{"id":1792,"date":"2015-10-26T12:14:56","date_gmt":"2015-10-26T10:14:56","guid":{"rendered":"https:\/\/fckp3.dontexist.net\/blogs\/wordpress\/rassismus-toetet\/wordpress\/?p=1792"},"modified":"2016-10-18T14:00:37","modified_gmt":"2016-10-18T12:00:37","slug":"redebeitrag-vom-24-10-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/redebeitrag-vom-24-10-2015\/","title":{"rendered":"Redebeitrag vom 24.10.2015: \u201cFlucht &#038; Vertreibung\u201d &#8211; Plakat am Neuen Rathaus in Leipzig"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201cFlucht &amp; Vertreibung\u201d &#8211; Plakat am Rathaus in Leipzig<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit dem 8. Oktober h\u00e4ngt \u2013 bisher recht unbeachtet, da auch unauff\u00e4llig \u2013 ein Fotobanner an der Fassade des Neuen Rathauses, dessen Thematisierung \u00fcberfl\u00fcssig scheint, da es wohl eh kaum wahrgenommen wird. Und dennoch erachten wir eine Auseinandersetzung als \u00fcberf\u00e4llig, eine Intervention als notwendig. Beim Betrachten der beiden, nebeneinander positionierten Bilder, sind Menschen im Bildzentrum, um sie herum zerst\u00f6rte Geb\u00e4ude erkennbar. Die Bilder sollen somit vergleichbar werden, gar gleiches darstellen. Und doch ist genau das Gegenteil der Fall. Das linke Bild zeigt Danzig im Jahre 1945, das rechte Koban\u00ea 2015. In einer Pressemitteilung des Leipziger Oberb\u00fcrgermeisters Burkhard Jung hei\u00dft es dazu: \u201cDie Motive aus Danzig und Kobane zeigen bedr\u00fcckende \u00c4hnlichkeit. Das Banner dokumentiert, was Flucht bedeutet: Not, Ausweglosigkeit, Heimatlosigkeit \u2013 unabh\u00e4ngig von Jahrhunderten und Kontinenten.\u201d Die Stadt Leipzig w\u00e4hlt somit einen moralisierenden Weg, um das Herz der deutschen Rassist_innen f\u00fcr Gefl\u00fcchtete zu erweichen. So behauptet Jung, dass \u201cunsere&#8230; Eltern und Gro\u00dfeltern am eigenen Leib erfahren mussten, was es hei\u00dft, die Heimat zu verlieren. So gut wie jede deutsche Familie hat auch Fluchterfahrung.\u201d Diesen Weg beschritten vor Jung bereits einige, so am 20. Juni, dem Gedenktag f\u00fcr die Opfer von Flucht und Vertreibung, auch der Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was seither geschah ist bekannt: T\u00e4glich greifen Deutsche Gefl\u00fcchtete und ihre Unterk\u00fcnfte an, ver\u00fcben Brandanschl\u00e4ge und Gewalttaten, mobilisieren zu Aufm\u00e4rschen und versuchen alles, um Asylsuchende nicht willkommen zu hei\u00dfen. Banner und Reden werden also nicht dazu beitragen, f\u00fcr Ursachen und Gr\u00fcnde von Flucht und Migration zu sensibilisieren, noch weniger werden sie Rassist_innen von ihrem Rassismus abbringen. Was das Banner am Neuen Rathaus sowie Gaucks Rede jedoch schaffen, ist eine Umdeutung von Geschichte. Danzig 1945 und Koban\u00ea 2015 werden durch den ausschlie\u00dflichen Fokus auf Flucht zu etwas Gleichem gemacht, ohne jedoch Ursachen und Gr\u00fcnde f\u00fcr die jeweilige Fluchtbewegung zu benennen. Diese emotionalisierende Gleichsetzung bringt Menschen, die wegen einer Notlage aus ihrem Herkunftsland fliehen m\u00fcssen, mit einem Personenkreis in Verbindung, der zumindest vor 1945 mehrheitlich die NS-Politik begeistert unterst\u00fctzte. Deutsche Zuschauer_innen, Profiteur_innen durch Arisierung und T\u00e4ter\/innen werden somit ihrer Verantwortung und bewussten Entscheidung, sich nicht gegen den Nationalsozialismus zu stellen, sondern ihn mitzutragen und zu bef\u00f6rdern, enthoben. Sie werden zu Opfern gemacht, Opfern der so genannten \u201cFlucht und Vertreibung der Deutschen\u201d.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im deutschen Sprachraum scheint ein Wissen um die Bezeichnung Flucht und Vertreibung zu bestehen. Der Terminus wird als Sammelbegriff f\u00fcr die angebliche Zwangsmigration der Deutschen im Zuge des Zweiten Weltkrieges verwendet. Gegenstand und Betroffene zugleich sind \u201edie Deutschen\u201c, die von Flucht und Vertreibung betroffen gewesen seien. Weiterhin l\u00e4sst die Bezeichnung den vermeintlichen Zeitpunkt von Flucht und Vertreibung der Deutschen mit dem Vormarsch der sowjetischen Armee \u2013 und damit 1944\/45 \u2013 beginnen. Jedoch br\u00f6ckelt diese Erz\u00e4hlung, wenn der Zusammenhang zwischen NS-Bev\u00f6lkerungspolitik, dem Zweiten Weltkrieg und der so genannten Vertreibung als eine urs\u00e4chliche Beziehung betrachtet wird. Demnach sind die Ursachen nicht am Ende, sondern zu Beginn des Zweiten Weltkrieges sowie der Bev\u00f6lkerungspolitik der Nazis zu suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jenes wird aber durch das Erz\u00e4hlen \u00fcber die blo\u00dfe Fluchterfahrung und die vermeintlichen Anstrengungen und Erfolge der Deutschen im Umgang mit so genannten Geflohenen oder Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg ausgelassen. Es ist eine Erz\u00e4hlung, die meint, dass eben nicht ein Gro\u00dfteil deutsche Bev\u00f6lkerung am Nationalsozialismus willig partizipierte, sondern eine NS-Elite den Staat f\u00fchrte und die Bev\u00f6lkerung, die von nichts gewusst haben will, unterjochte. Das Banner ist entsprechend ein Mittel, diese Perspektive weiter zu bef\u00f6rdern, eine Diskursverschiebung vorzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solchen visuellen Mitteln zur Durchsetzung der Opfer-T\u00e4ter-Umkehr darf kein Raum geboten werden. Daher sollte, sofern die Unterst\u00fctzung Gefl\u00fcchteter seitens der Stadt ernst gemeint ist, zuk\u00fcnftig das Geld an Asylsuchende und nicht in Banner gehen. Und jenes sollte schnellstm\u00f6glich entfernt und sinnvoller genutzt werden: So beispielsweise als Jute-Beutel. M\u00f6gliche Einnahmen k\u00f6nnen Projekten gegen Rassismus zu Gute kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und zu guter Letzt: Die Deutschen haben letztlich die Parole \u201cHeim ins Reich\u201d verwirklicht, nur etwas anders als gedacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cFlucht &amp; Vertreibung\u201d &#8211; Plakat am Rathaus in Leipzig Seit dem 8. Oktober h\u00e4ngt \u2013 bisher recht unbeachtet, da auch unauff\u00e4llig \u2013 ein Fotobanner an der Fassade des Neuen Rathauses, dessen Thematisierung \u00fcberfl\u00fcssig scheint, da es wohl eh kaum wahrgenommen wird. 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