{"id":1863,"date":"2016-05-09T22:25:37","date_gmt":"2016-05-09T20:25:37","guid":{"rendered":"https:\/\/fckp3.dontexist.net\/blogs\/wordpress\/rassismus-toetet\/wordpress\/?page_id=1863"},"modified":"2020-03-18T01:33:18","modified_gmt":"2020-03-17T23:33:18","slug":"rassismus-toetet","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.rassismus-toetet-leipzig.org\/index.php\/rassismus-toetet\/","title":{"rendered":"Rassismus t\u00f6tet!"},"content":{"rendered":"<p>Im August 2012 j\u00e4hrte sich das Pogrom von Rostock Lichtenhagen zum 20. Mal. Die Kampagne \u201cRASSISMUS T\u00d6TET!\u201d thematisiert die Pogrome Anfang der 90er Jahre sowie die deutsche Fl\u00fcchtlingspolitik und die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl im Jahr 1993. Anspruch und Ziel ist es Gegeninformation und Gegenmacht zum gesamtgesellschaftlichen Rassismus aufzubauen.<\/p>\n<p>Mehrere Gruppen fanden sich unter dem Label &#8222;Rassismus t\u00f6tet!&#8220; zusammen und beteiligten sich an <a href=\"http:\/\/rassismus-toetet.de\/\">der bundesweiten Kampagne<\/a>, die Anfang 2014 ohne Erkl\u00e4rung still ausgelaufen ist. Geblieben ist die Gruppe in Leipzig.<\/p>\n<p>Wir dokumentieren hier den Kampagnenaufruf, Selbstverst\u00e4ndnis und Zielsetzung von \u201cRASSISMUS T\u00d6TET!\u201d:<\/p>\n<hr>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Selbstverst\u00e4ndnis und Zielsetzung<\/h3>\n<p><strong>Ausrichtung der Kampagne<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>oberstes Anliegen der Kampagne ist das Gedenken an die rassistischen Pogrome und Anschl\u00e4ge Anfang der 90iger \u2013 gegen die Verdr\u00e4ngung \u2013 nicht nur am 10. oder 20. Jahrestag!<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>in diesem Zuge ist es uns wichtig, das gesellschaftliche und politische Klima in Deutschland der Tage und die Ursachen hierf\u00fcr klar herauszuarbeiten, um zu wissen, wie ein Pogrom aus der sog. Mitte heraus funktioniert.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Wir m\u00f6chten \u00fcber Rostock hinaus arbeiten, denn die Fanalwirkung von Rostock, die zur Ver\u00e4nderung des Grundgesetzes f\u00fchrte, bestimmt bis heute die deutsche Einwanderungspolitik und somit die deutsche Realit\u00e4t.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Wir stehen ganz klar auf der Seite der Opfer und sehen in der Vorgehensweise, den T\u00e4tern bzw. Rassist_innen erh\u00f6hte, mediale Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen eine pervertierte Aufarbeitung rassistischer Gewalt.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Nicht nur die 90er Jahre haben gezeigt, dass die Wechselwirkung zwischen rassistischer Gewalt und T\u00e4ter-Ikonisierung zu R\u00fcckkopplungseffekten f\u00fchrt. Dennoch wird heute im Zusammenhang mit neuen Erscheinungen des Rassismus und rassistischer Gewalt mit den selben Mitteln gearbeitet. Durch die hergestellte N\u00e4he zu den T\u00e4tern und ihrem rassistischen Gedankengut wird eine Identifizierung mit ihnen und ihren \u201eThesen\u201c geschaffen. Die Opfer hingegen werden aus dem \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnis verdr\u00e4ngt, sie und ihre Angeh\u00f6rigen erfahren nicht selten den rassistischen Zynismus der deutschen Gesellschaft. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Ideologie der T\u00e4ter findet nicht statt, zu Gunsten einer oberfl\u00e4chlichen und senationsheischenden Betrachtung und Wiedergabe der T\u00e4ter.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Wir stellen angesichts Sarrazin und NSU die Frage: wo steht die deutsche Gesellschaft und Politik 20 Jahre nach dem neuerlichen S\u00fcndenfall der Deutschen in alte Verhaltensmuster und \u201eL\u00f6sungsstrategien\u201c? Deutschland strebt nach neuer Macht, politisch verfolgte und vertriebene Fl\u00fcchtlinge werden gnadenlos abgeschoben, w\u00e4hrend im Inland die \u201eAusl\u00e4nder-raus!-Ideologie\u201c neue, seltsame Bl\u00fcten namens \u201eIntegrations\u201c- oder \u201eKopftuch-Debatte\u201c tr\u00e4gt.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Auf Grundlage dieser Pr\u00e4missen verfolgt die Kampagne folgende Ziele:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Aufarbeitung der Ereignisse in Hoyerswerda, Mannheim und Rostock und Eingang dessen als Pogrome benannt in das deutsche Geschichtsbewusstsein. Diese Pogrome stehen im engen Zusammenhang mit der Wiedervereinigung 89\/90.Dies wollen wir \u00fcber die Mitgestaltung des \u00f6ffentlichen Diskurses, also die \u00d6ffentlichkeitsarbeit erreichen.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Konfrontation der meist neonazistischen M\u00f6rder und der damaligen Verantwortlichen in der Politik mit ihren Handlungen in der Vergangenheit.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Aufdeckung der inoffiziellen Strukturen des B\u00fcndnisses zwischen Elite und Mob, wie sie vor allem in Rostock gegriffen haben.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Rehabilitierung und Gedenken der Opfer des deutschen Rassismus. Hierf\u00fcr steuern wir die bundesweite Vernetzung der lokalen Gedenkinitiativen f\u00fcr die Opfer an. Dies soll sowohl dem Austausch von Erfahrungen und Inhalten als auch der effektiven Mobilisierung zu Gedenkveranstaltungen und Demonstrationen dienen.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Widerstand gegen den strukturellen Rassismus organisieren. Ob Lagerunterbringung, Grenzregime oder Neubau von Abschiebekn\u00e4sten: Es gilt die K\u00e4mpfe um das Gedenken an die rassistischen Anschl\u00e4ge der 90er Jahre und die Kritik an der Abschaffung des Grundrechtes auf Asyl mit aktuellen antirassistischen K\u00e4mpfen zu verbinden.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Widerstand gegen den \u201eneuen\u201c Rassismus a la Sarrazin und anderer Rechtspopulist_innen. Sarrazin hetzt und die NSU mordet, beide eint ein Feindbild und ein Motiv: \u201eAusl\u00e4nder raus!\u201c. Deswegen: kein Podium f\u00fcr Rassisten! Blockieren, st\u00f6ren, verhindern, wo sie auftauchen und bejubelt werden.<br \/>\nZur Erreichung der Ziele pl\u00e4dieren wir f\u00fcr eine dezentrale Kampagne<\/li>\n<\/ul>\n<p>Im Juni 2013 j\u00e4hrte sich die Abschaffung des Grundrechtes auf Asyl zum 20. Mal. Wir sehen in den deutschen Abschottungsma\u00dfnahmen mit Gesetzen gesichertes Unrecht, dem nur \u00f6konomische, jedoch nicht humanistischer \u00dcberlegung zu Grunde liegt. Da der gezielt gesch\u00fcrte rassistische Konsens des Volksmobs, der Politik und der Medien den Handlungen voran ging, aus denen letztendlich die Gesetzes\u00e4nderung resultierte, liegt der enge Zusammenhang zwischen beiden Themenkomplexen \u2013 Rassismus und Asylrechtabschaffung \u2013 auf der Hand.<br \/>\nDas Gedenken an die Pogrome in Rostock und der 20. Jahrestag der Abschaffung des Grundrechtes auf Asyl im Sommer 2013 bilden darum den zeitlichen und aktionistischen Rahmen f\u00fcr die Kampagne.<\/p>\n<p><strong>Praxis:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Gedenken an rassistische Anschl\u00e4ge und Morde<\/strong><br \/>\nRostock war kein Einzelfall. \u00dcberall in den \u201ealten\u201c und \u201eneuen\u201c Bundesl\u00e4ndern ver\u00fcbten Rassist_innen Anschl\u00e4ge gegen Migrant_innen.<br \/>\nUm die Morde und Angriffe ins Ged\u00e4chtnis der \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung zu rufen, gilt es, die Erinnerung daran im \u00f6ffentlichen Raum sichtbar zu machen (mit Plakaten, Nachbarschafts-Flyern u.\u00e4.).<br \/>\nHierbei sollen vor allem die Opfer des Rassismus gew\u00fcrdigt und ihre Perspektive in den Mittelpunkt ger\u00fcckt werden.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Benennung der Akteur_innen und ihrer Verantwortung<\/strong><br \/>\nDie \u00fcberwiegende Mehrheit der damaligen, politisch Verantwortlichen, die die Hetzkampagne gegen Fl\u00fcchtlinge initiiert und die Zweidrittelmehrheit im Bundestag zur Abschaffung des grundgesetzlichen Rechts auf Asyl erzwungen haben, genie\u00dfen heute den \u201ewohlverdienten\u201c Ruhestand. Ebenso wie auch die rechten Drahtzieher der organisierten Angriffe auf das Leben von Migrant_innen weitgehend unbehelligt bleiben und teilweise ihr rassistisches Gedankengut weiter ausagieren k\u00f6nnen. Moralische Verantwortung jedoch verj\u00e4hrt nicht.&nbsp; Die inhaltliche, wie auch die praktisch vollzogene Offenlegung und klare Benennung der Verantwortlichen und ihrer Handlungen vor 20 Jahren soll der Gerechtigkeit wenigstens ansatzweise gen\u00fcge tun. In diesem Sinne gilt es aber auch, die Wirkmechanismen der medialen Propaganda und die diesbez\u00fcgliche Rolle der Medien als Mittlerin zwischen Politik und Volksmob klarzustellen und zu analysieren.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Bildungs- und Informationsarbeit<\/strong><br \/>\nDie Website und der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/user\/rassismustoetet\">Youtube-Channel der Kampagne \u201eRassismus t\u00f6tet!\u201c stellen<\/a> Filme zum Thema zur Verf\u00fcgung, die f\u00fcr selbstorganisierte Filmabende bzw. Filmreihen genutzt werden k\u00f6nnen. F\u00fcr Thema vertiefende Veranstaltungen wird Archivmaterial und ausgearbeitete Veranstaltungen (Zeitungsausschnitte, Zitate, Fotos) bereit gestellt.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Informationspool<\/strong><br \/>\nSolltet ihr \u00fcber brauchbares Text, Bild- oder Videomaterial zum Themenkomplex Asylgesetz\/Pogrom\/90er Jahre verf\u00fcgen, dann lasst es uns doch zukommen.Die Website der Kampagne soll im Laufe der Zeit sich zu einem thematischen Informationspool werden.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Mobilisierung zu zentralen Demonstrationen<\/strong><br \/>\nF\u00fcr die Mobilisierung zu Aktionen der Kampagne oder Aktionen, die von der Kampagne unterst\u00fctzt werden, stellt die Kampagne Veranstaltungen und Infomaterial zur Verf\u00fcgung.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>Lokale Intervention<\/strong><br \/>\nUm nicht in einer blo\u00dfen, aktionsorientierten und inhaltlichen Aufbereitung bundesdeutscher Geschichte zu verharren, ist es nur logisch, auch gegen aktuelle, \u00f6ffentliche Inszenierungen von Rassismus vorzugehen (Volksmob, rassistische Buchlesungen usw.)&nbsp;&nbsp;Die Aktionen, Veranstaltungen oder Publikationen werden auf der Kampagnen-Seite ver\u00f6ffentlicht. Damit wird auch Initiativen die M\u00f6glichkeit gegeben, mit ihren Veranstaltungen, Aktionen usw. eine breitere \u00d6ffentlichkeit zu erreichen, die nicht \u00fcber ein eigenes Publikationsmedium verf\u00fcgen oder sich nur als informeller Zusammenhang f\u00fcr eine Veranstaltung zusammengefunden haben. Gleichzeitig werden auf diese Weise auch der Austausch wertvoller Inhalte und Diskussionsergebnisse zu einer komplexen Auseinandersetzung zusammgef\u00fchrt.<br \/>\nJede Gruppe und Iniative, die sich mit dem Themenkomplex \u201ePogrom\/Asylgesetz\u00e4nderung\/rassistsiche Morde\/ staatllicher Rassismus\u201c befasst, wird auf Vielschichtigkeit und die zahlreichen Ans\u00e4tze abzuleitender Gesellschaftskritik sto\u00dfen. Um der Komplexit\u00e4t und Ernsthaftigkeit dieses Themas gerecht zu werden und vor allem tats\u00e4chlich relevante Kritik formulieren zu k\u00f6nnen, ist der Austausch erarbeiteter Inhalte von gro\u00dfer Bedeutung. Um auch die verschiedenen lokalen K\u00e4mpfe und Veranstaltungen \u00fcberregional in Verbindung mit einander zu setzen, schlagen wir die gemeinsame Verwendung des \u201eRassismus t\u00f6tet!\u201c-Logos vor. Das \u201eRassismus t\u00f6tet!\u201c-Logo ist frei verwendbar und kann von allen genutzt werden, die die oben formulierten Ziele teilen. \u201eRassismus t\u00f6tet!\u201c ist nicht blo\u00df das Logo einer Kampagne, sondern beh\u00e4lt auch seine G\u00fcltigkeit als Losung \u00fcber den zwanzigsten Jahrestag des Pogromjahres 1992 hinaus. Die Hetze des Staates, der allt\u00e4gliche Rassismus, mit dem Migrant_innen sich konfrontiert sehen, die Mordlust organisierter Neonazis und des rechtem Stra\u00dfenmob \u2013 all das ist in letzter Konsequenz t\u00f6dlich.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Insofern gilt auch heute: Rassismus t\u00f6tet!<\/p>\n<p>Kampagne \u201eRassismus t\u00f6tet!\u201c<br \/>\n(Juli 2012)<\/p>\n<hr>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201cRassimus t\u00f6tet!\u201d<\/strong><br \/>\n<strong> Durch: Pogrom \u2013 Asylgesetz \u2013 Geistige Brandstiftung&nbsp; \u2013 EU-Grenzregime!<\/strong><\/p>\n<p>Plattformaufruf der Kampagne \u201cRassismus t\u00f6tet!\u201d<br \/>\n&gt;1992 Pogrom von Rostock-Lichtenhagen.<br \/>\n&gt;1993 Abschaffung des Grundrechts auf Asyl.<br \/>\n&gt;Wir Vergessen nicht!<\/p>\n<p>Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen (22. \u2013 26. August 1992)<\/p>\n<p>August 1992: 400 Menschen, vor allem aus Rum\u00e4nien, kampieren vor der \u00fcberf\u00fcllten Zentralen Aufnahmestelle f\u00fcr Asylbewerber (ZaSt) im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen, geflohen und auf der Suche nach einem besseren Leben. Auf Grund mangelnder Unterk\u00fcnfte oder sanit\u00e4rer Anlagen mussten die Asylsuchenden unter freiem Himmel schlafen und dort auch ihre Notdurft verrichten.<\/p>\n<p>\u201eWenn wir weitere Unterk\u00fcnfte zur Verf\u00fcgung stellen, kommen noch mehr Asylsuchende. Das zeigt die Erfahrung.\u201c entgegnete der damalige Rostocker Innensenator Peter Magdanz auf die Bitte f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge endlich menschenw\u00fcrdige Lebensbedingungen zu schaffen. Fl\u00fcchtlingen und Migrant_innen die Hilfe zu verweigern, ja sogar alles in Bewegung zu setzen, damit diese sich auch ja nicht \u201evor der eigenen Haust\u00fcr\u201c niederlassen, war zu dieser Zeit Communsense \u2013 Deutschlandweit, in allen Schichten, in fast allen politischen Spektren.<\/p>\n<p>Da es eben keine deutschen \u201eVolksgenossen\u201c waren, die dort Not litten, sondern Roma, wurde ihnen nicht Hilfe, sondern der \u201edeutsche Volkszorn\u201c zu Teil. Bereits Anfang August zeichnete sich ab, dass organisierte Neonazis, in Tateinheit mit anderen Vollstreckern des \u201eVolkswillens\u201c, Angriffe auf die ZaSt und deren Insassen planen. Und so kam es letzten Endes. Nach mehrt\u00e4gigen Angriffen war es dem Mob gelungen die Fl\u00fcchtlinge aus dem Viertel zu jagen. Anschlie\u00dfend griffen Neonazis, rechte Jugendliche und \u201eanst\u00e4ndige Deutsche\u201c mit Steinen und Brands\u00e4tzen die nahegelegene Wohnunterkunft vietnamesischer DDR-Vertragsarbeiter_innen an \u2013 unter dem frenetischen Jubel von rund 2500 B\u00fcrger_innen. Statt Hilfe zu erhalten, wurden die 115 Vietnames_innen abgeschoben, ebenso die Fl\u00fcchtlinge aus Rum\u00e4nien.<\/p>\n<p>Der Rassismus der Stra\u00dfe kam der CDU\/CSU gelegen, hatte sie doch seit den 80er Jahren immer wieder Anstrengungen unternommen das bundesdeutsche Asylgesetz so zu ver\u00e4ndern, dass die M\u00f6glichkeit in Deutschland Asyl zu erhalten de facto verunm\u00f6glicht wird. Die Deutschen seien von der \u201eAsylflut\u201c \u00fcberfordert, eine \u00c4nderung des Asylgesetzes sei darum dringend notwendig. Andernfalls w\u00fcrde sich \u00c4hnliches wiederholen, so CDU und SPD. Die Pl\u00e4ne zur Gesetzes\u00e4nderung lagen bereits in der Schublade, eine Kampagne gegen Asylbewerber_innen war im vollen Gange und Lichtenhagen wurde zynischer Weise als letztes Argument f\u00fcr die Abschaffung des alten Asylrechtes herangezogen. Jene \u00c4nderung wurde im Juni 1993 letzten Endes vollzogen.<\/p>\n<p><strong>Rassistische Zust\u00e4nde<\/strong><\/p>\n<p>Rassismus ist ein sehr reales, allt\u00e4gliches Herrschaftsverh\u00e4ltnis, mit Hilfe dessen eine wei\u00dfe Mehrheitsgesellschaft eine Minderheit entlang rassifizierter oder ethnisierter Grenzen diskriminiert \u2013 kulturell, politisch und wirtschaftlich, sie dadurch an der Teilhabe an gesellschaftlichen Bereichen ausschlie\u00dft. Billiges Brot beim t\u00fcrkischen B\u00e4cker, billige polnische Putzfrauen \u2013 die wei\u00dfen Deutschen profitieren vom Rassismus. Zum anderen ist der Rassismus in Deutschland der Kitt der Leistungsgesellschaft: Um sich selber dadurch im allt\u00e4glichen Rennen, Rackern, Rasen des kapitalistischen Konkurrenzwettbewerbs als v\u00f6lkischer Blut-und-Boden-Bund \u00fcberlegen f\u00fchlen zu k\u00f6nnen, braucht der_die Rassist_in einen Nagel f\u00fcr sein Kreuz. Wenn er oder sie als Mehrheitsdeutsche_r schon keine Anerkennung als Arbeitskraftunternehmer_in findet, bringt der Rassismus vielleicht Abfuhr f\u00fcr den allt\u00e4glichen Frust. Und das am besten im Rahmen nationalistischer Hegemonialanspr\u00fcche. Deswegen geh\u00f6ren Nationalismus und Rassismus wie Pech und Schwefel zusammen.<\/p>\n<p>Die rassistischen, meist massenhaften, Angriffe auf nichtdeutsche Menschen und die Asylgesetzes\u00e4nderung 1993 k\u00f6nnen nicht losgel\u00f6st voneinander gesehen werden. Beide bedingen sich gegenseitig und sind Teil des rassistischen, deutschen Mehrheitskonsens. Und dieser hat Kontinuit\u00e4t. Ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit dokumentiert die Antirassistische Initiative Berlin seit 1993 die Folgen bundesdeutscher Fl\u00fcchtlingspolitik:<\/p>\n<p>15 Fl\u00fcchtlinge starben durch rassistische Angriffe auf der Stra\u00dfe, 67 bei Br\u00e4nden und Anschl\u00e4gen auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte. 175 Fl\u00fcchtlinge starben auf dem Weg in die BRD, davon 131 an den deutschen Ost-Grenzen, 154 Fl\u00fcchtlinge t\u00f6teten sich angesichts drohender Abschiebung oder auf der Flucht vor dieser, 858 versuchten sich umzubringen oder verletzten sich aus Angst oder Protest gegen ihre Abschiebung, 488 Fl\u00fcchtlinge wurden nach der Abschiebung in ihren Herkunftsl\u00e4ndern misshandelt und gefoltert oder starben an Krankheiten, 31 kamen um.<\/p>\n<p>Allein im vergangenen Jahr wurden 7.917 Menschen, die versuchten einzureisen, abgeschoben. Das \u201eAusl\u00e4nder raus!\u201c-Versprechen wurde von den deutschen Volksparteien sp\u00e4testens seit 1993 weitaus eloquenter und ger\u00e4uschloser umgesetzt als es Neonazis und Rechtspopulist_innen bisher zu leisten vermochten. So kam beispielsweise die Initiative f\u00fcr ein Minarettverbot, nach Schweizer Volkspartei-Vorbild, hierzulande als erstes von der CSU.<\/p>\n<p><strong>Das Gestern im Heute begreifen<\/strong><\/p>\n<p>Rostock war kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend f\u00fcr das rassistisch-nationalistische Gesellschaftsklima der 90er Jahre. Allein 1992 kam es fast zu 2000 Angriffen auf Asylbewerber_innen, viele davon auch auf deren Wohnunterk\u00fcnfte. M\u00f6lln, Solingen, L\u00fcbeck und Hamburg sind vielen Menschen in diesem Zusammenhang noch ein Begriff, jedoch sind die meisten dieser Ereignisse aus dem kollektiven Geschichtsbewu\u00dftsein verschwunden.<\/p>\n<p>Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Mannheim-Sch\u00f6nau nehmen in diesem Kontext eine Sonderrolle ein, da es nicht allein Neonazis waren, die sich anschickten nichtdeutsche Menschen zu lynchen, sondern weil es vor allem brave B\u00fcrger waren, die diese Exzesse aus Nationalismus und Gewalt erst zu v\u00f6lkischen \u201eMassenevents\u201c werden lie\u00dfen. Die Angriffe in Mannheim-Sch\u00f6nau sind auch ein Beleg daf\u00fcr, dass es eben nicht organisierter Neonazis bedarf um gegen Migrant_innen vorzugehen, sondern dass dies \u201edie normalen Deutschen\u201c auch allein bewerkstelligt bekommen. Diesen drei Ereignissen ist jedoch gemein, dass lokale Medien und politische Akteure es tunlichst vermeiden von einem Pogrom zu sprechen. Auch heute noch werden diese Ereignisse als \u201eAusschreitungen\u201c oder \u201eKrawalle\u201c euphemisiert. Gern wird deren Klassifizierung als rassistisch von offizieller Seite gemieden, maximal wird von \u201eFremdenfeindlichkeit\u201c gesprochen.<\/p>\n<p>\u201eIch teile diese Bezeichnung f\u00fcr die Ereignisse von 1991, sie als Pogrom zu bezeichnen, nicht\u201c, entgegnete Hoyerswerdas B\u00fcrgermeister Skora der Hoyerswerda-Gedenkinitiative \u201ePogrom91\u201c im vergangenen Jahr. Die Demo und ihr Anliegen, sei lediglich das Werk \u201eAuswertiger\u201c und \u201eExtremisten\u201c. Ehemalige Betroffene des Pogroms und Antifaschist_innen wurden 2011 erneut bedroht und die Gedenkarbeit von offizieller Seite verusucht zu unterbinden. \u201eMit dem Aufw\u00fchlen der alten Geschichten\u201c endlich aufzuh\u00f6ren, dass forderte auch Wolfgang Engelmann, der ehemalige B\u00fcrgermeister von M\u00f6lln, 15 Jahre nach dem bei einem Brandanschlag drei Mitglieder der Familie Arslan umkamen.<\/p>\n<p>Das \u201eschlechte Image\u201c loswerden war nicht nur zum 20. Jahrestag der Pogrome von Hoyerswerda oberste Handlungsmaxime der lokalen Politik, sie ist es auch in Rostock. Hier schickt sich eine Melange aus Stadt und lokalen Initiativen an, um das \u201eschlechte Image\u201c Lichtenhagens abzustreifen oder zumindest mit etwas mehr demokratischem Lack zu \u00fcberpinseln. Der Umgang mit der eigenen Geschichte wurde und wird hier als reine Standortfrage verhandelt.<\/p>\n<p>Und so geht auch heute der Lerneffekt gen Null. Noch immer werden die Geschehnisse nicht als das bezeichnet was sie waren \u2013 n\u00e4mlich ein Pogrom \u2013 noch immer werden Antifas verfolgt, weil sie das tun, was eigentlich die Demokraten machen m\u00fcssten: N\u00e4mlich Rassismus konsequent zu \u00e4chten. Und noch immer verwehrt Deutschland Hilfesuchenden die Einreise.<\/p>\n<p><strong>Erinnern hei\u00dft K\u00e4mpfen!<\/strong><\/p>\n<p>Der zwanzigste Jahrestag des Pogroms von Lichtenhagen wird medial fokussiert werden. Welches Gewicht die Folgen der Asylgesetz\u00e4nderung, die Situation von Fl\u00fcchtlingen und Migrant_innen oder die oft reaktion\u00e4re Aufarbeitungspolitik der Ereignisse in der Berichterstattung bekommt, k\u00f6nnen wir nicht ermessen.<\/p>\n<p>Mit der Kampagne \u201eRassismus t\u00f6tet!\u201c wollen wir diese Themen auf die politische Agenda setzen. Uns geht es aber auch darum die Frage aufzuwerfen: \u201eWo steht die Gesellschaft und die radikale Linke 20 Jahre nach Rostock? Was hat sich ge\u00e4ndert?\u201c. N\u00fctzlichkeitsrassismus und Sozialchauvinismus (\u201eSarrazin-Debatte\u201c) feiern gerade im Zuge der Krise fr\u00f6hliche Umst\u00e4nde. Die Debatte um die Transformation von Rassismus und dessen Nutzen im kapitalistischen Normalvollzug werden darum wichtiger Bestandteil der Kampagne sein.<\/p>\n<p>\u201eErinnern hei\u00dft K\u00e4mpfen!\u201c ist f\u00fcr uns darum keine blo\u00dfe Phrase, sondern Handlungsmaxime. Es geht darum bestehende antirassistische K\u00e4mpfe u.a. gegen Lagerunterbringung, Flughafenasylverfahren oder Residenzpflicht zu unterst\u00fctzen und mit dem Kampf um die Erinnerung an die Pogrome und die Gesetzes\u00e4nderung 1993 zu verbinden. Gleiches gilt f\u00fcr den Widerstand gegen die \u00f6ffentlichen Inszenierungen von Leistungsideologie und rassistischer Ausgrenzung. Den alten und neuen T\u00e4tern gilt unser Kampf, den Opfern der rassistischen Verh\u00e4ltnisse gilt unsere Empathie!<\/p>\n<p>Mit einem Land, in dem Menschen in Polizeizellen verbrennen, weil sie nicht wei\u00df sind, in dem Menschen von Rassist_innen totgeschlagen werden und deren Angeh\u00f6rige nur Hohn ernten, in einem Land, dass Fl\u00fcchtlinge an den europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen verrecken l\u00e4sst und ihnen das Leben hierzulande zur H\u00f6lle macht, werden wir keinen Frieden schlie\u00dfen!<\/p>\n<p><strong>Kein Mensch ist illegal!<\/strong><br \/>\n<strong> Gegen den rassistischen Konsens!<\/strong><br \/>\n<strong> Kein Frieden mit Staat, Kapital und Nation!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im August 2012 j\u00e4hrte sich das Pogrom von Rostock Lichtenhagen zum 20. Mal. 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