Rassismus tötet! Leipzig

„Sachsen braucht eine neue Unterbringungspolitik – keine neuen Heime!“

Ge­mein­sa­me Stel­lung­nah­me des In­itia­tiv­krei­ses: Men­schen.Wür­dig. aus Leip­zig und des Netz­werks Asyl Mi­gra­ti­on Flucht Dres­den (NAMF) zur der­zei­ti­gen Dis­kus­si­on um die Un­ter­brin­gung von Asyl­su­chen­den und die ras­sis­ti­schen Pro­tes­te gegen Asyl­su­chen­de und Heime in Sach­sen

Auf­grund glo­ba­ler Kon­flik­te steigt die Zahl der Men­schen, die flie­hen müs­sen und an­ders­wo Asyl be­an­tra­gen, in den letz­ten Jah­ren er­heb­lich. Laut Mel­dun­gen der Leip­zi­ger Volks­zei­tung wer­den bis zu 42 neue Heime in Sach­sen be­nö­tigt, um die Zahl zu­ge­wie­se­ner Asyl­su­chen­der un­ter­brin­gen zu kön­nen. Die Re­ak­tio­nen in Deutsch­land sind zu­meist ge­prägt von Pro­tes­ten gegen neue Un­ter­künf­te und von Reden vom so­ge­nann­ten „Asyl­miss­brauch“. Die Ab­leh­nung wird dabei von brei­ten Schich­ten der Be­völ­ke­rung ge­tra­gen

„Die Kom­mu­nen schei­nen dar­auf schlecht vor­be­rei­tet zu sein. Dies über­rascht, weil die Ent­wick­lung der An­trags­zah­len vor­her­seh­bar war. Die Ver­ant­wor­tung dafür liegt auch bei der Un­tä­tig­keit des Frei­staa­tes. Kom­mu­nen und Län­der hät­ten früh­zei­ti­ger re­agie­ren und an­ge­mes­se­ne Un­ter­künf­te be­reit­stel­len kön­nen. So aber su­chen sie der­zeit pa­nisch nach den un­at­trak­tivs­ten Orten. Am Ende wer­den wie­der Mas­sen­un­ter­künf­te ent­ste­hen, die jed­we­der Men­schen­wür­de ent­ge­gen­ste­hen.“, so Ste­fan Stein vom Dres­dner Netz­werk Asyl Mi­gra­ti­on Flucht (NAMF).

Heime und Mas­sen­un­ter­künf­te sind auf­grund ihrer räum­li­chen Iso­la­ti­on immer An­griffs­ob­jekt von Vor­ur­tei­len, Ge­rüch­ten, Ras­sis­men und tät­li­chen An­grif­fen ge­gen­über Be­woh­ne­rIn­nen. Be­reits 1979 wurde im Land­tag von Ba­den-Würt­tem­berg fest­ge­stellt, dass eine Heim­un­ter­brin­gung „so­wohl zu er­heb­li­chen Schwie­rig­kei­ten in­ner­halb des Wohn­heims als auch zu Stö­run­gen im Zu­sam­men­le­ben mit der deut­schen Be­völ­ke­rung füh­ren [kann]. (…) Die zen­tra­li­sier­te Un­ter­brin­gung (…) führt zu einem ge­stei­ger­ten sub­jek­ti­ven Si­cher­heits­be­dürf­nis der Be­völ­ke­rung.“

„Es ver­wun­dert daher nicht, wenn NPD, Freie Kräf­te und an­de­re ras­sis­ti­sche Or­ga­ni­sa­tio­nen mobil ma­chen und gegen Asyl­su­chen­de und die Un­ter­künf­te het­zen. Sie sto­ßen damit auf of­fe­ne Ohren und geben Bür­ge­rIn­nen die Mög­lich­keit, ihren Ras­sis­mus aus­zu­le­ben.“, so Stein.

Die der­zei­ti­ge Lage bun­des­weit wie re­gio­nal ist er­schre­ckend: Es ver­geht kaum ein Tag in der Bun­des­re­pu­blik, ohne dass in der Pres­se von An­grif­fen auf oder Auf­mär­schen vor zu­künf­ti­gen Hei­men zu lesen ist. Bei­spie­le dafür sind Leip­zig-Wah­ren, Rack­witz sowie die Fa­ckel­mär­sche in Schnee­berg oder auch Greiz. Gegen diese Ent­wick­lung gilt es end­lich aktiv zu wer­den.

„Die Pro­ble­me be­ste­hen je­doch nicht nur au­ßer­halb der Un­ter­künf­te in Form ras­sis­ti­scher Mo­bi­li­sie­rung“, so Stein, „Auch in­ner­halb gibt es auf­grund der men­schen­un­wür­di­gen und ge­sund­heits­schäd­li­chen Un­ter­brin­gung Dif­fe­ren­zen zwi­schen den Asyl­su­chen­den. Heime waren und sind – neben der Auf­nah­me – auch zur Ab­schre­ckung Asyl­su­chen­der ge­dacht. Eine so­ge­nann­te In­te­gra­ti­on und der damit ver­bun­de­ne Aus­tausch mit der ört­li­chen Be­völ­ke­rung wird mit der Un­ter­brin­gung in Hei­men ver­hin­dert.“, so Stein wei­ter.

„Diese Spi­ra­le wird sich so lange wei­ter dre­hen, bis sich ein grund­le­gen­der Wan­del in der Un­ter­brin­gungs­po­li­tik Asyl­su­chen­der in Sach­sen ein­stellt.“, so Kim Schö­nerg vom In­itiait­v­kreis: Men­schen.Wür­dig. in Leip­zig. „Nur ein von den Asyl­su­chen­den selbst­be­stimm­tes Leben in Woh­nun­gen kann dem oben skiz­zier­ten Kreis­lauf ein Ende be­rei­ten. Dabei kann auf be­währ­te Kon­zep­te zu­rück­ge­grif­fen wer­den.“, so Schön­berg wei­ter.

So sind bei­spiels­wei­se in Le­ver­ku­sen bis zu 70 % der Asyl­su­chen­den in ei­ge­nen Woh­nun­gen un­ter­ge­bracht. Diese Woh­nungs­un­ter­brin­gung för­dert den Sprach­er­werb und die In­te­gra­ti­on in das neue Le­bensum­feld sowie den Ar­beits­markt. In­ner­halb die­sen Kon­tak­tes wird der Zu­ge­winn der Zu­wan­de­rung auf per­sön­li­cher Ebene sicht­bar, fern­ab der ma­te­ri­el­len Nutz­bar­ma­chung, wie sie dem säch­si­schen In­nen­mi­nis­ter Mar­kus Ulbig durch die An­er­ken­nung hoch­qua­li­fi­zier­ter Ge­flüch­te­ter vor­schwebt.

„Der Aus­sa­ge des säch­si­schen Aus­län­der­be­auf­trag­ten Mar­tin Gillo kann nicht zu­ge­stimmt wer­den: Sich „wie nor­ma­le Mit-Ein­woh­ner [zu] füh­len und sich genau so [zu] ver­hal­ten“, kann nicht in einer Un­ter­kunft von 50 bis 100 Per­so­nen er­reicht wer­den. Die­ses Ge­fühl ist nur in­ner­halb einer an­säs­si­gen Nach­bar­schaft und in einer ei­ge­nen Woh­nun­gen zu er­lan­gen.“, so Schön­berg.

Um die Un­ter­brin­gung in Woh­nun­gen zu ge­währ­leis­ten, müs­sen Kom­mu­nen, So­zi­al­äm­ter, Ord­nungs­be­hör­den, die Lan­des­re­gie­rung und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen zu­sam­men­ar­bei­ten. Der Rich­tungs­wan­del ist jetzt mehr als not­wen­dig. Ge­scheh­nis­se wie in Schnee­berg, Gro­ßen­hain oder in Greiz soll­ten uns eine War­nung sein, um Po­gro­me wie An­fang der neun­zi­ger Jahre zu ver­hin­dern und das Leben der Asyl­su­chen­den men­schen­wür­dig zu ge­stal­ten.

In­itia­tiv­kreis: Men­schen.Wür­dig. Leip­zig und Netzwerk Asyl Migration Flucht Dresden, 29.10.2013
29.10.2013

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