Rassismus tötet! Leipzig

Weiterer Beitrag der Leipziger Rede 2017

Wir dokumentieren hier einen weiteren Beitrag der „Leipziger Rede 2017„:

Mein Name ist … und das Problem heißt Rassismus.

Ich befinde mich Regionalzug auf dem Weg zurück von der Arbeit. An der nächsten Haltestelle steigen zwei halbstarke, weiße junge Männer ein. Bierfalsche in der Hand, „Ausländer hängen“ Spruch auf dem T-Shirt. Sie schauen sich um und setzen sich ganz gezielt neben mich. Sie hören mich eine halbe Stunde lang im muttersprachlichem Deutsch telefonieren. Ich setze mich nicht weg. Niemals. Ich kenne diese Situation, ich weiß was kommt. Schon bald beginnt einer der beiden mich zu provozieren. Immer wieder ruft er „Old Shatterhand“. Ich habe Karl May nie gelesen. Dann folgen vermeintliche ‚Indianerlaute’ und weiteres. Das geht 30 Minuten. Der Zug ist voll, alle bekommen das mit. Und dann stehe ich auf… bevor ich einen Konflikt eingehe den an dieser Stelle nicht gewinnen kann stehe ich auf und gehe.

Wisst ihr, dass diese Situation ein absoluter Klassiker im Alltag von den meisten schwarzen Menschen in Leipzig ist? So oft und so alltäglich.

Jedes Mal frage ich mich: Wann hört das endlich auf?
Falsch. Das ist die falsche Frage. Ich finde: Die richtige oder wichtigere Frage für all jene die grundlegend etwas am Rassismus in Leipzig verändern möchten lautet: Wie hat Rassismus angefangen? Wo kommt Rassismus her?
Für mich sind physische und psychische Übergriffe absolut anstrengend aber nur ein Endprodukt von gesellschaftlichen Strukturen.
Deswegen erzähle ich die Geschichte jetzt nochmal von vorne.

Mein Name ist … und das Problem heißt Rassismus.
Ich bin in ca. 4000 Metern Höhe geboren, in den bolivianischen Anden. Ich bin adoptiert. Man sieht es. Meine Eltern sind weiß, mein Bruder und ich sind braun.
Meine Eltern mussten sich zwischen einem Kind aus Indien und Bolivien entscheiden. Damals. Weil die Adoptionsagentur begründete, dass Kinder aus verschiedenen Ländern sich nicht gut vertragen. Sie entschieden sich für Bolivien, weil ihnen die Spanische Sprache vertrauter war. „Das passt einfach besser zu uns.“

Der Moment kam. Sie weinten vor Glück als sie mich im Arm hielten. Ich weinte wahrscheinlich aus Trauer und Angst. Seit einiger Zeit weiß ich, dass der europäische Kolonialismus die indigenen Inka in Bolivien ausgebeutet und nahezu ausgelöscht hat. Meine leibliche Mutter, sowie alle indigenen Menschen in Südamerika, tragen noch heute die Konsequenzen dafür. Sie leben in bitterer Armut und einer instabilen Gesellschaft. Der bolivianische Anwalt riet damals meinen Eltern sich als weiße Menschen nicht ohne bolivianische Begleitung mit uns zu zeigen. Wenn Europäer nach Bolivien kommen um Kinder mitzunehmen stößt das auf Unmut. Meine leibliche Mutter hatte, anders als meine deutschen Eltern, eigentlich keine Wahl. Sie musste meinen weißen Eltern vertrauen, dass es mir in Deutschland bessergehen wird. Irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass das nicht okay war. War das Rassismus?

In dem Gymnasium in dem ich zu Schule ging wurden mehrmals im Jahr für Bolivien Spenden gesammelt. Ich hatte dabei immer ein ganz komisches Gefühl. Ist das eine Reparationszahlung? Oder ist das die Fortsetzung einer uraltbegründeten Abhängigkeitsbeziehung? Ich frage mich was die vielen weißen Abiturientinnen die ich in Bolivien kennengelernt habe denken, wenn sie für sechs Monate drogenabhängigen, verwaisten Kindern betreuen. Fühlen sie sich wie Old Shatterhand?

Das Problem heißt Rassismus.

Rassismus war für meine Eltern nie ein Thema aber sie fürchteten sich vor dem anders sein. Sie fürchteten sich davor, was passiert, wenn rauskommt, dass mein Bruder und ich anders aussehen, anders sind. Deswegen haben sie, wie so viele andere Eltern, die Erziehungsstrategie gewählt die mich definitiv und für immer vor dieser Realität schützen sollte: Nicht-auffallen. Sie haben mich damit zum „schweigen“ und zum unsichtbar sein erzogen. Das konnte ich wirklich gut.
Das ging so weit, dass fremde Menschen meine langen glatten schwarzen Haare und meine braune Haut schon als Kind anfassten obwohl es mich störte.

Das ging so weit, dass ich mich eines Tages als Pocahontas verkleiden wollte. Zum Karneval. Alle nannten mich so, also wieso sollte ich nicht einfach mal ein Karnevalskostüm anziehen, dass mir wirklich gutsteht, anstatt immer nur Prinzessin. Mit den Worten „Dann verarschst du dich doch selber“, wurde es mir von meinen Eltern verboten. Ich hab es nicht verstanden, denn ich war 10 Jahre alt. Erst später im Gymnasium habe ich dann verstanden, dass es total daneben ist, wenn mich Mitschülerinnen permanent mit einer verklärten Zeichentrickrolle vergleichen.

Das ging so weit, dass mein Bruder und ich, 23-jährig, schwiegen als ein Freund unserer Eltern meinte, dass in der Nationalelf keine erkennbaren Deutschen mehr mitspielen und auf Boateng verwies.
Das ging so weit, dass meine Mutter noch heute immer wieder daran zweifelt ob ich europäisch genug bin.
Erzogen und sozialisiert wurde ich dazu zu denken, dass ich weiß bin.
Erzogen und sozialisiert wurde ich jedoch dazu zu wissen, dass ich nicht weiß bin.

Das Problem heißt Rassismus.

Rassismus ist nicht dasselbe wie Ausländerfeindlichkeit. Ich bin nicht ausländisch und trotzdem werde ich anders behandelt. Rassismus hat eben oft und vor allen Dingen mit äußerlichen Merkmalen zu tun. Meine Eltern haben versucht mich und meinen Bruder so gut es geht europäisch zu kleiden und zu stylen. Je weniger wir aufgefallen sind, desto beruhigter waren sie, desto stolzer. Desto mehr wollte ich diesem Ideal entsprechen. Die Pointe ist, dass ich und mein Bruder immer aufgefallen sind. Mal gerade weil wir so herrlich europäisch auftraten oder gerade weil wir dies nie sein konnten. Schon oft hörten wir den Satz „Also für eine Bolivianerin bist du wirklich hübsch“ oder „SO einen hübschen Jungen aus Bolivien haben wir ja noch nie gesehen.“ Was sollen diese Sätze bedeuten? Diese Sätze bedeuten, dass obwohl ich nicht weiß bin, bin ich überraschend gut. Das ist Rassismus.

Wiederum in anderen Situationen finden Menschen es ganz toll, dass ich anders aussehe und wahrscheinlich anders bin. Das fängt bei weißen Männern an die eine „Schwäche für Latinas“ haben und hört bei Südamerika Touristen im Fairtrade Shop auf, die mir wortwörtlich auflauern um mir zu sagen wie toll es ist, dass ich aus Bolivien komme und wann ich wieder zurückgehe. Auch die Frage „woher kommst du?“ finden viele weiße Menschen total spannend und deswegen total legitim. Für mich macht diese Frage absolut keinen Sinn. Niemanden geht etwas an, dass ich adoptiert bin.

An alle weißen Menschen die es betrifft: Ich bin niemals eure Dekoration und niemals jemand an dem man seine paternalistischen Fantasien ausleben kann. Ich bin nicht Winnetou oder Pocahontas und ich brauche keinen Old Shatterhand. Niemals. Das Problem heißt Rassismus.

Also, woher kommt Rassismus? Rassismus ist der fortgeführte Machtmissbrauch und die gefühlte sowie tatsächliche Überlegenheit über mich, nur weil ich anders aussehe. Als die Spanier Südamerika eroberten, fühlten sie sich kulturell überlegen. Sie waren diejenigen, die die Macht hatten indigene Menschen zu unterdrücken. Wenn mich heute ein Nazi in den öffentlichen Verkehrsmitteln rassistisch beleidigt oder zuweilen körperlich bedroht dann verspürt er ebenfalls Macht. Er weiß, dass ihm nichts passiert. Die Macht ist aber auch auf Seiten weißer Menschen die nicht eingreifen und zuschauen. Sie wissen auch, dass ihnen nichts passiert. Sie sind nicht das Ziel. Das ist Rassismus.

In der Situation die ich zu Beginn geschildert habe, telefonierte ich mit meiner Mutter. Als die rassistischen Provokationen nach einer halben Stunde zu viel wurden, habe ich unter einem Vorwand das Gespräch mit ihr beendet. Als ich am Leipziger Hauptbahnhof ankam erzählte ich ihr warum ich so schnell aufgelegt hatte. Sie war traurig und ratlos, helfen konnte sie mir nicht. Wie schlimm muss das sein, wenn man seine Kinder selber nicht vor Rassismus schützen kann und ihnen auch nie beigebracht hat sich davor zu schützen?

Meine Eltern sind nur ein ganz kleiner Teil von einer Gesellschaft die schweigend mitmacht und sich rassistischen und post-kolonialistischen Denkweisen fügt. Und ich finde, keine weiße Person hat das Recht meine Eltern dafür zu verurteilen bevor er oder sie sich nicht selber in Frage gestellt hat. Ich würde mir wünschen, dass jeder seine eigenen Möglichkeiten prüft Rassismus entgegen zu treten. Der erste Schritt dahin wäre offen zu sagen: Das Rassismus ein Problem ist.

 

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Lokaler Ableger der bundesweiten Kampagne Rassismus tötet