u201c und zum unsichtbar sein erzogen. Das konnte ich wirklich gut.<\/strong><br \/>\n<strong> Das ging so weit, dass fremde Menschen meine langen glatten schwarzen Haare und meine braune Haut schon als Kind anfassten obwohl es mich st\u00f6rte.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das ging so weit, dass ich mich eines Tages als Pocahontas verkleiden wollte. Zum Karneval. Alle nannten mich so, also wieso sollte ich nicht einfach mal ein Karnevalskost\u00fcm anziehen, dass mir wirklich gutsteht, anstatt immer nur Prinzessin. Mit den Worten \u201eDann verarschst du dich doch selber\u201c, wurde es mir von meinen Eltern verboten. Ich hab es nicht verstanden, denn ich war 10 Jahre alt. Erst sp\u00e4ter im Gymnasium habe ich dann verstanden, dass es total daneben ist, wenn mich Mitsch\u00fclerinnen permanent mit einer verkl\u00e4rten Zeichentrickrolle vergleichen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das ging so weit, dass mein Bruder und ich, 23-j\u00e4hrig, schwiegen als ein Freund unserer Eltern meinte, dass in der Nationalelf keine erkennbaren Deutschen mehr mitspielen und auf Boateng verwies.<\/strong><br \/>\n<strong> Das ging so weit, dass meine Mutter noch heute immer wieder daran zweifelt ob ich europ\u00e4isch genug bin.<\/strong><br \/>\n<strong> Erzogen und sozialisiert wurde ich dazu zu denken, dass ich wei\u00df bin.<\/strong><br \/>\n<strong> Erzogen und sozialisiert wurde ich jedoch dazu zu wissen, dass ich nicht wei\u00df bin.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Problem hei\u00dft Rassismus.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rassismus ist nicht dasselbe wie Ausl\u00e4nderfeindlichkeit. Ich bin nicht ausl\u00e4ndisch und trotzdem werde ich anders behandelt. Rassismus hat eben oft und vor allen Dingen mit \u00e4u\u00dferlichen Merkmalen zu tun. Meine Eltern haben versucht mich und meinen Bruder so gut es geht europ\u00e4isch zu kleiden und zu stylen. Je weniger wir aufgefallen sind, desto beruhigter waren sie, desto stolzer. Desto mehr wollte ich diesem Ideal entsprechen. Die Pointe ist, dass ich und mein Bruder immer aufgefallen sind. Mal gerade weil wir so herrlich europ\u00e4isch auftraten oder gerade weil wir dies nie sein konnten. Schon oft h\u00f6rten wir den Satz \u201eAlso f\u00fcr eine Bolivianerin bist du wirklich h\u00fcbsch\u201c oder \u201eSO einen h\u00fcbschen Jungen aus Bolivien haben wir ja noch nie gesehen.\u201c Was sollen diese S\u00e4tze bedeuten? Diese S\u00e4tze bedeuten, dass obwohl ich nicht wei\u00df bin, bin ich \u00fcberraschend gut. Das ist Rassismus.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wiederum in anderen Situationen finden Menschen es ganz toll, dass ich anders aussehe und wahrscheinlich anders bin. Das f\u00e4ngt bei wei\u00dfen M\u00e4nnern an die eine \u201eSchw\u00e4che f\u00fcr Latinas\u201c haben und h\u00f6rt bei S\u00fcdamerika Touristen im Fairtrade Shop auf, die mir wortw\u00f6rtlich auflauern um mir zu sagen wie toll es ist, dass ich aus Bolivien komme und wann ich wieder zur\u00fcckgehe. Auch die Frage \u201ewoher kommst du?\u201c finden viele wei\u00dfe Menschen total spannend und deswegen total legitim. F\u00fcr mich macht diese Frage absolut keinen Sinn. Niemanden geht etwas an, dass ich adoptiert bin.<\/strong><\/p>\n<p><strong>An alle wei\u00dfen Menschen die es betrifft: Ich bin niemals eure Dekoration und niemals jemand an dem man seine paternalistischen Fantasien ausleben kann. Ich bin nicht Winnetou oder Pocahontas und ich brauche keinen Old Shatterhand. Niemals. Das Problem hei\u00dft Rassismus.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Also, woher kommt Rassismus? Rassismus ist der fortgef\u00fchrte Machtmissbrauch und die gef\u00fchlte sowie tats\u00e4chliche \u00dcberlegenheit \u00fcber mich, nur weil ich anders aussehe. Als die Spanier S\u00fcdamerika eroberten, f\u00fchlten sie sich kulturell \u00fcberlegen. Sie waren diejenigen, die die Macht hatten indigene Menschen zu unterdr\u00fccken. Wenn mich heute ein Nazi in den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln rassistisch beleidigt oder zuweilen k\u00f6rperlich bedroht dann versp\u00fcrt er ebenfalls Macht. Er wei\u00df, dass ihm nichts passiert. Die Macht ist aber auch auf Seiten wei\u00dfer Menschen die nicht eingreifen und zuschauen. Sie wissen auch, dass ihnen nichts passiert. Sie sind nicht das Ziel. Das ist Rassismus.<\/strong><\/p>\n<p><strong>In der Situation die ich zu Beginn geschildert habe, telefonierte ich mit meiner Mutter. Als die rassistischen Provokationen nach einer halben Stunde zu viel wurden, habe ich unter einem Vorwand das Gespr\u00e4ch mit ihr beendet. Als ich am Leipziger Hauptbahnhof ankam erz\u00e4hlte ich ihr warum ich so schnell aufgelegt hatte. Sie war traurig und ratlos, helfen konnte sie mir nicht. Wie schlimm muss das sein, wenn man seine Kinder selber nicht vor Rassismus sch\u00fctzen kann und ihnen auch nie beigebracht hat sich davor zu sch\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Meine Eltern sind nur ein ganz kleiner Teil von einer Gesellschaft die schweigend mitmacht und sich rassistischen und post-kolonialistischen Denkweisen f\u00fcgt. Und ich finde, keine wei\u00dfe Person hat das Recht meine Eltern daf\u00fcr zu verurteilen bevor er oder sie sich nicht selber in Frage gestellt hat. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass jeder seine eigenen M\u00f6glichkeiten pr\u00fcft Rassismus entgegen zu treten. Der erste Schritt dahin w\u00e4re offen zu sagen: Das Rassismus ein Problem ist.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir dokumentieren hier einen weiteren Beitrag der &#8222;Leipziger Rede 2017&#8222;: Mein Name ist \u2026 und das Problem hei\u00dft Rassismus. Ich befinde mich im Regionalzug auf dem Weg zur\u00fcck von der Arbeit. An der n\u00e4chsten Haltestelle steigen zwei halbstarke, wei\u00dfe junge M\u00e4nner ein. Bierfalsche in der Hand, \u201eAusl\u00e4nder h\u00e4ngen\u201c Spruch auf dem T-Shirt. Sie schauen sich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1787,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-2057","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2057","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2057"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2057\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2070,"href":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2057\/revisions\/2070"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1787"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2057"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2057"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2057"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}