Rassismus tötet! Leipzig

Leipziger Rede

Wir dokumentieren hier den Beitrag der „Leipziger Rede 2017“ von Alisa:

Hallo,
ich bin Alisa.
Ich komme aus Leipzig und in meinem heutigen Redebeitrag werde ich mein Aufwachsen als Schwarze Person in dieser Stadt schildern. Diese Stadt, die sich so gerne als weltoffen und tolerant darstellt.

Es ist erstaunlich, wie man vom ach so süßen Schokobaby, was alle haben wollen, ein paar Jahre später zur Angriffsfläche für rassistische Anfeindungen wird.
Das zu verstehen und einzuordnen war schwer für mich als Kind, gerade weil die Blicke und Anfeindungen von Erwachsenen, Jugendlichen, Kindern und irgendwie aus allen Ecken kamen.
Ich dachte früher: es gibt ja ganz schön viele Nazis, denn den Begriff des Rassismus kannte ich lange Zeit nicht.
Ein Beispiel, was das gut verdeutlicht, ist folgendes:

Als ich zum ersten und letzten Mal im Ferienlager war, gab es einige Kinder, die mich und meine Schwester rassistisch beleidigten und ausgrenzten. Ein Junge im Portugaltrikot ist mir gut in Erinnerung geblieben.
Ich habe nicht verstanden wie er als Fan einer ausländischen Fußball Mannschaft, eine vermeintliche Ausländerin beleidigen kann.
Das man rassistisch sozialisiert wird und trotzdem Portugal Fan sein kann, wurde mir viel später klar.

Anfang der 2000er in Leipzig, war man noch häufiger als heute in vielen Orten, die einzige PoC Person. Und wahrscheinlich für viele auch die erste, die sie je gesehen haben.
Ich habe dadurch gelernt, dass mein Aussehen, meine Hautfarbe für viele etwas Ungewöhnliches oder sogar ein Problem ist.

Dadurch entwickelte sich der Wunsch, irgendwo „richtig“ dazu zu gehören und die Frage, wer soll ich eigentlich sein?

Die in der Gesellschaft verbreiteten und sehr einseitigen Bilder über Schwarzen Personen wirkten stark auf meine Identitätsfindung.

Die Rassismen und Bilder die über eine Schwarzen Person existieren, sind beispielsweise: man kennt sich mit Afrika aus, kann gut tanzen und singen und spricht auf jeden Fall mindestens noch eine andere Sprache neben Deutsch. Oft befand ich mich im Zwiespalt zwischen „zu den anderen weißen“ dazugehören zu wollen oder dem Bild einer Schwarzen Person zu entsprechen.
Einerseits empfand ich die Erwartungen als absurd, andererseits waren das auch die Bilder, die ich kannte. Dadurch bekam ich ein schlechtes Gewissen, da ich diese Vorstellungen einer typischen Schwarzen nicht erfüllte, aber dem Bild des weißen blonden Mädchens konnte ich erst Recht nicht entsprechen, auch wenn ich früher einiges dafür gegeben hätte.

Im Zuge meines Älterwerdens fing ich an, mich mit dem Thema Rassismus theoretisch auseinanderzusetzen. Anfangs vor allem in anderen Länder wie Südafrika und der USA.
Über das Thema fand ich wenig in Bezug auf Deutschland. Das änderte sich in den letzten Jahren.
Die Theoretische Beschäftigung eröffnete mir andere Betrachtungsweisen und gibt mir die Möglichkeit, Erfahrungen rationaler zu betrachten und in bestimmte Kontexte zu setzen.
Die Erlebnisse in meiner Kindheit nun mit treffenden Begriffen benennen zu können, half mir beim Verarbeiten dieser.

Auf emotionaler Ebene verstand ich, dass ich nicht alleine dastehe, sondern mit vielen anderen Menschen ähnliche Erfahrungen teile. Außerdem konnte ich mir selber eingestehen, dass die Gefühle, wie Wut, Trauer und Unverständnis in Ordnung und normal sind.
So lernte ich offener und weniger schambelastet über Erfahrungen mit Rassismus zu sprechen und kann hier heute diese Rede halten.

Ich versuche Strukturen die hinter Rassismus stecken zu verstehen.
Zu erkennen das Rassismus auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft verankert ist und einen bestimmten Zweck in dem Kapitalstichen System erfüllt, ließ mich Beleidigungen etc. weniger persönlich nehmen

Direkten Rassismus erfahre ich persönlich auf zwei Arten.

Einerseits gibt es die offenen Anfeindungen, wie letztes Jahr als ich ein Gruppe von Männern im Späti, laut sagen hörte, „dass sie jetzt lieber den Laden verlassen, wenn hier auch ein N. einkauft“.

Auf diese Art von Rassismus reagiere ich heute sehr laut und aggressiv.
Denn ich habe kein Bock, dass diese Menschen denken, sie kämen damit einfach so durch.

Auf die für mich subtilere Form von Rassismus, wie Vorurteile und Zuschreibungen über meine Person auf Grund meines Aussehens. Bsp. Sind deine Haare echt? Hab ich oft keine Antwort.

Wenn zum Beispiel meine ehemalige Lehrerin mich zum xten-mal fragt, woher ich komme und welcher Religion ich angehöre, und sich dann freut, dass ich einen Vortrag zum Thema Kuba halte, „weil das ja super passt“, nicke und lächle ich meist nur.

Das schwierige für mich ist, dass ich weiß, dass bei den meisten keine böse Absicht dahinter steckt, und ich die Leute dann nicht vor den Kopf stoßen will und meist keine Lust auf eine Diskussion habe.
Trotz allem nervt es mich oft genug und lässt mich mit dem Gefühl des Anders- seins zurück.

Letztes Jahr arbeitete ich auf dem Weihnachtsmarkt. Am direkten Nebenstand wurden Schokoküsse verkauft.
Man kann sich sicherlich vorstellen, wie ein großer Teil der WeihnachstmarktbsucherInnen, diese nannte.
Ob alt, ob jung das Wort N-kuss ist immer noch sehr weit verbreitet. Anfangs fragte ich mich ob, die Leute es vielleicht einfach nicht besser wissen…
Doch immer häufiger hörte ich, den Beisatz: das darf man ja eigentlich nicht mehr sagen, es dann trotzdem taten. Wirklich erstaunt, hat mich dann die Beobachtung, dass einige erst „Schokokuss“ sagten, um sich im nächsten Satz zu korrigieren… es wirkte fast wie ein Festklammern an Rassismus.

Ich glaube nicht daran, dass Sprache die Strukturen dahinter krass verändert, aber für mich persönlich ist es super anstrengend den halben Tag das Wort „Neger“ zuhören. Genauso wünsche ich mir, dass die wenigen schwarzen Kinder, die ich auf dem Weihnachtsmarkt gesehen habe, nicht andauert damit konfrontiert werden.

Und in solchen Situationen wünsche ich mir mehr Reaktionen von unbeteiligten Personen.
Ich finde, dass es in diesen Tagen, in denen sich ganz deutlich zeigt, dass Rassismus kein Problem des rechten Randes ist, es um so wichtiger ist, sich öffentlich zu solidarisieren.

In meinen 25 Jahren, die ich in Leipzig wohne und verschiedenste rassistische Erfahrungen in öffentlichen Räumen gemacht habe, habe ich kaum direkte Unterstützung erlebt, sei es in Grünau oder Connewitz.

Danke fürs zu hören.

 

Sorry, the comment form is closed at this time.

Lokaler Ableger der bundesweiten Kampagne Rassismus tötet